Abuzar Erdogan stürzt Andreas März

von Redaktion

Rosenheim hat einen neuen Oberbürgermeister: Nach 65 Jahren übernimmt mit Abuzar Erdogan erstmals wieder ein SPD-Politiker den Rathausposten. Andreas März (CSU) wurde nach sechs Jahren im Amt abgewählt. Es ist ein Ergebnis, das so wohl niemand erwartet hatte.

Rosenheim – Es ist still im Rathaus. Mit ungläubigen Gesichtern verfolgen Stadträte, Mitarbeiter der Verwaltung und zahlreiche Pressevertreter die Auszählung. Ein Stockwerk weiter oben hat sich der amtierende Oberbürgermeister Andreas März (CSU) in sein Büro zurückgezogen, umgeben von seiner Familie, engen Vertrauten und Kollegen. Alt-Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer war gekommen. Auch der Landtagsabgeordnete Daniel Artmann und Daniela Ludwig, Parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium, unterstützen ihren Kandidaten.

Nach nur einer
Amtsperiode abgewählt

Am Ende reicht es nicht. Um kurz vor 19 Uhr steht das Ergebnis endgültig fest: Andreas März ist abgewählt. Nach nur einer Amtsperiode. Während er nur 46,6 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen kann, kommt sein Herausforderer Abuzar Erdogan (SPD) auf 53,5 Prozent. Insgesamt erhielt Erdogan 11.283 Stimmen, März 9.829. Ein historischer Sieg, hat doch seit über 60 Jahren kein SPD-Politiker mehr im Rosenheimer Rathaus regiert.

Riesige Enttäuschung
bei der CSU

Und doch sind die Blicke an diesem Abend vor allem auf einen Mann gerichtet: Andreas März. Das Ergebnis steht seit wenigen Minuten fest, da erscheint er im Großen Sitzungssaal des Rathauses. Hinter ihm seine Frau Andrea, mit Tränen in den Augen. Die beiden schütteln Hände. Es gibt einige Umarmungen. Dann tritt März vor die Kameras. Seine Stimme ist leise. „Die Enttäuschung ist groß“, sagt er. In den vergangenen beiden Wochen habe er nicht den Eindruck gehabt, dass die Rosenheimer unzufrieden seien. Weder mit ihm, noch mit seiner Arbeit. „Wir haben für die Stadt viel erreicht“, sagt er. Dann wird er nachdenklich. Fast schon traurig. „Es ist uns offensichtlich nicht gelungen, diese Botschaften ausreichend vielen Menschen rüberzubringen.“

Geringe Wahlbeteiligung bei der Stichwahl

Woran es am Ende gelegen hat, könne er nicht sagen. Er verweist auf die geringe Wahlbeteiligung, die mit 45,5 Prozent deutlich niedriger war als noch vor zwei Wochen. Da waren es immerhin 53,3 Prozent. „Mein Herausforderer hat es offensichtlich geschafft, mehr Menschen für sich zu gewinnen“, sagt März. Er nutzt die Gelegenheit, um sich bei seinen Unterstützern zu verabschieden. Dann verlässt er den Sitzungssaal. Leise. Ohne viel Aufhebens.

Die Stille bleibt. Jedenfalls für einen Moment. Dann betritt Abuzar Erdogan das Rathaus. Dicht gefolgt von Gabriele Leicht, der Dritten Bürgermeisterin der Stadt, seinen engsten Freunden und zahlreichen Unterstützern. Sie alle haben die Auszählung im SPD-Büro verfolgt. Mit Bier und Häppchen. Erdogan macht eine Runde durch den Raum. Holt Glückwünsche ab, Gratulationen zu diesem historischen Sieg. Von dem auch er etwas überrumpelt zu sein scheint.

Viel Zuspruch
und gute Gespräche

„Ich bin überwältigt und sprachlos. Ich muss das jetzt erst einmal alles für mich sortieren“, sagt Erdogan. Die Stimmung in der letzten Stunde sei unvergleichlich gewesen. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt er. Kurz schaut er auf den Bildschirm, mit den Ergebnissen. Ob er damit gerechnet hat, wird er gefragt. „Ich konnte es überhaupt nicht einschätzen“, sagt er. Viel Zuspruch habe es gegeben, viele gute Gespräche an den Infoständen. „Uns ist es gelungen, viele verschiedene Gruppen zu erreichen und auch Nichtwähler zu mobilisieren.“

Gelungen sei das unter anderem durch Social Media. Dort war Erdogan so aktiv wie wohl kaum ein anderer. Fast täglich hat er neue Videos und Fotos gepostet. Er hat zu Live-Duellen herausgefordert, zahlreiche Fragerunden gemacht und den Leuten, die ihm folgten, das Gefühl gegeben, Teil von etwas Großem zu sein. „Die sozialen Medien haben den Wahlkampf sicherlich verändert, trotzdem müssen die Inhalte natürlich passen. Ohne Konzept und Idee funktioniert auch ein Wahlkampf in den sozialen Medien nicht.“ Für Abuzar Erdogan geht die Arbeit jetzt aber erst richtig los. „Es müssen viele Gespräche geführt werden“, sagt er. Das sei auch mit Blick auf die Sitzverteilung im Stadtrat wichtig. Denn eine absolute Mehrheit gibt es nicht, auch wenn die SPD mit dem Sieg an diesem Sonntagabend einen Sitz dazugewonnen hat. „Keine Partei kann alleine etwas machen. Ich hoffe, dass die Parteigrenzen auch in Zukunft nachrangig sind und die Sache im Vordergrund steht. Das ist jetzt mein Ziel“, sagt er.

Für März geht die Arbeit am Montag erst mal weiter

Vorerst hat aber der amtierende Oberbürgermeister Andreas März noch das Sagen. „Am Montag geht es für mich ganz normal in die Arbeit. Wir müssen bis Ende April noch einiges abarbeiten und noch einige Dinge beschließen“, sagt März. Wie es im Anschluss für ihn persönlich weitergehe, müsse er dann in Ruhe mit seiner Familie besprechen.

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