Rosenheim – Einfach ist Dirk Gallasch die Entscheidung nicht gefallen. Getroffen hat er sie trotzdem. Nach zwölf Jahren schließt er sein Geschäft „Sciptorium“ an der Salinstraße. „Es nützt nichts. Die Zahlen gehen seit zwei Jahren kontinuierlich nach unten“, sagt er. Er sitzt hinter der Theke. Während er erzählt, schneidet er selbst gestaltete Rabattzettel aus. Noch bis heute, Freitag, ist er vor Ort, verkauft Stifte, Postkarten und Tusche. Auf alles gibt es 30 Prozent. Dann schließt er. Für immer.
Schlechte Lage
am Salinplatz
Gründe gebe es einige. „Die Kunden haben nicht mehr das Geld, höhere Ansprüche durchzusetzen“, sagt er. Statt in ein Fachgeschäft zu gehen, würden viele jetzt von dem Sofa aus ihre Bestellungen tätigen. Zwar gibt es immer noch Rosenheimer, die den Weg in sein Geschäft finden, doch die Zahl gehe immer weiter nach unten. Auch die Lage am Salinplatz sei nicht optimal. Jetzt hat Gallasch die Reißleine gezogen. Das hat sich herumgesprochen. Immer wieder kommen Kunden in Gallaschs Geschäft. Sie stellen Fragen, lassen sich beraten und stöbern durch das Sortiment. „Grußkarten und Briefpapier verkaufe ich am meisten. Das war schon immer so“, sagt Gallasch. Kurz unterbricht er das Gespräch, um einem jungen Mann einen Kugelschreiber zu empfehlen. Er scherzt, stellt Fragen. Der Umgang mit den Menschen macht ihm Spaß. „Das habe ich schon immer gerne gemacht“, sagt er.
Lange Zeit war Gallasch für ein Großunternehmen in der Möbelbranche tätig. Erst in Deutschland, später auch in Österreich. „Ich war sehr oft unterwegs“, erinnert er sich. Im Anschluss dekorierte er Geschäfte in Hannover und kümmerte sich später um Großveranstaltungen. Er gestaltete Flächen mit einer Größe von 15.000 bis 20.000 Quadratmetern. „Die Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt Gallasch.
Und doch entschied er sich irgendwann für die Selbstständigkeit. Er zog nach Rosenheim, machte neue Bekanntschaften und erfuhr über Umwege von einer leer stehenden Immobilie an der Salinstraße. Gallasch nahm Kontakt zum Eigentümer auf. Schnell konnten sich die beiden Männer einigen. Das „Scriptorium“ war geboren. „Mein Anspruch an Qualität war immer sieben Etagen höher als anderswo“, sagt er.
Auf Schulbedarf habe er von Anfang an verzichtet. Stattdessen legte er Wert auf gute Qualität, auf Papier, auf dem das Arbeiten Spaß machte und die Schrift auf der Rückseite nicht durchschimmerte. Er selbst sei jemand, der gerne mit den Händen arbeite. Der Freude am Schönschreiben hat und sich Zeit nimmt, um mit Federn und Pinseln etwas zu Papier zu bringen. Diese Leidenschaft will er auch an die Rosenheimer weitergeben.
Schon seit vielen Jahren bietet er deshalb Handschriftkurse an. Er arbeitet mit Schulen zusammen, telefoniert immer wieder mit Eltern, die ihre Kinder vorbeischicken wollen. „Der jüngste Teilnehmer, den ich bisher hatte, war neun Jahre alt“, sagt Gallasch. Aber auch 18-Jährige würden bei ihm im Kurs sitzen. „Viele Kinder und Jugendliche können nicht mehr anständig schreiben“, sagt er. Dieser Zustand werde sich auch in den nächsten Jahren wohl nicht verbessern.
Der Bedarf ist also da. Nur die Zeit, um noch mehr Kurse anzubieten, fehlte Dirk Gallasch bisher. „Ich habe viel Zeit im Geschäft verdaddelt“, sagt er. Gerade im Sommer sei es übel gewesen. „Da saß ich sieben Stunden rum, hatte keine Kundschaft und es war heiß.“ Energie für etwas anderes habe er da nicht gehabt. Das könnte sich jetzt ändern. Denn auch wenn er sein Geschäft schließt, will er den Rosenheimer erhalten bleiben – und noch mehr Kurse anbieten.
Es gibt Handschrift-Kurse, Handlettering – also die Kunst, Buchstaben zu zeichnen und aus Wörtern eigene Kunstwerke zu schaffen – und Handlettering-Kurse auf dem Bauernhof. Gallasch plant zudem einen Kurs, in dem sich alles um Harry Potter dreht. „Die Schrift, die im Film geschrieben wird, kann man bei mir lernen“, sagt er stolz.
Langweilig wird es Dirk Gallasch also nicht. Zumal er auch weiterhin für seine Kunden da ist, wenn es um spezielle Wünsche geht. „Wer eine Beratung benötigt oder eine spezielle Miene, kann sich nach wie vor bei mir melden“, sagt er. In den kommenden Tagen wird er diese Fragen noch vor Ort beantworten. Heute wird er ein letztes Mal sein Geschäft aufsperren. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge.