Rosenheim – Leicht zu erreichen ist Abuzar Erdogan nicht. Nach seinem historischen Sieg am Sonntag ist er ein gefragter Mann. Er muss Interviews geben, im Minutentakt klingelt sein Telefon. Jeder will dem frisch gewählten Oberbürgermeister gratulieren. „Die letzten Stunden waren sehr überwältigend, die Stimmung war sensationell“, sagt er.
Nach der Entscheidung habe er seinen Sieg gefeiert, seit Montag liege sein Fokus aber auf der neuen Aufgabe. Gespräche müssen geführt, mögliche Zusammenarbeiten besprochen werden. Auch in seinem privaten Umfeld müsse einiges geklärt werden. „Ich muss mein Leben quasi umstellen“, sagt er. Während sich Erdogan also auf seinen Amtsantritt am 1. Mai vorbereitet, wird im Hintergrund über das Ergebnis diskutiert.
Mehrheiten müssen
gefunden werden
Mit dem Ausgang hat zumindest bei den Rosenheimer Grünen kaum jemand gerechnet. „Ich habe es geahnt, auch mit Blick auf den bayernweiten Trend. Die Leute wollen eine Zäsur, einen Wechsel“, sagt der Fraktionsvorsitzende Peter Rutz am Telefon. Auch er war am vergangenen Sonntagabend im Rathaus.
Er hat die Ergebnisse verfolgt, hat erst dem amtierenden Oberbürgermeister Andreas März die Hand geschüttelt und später dem Sieger des Abends, Abuzar Erdogan, gratuliert. „Er hat einen sehr guten Wahlkampf gemacht“, sagt Rutz. Die Aufgabe sei es jetzt, Mehrheiten zu finden. Ohne die Grünen wird es nicht gehen. Das weiß auch Rutz. „Wir sind die zweitstärkste Fraktion. Wir sind für Gespräche bereit und werden unsere Rolle auch spielen“, sagt Rutz.
CSU-Stadträte
zurückgetreten?
Welche Mehrheiten sich wie finden werden, scheint derzeit noch offen. Auf der Hand liegt sicherlich eine Kooperation zwischen CSU und SPD. Doch die vergangenen Wochen dürften auch hier ihre Spuren hinterlassen haben. So machten bereits am Sonntagabend Gerüchte die Runde, dass nach Bekanntgabe des Ergebnisses CSU-Stadträte ihren Rücktritt bekannt gegeben haben sollen.
Überrascht darüber äußerte sich Dr. Wolfgang Bergmüller, Fraktionsvorsitzender der CSU. „Das kann ich mir nicht vorstellen und es würde mich auch sehr wundern“, sagt er am Telefon. Licht ins Dunkel sollte eine Fraktionssitzung am gestrigen Montagabend bringen. Dann soll auch die Niederlage genau analysiert werden. „Gerechnet haben wir damit nicht. Es ist ein Umbruch“, sagt er.
Das bestätigt ein Blick auf die Zahlen. Denn es ist 65 Jahre her, dass die Stadt Rosenheim mit Herbert Springl von einem SPD-Oberbürgermeister regiert wurde. Auf ihn folgten zahlreiche CSU-Politiker, darunter Sepp Heindl, Dr. Albert Steinbeißer, Dr. Michael Stöcker, Gabriele Bauer und schließlich Andreas März. Nicht überraschend also, dass die Rosenheimer von einer Sensation sprechen.
Zusammenarbeit mit
AfD ausgeschlossen?
Und doch herrscht nicht überall Begeisterung. „Natürlich wäre uns ein CSU-Oberbürgermeister lieber gewesen“, sagt Andreas Kohlberger, Fraktionsvorsitzender der AfD. Er lobt Erdogans Wahlkampf, erinnerte noch einmal daran, dass „demokratisch gewählt wurde“ und man das Ergebnis jetzt hinnehmen muss. Aber, auch das macht er deutlich: Einfacher wird die Situation für die AfD im Stadtrat dadurch nicht.
Dass es in den kommenden sechs Jahren noch schwerer werden dürfte, Mehrheiten zu finden, davon ist Kohlberger überzeugt. „Letztlich geht es aber darum, für die Bürger Entscheidungen zu treffen. Da sollte es grundsätzlich egal sein, woher der Vorschlag kommt“, sagt Kohlberger. Zumindest im Wahlkampf hatte Erdogan deutlich gemacht, dass eine Zusammenarbeit mit der AfD für ihn ausgeschlossen ist. Gleichzeitig will er ein „Oberbürgermeister für alle“ sein. Keine leichte Aufgabe.
Deutlichkeit überrascht
Freie Wähler/UP
„Die Deutlichkeit des Ergebnisses hat mich überrascht“, sagt Robert Multrus, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler/UP. Dass Abuzar Erdogan die Nase vorn hatte, eher weniger. Zumindest dann, wenn man sich die vergangenen zwei Wochen anschaut. „Abuzar hat einen sehr intensiven Wahlkampf in den sozialen Medien geführt. Die CSU ist da nicht so ganz mitgekommen“, sagt er.
Das könnte auch dem Alter geschuldet sein. Während sowohl die SPD als auch die Grünen in den kommenden sechs Jahren auf junge Politiker setzen, wurden bei der CSU zahlreiche alteingesessene Politiker wiedergewählt. „Es wird eine andere Kommunikationsebene sein“, ist auch Peter Rutz von den Grünen überzeugt.
„Erschüttert“ über die
geringe Wahlbeteiligung
Die CSU betreibt derzeit Ursachenforschung. „Was mich am meisten erschüttert hat, ist die geringe Wahlbeteiligung. Da fragt man sich schon, ob die Menschen unsere Arbeit überhaupt interessiert“, sagt Wolfgang Bergmüller (CSU). An der Darstellung des Stadtrats nach außen müsse gearbeitet werden. „Themen müssen in die Öffentlichkeit gebracht werden, nur dadurch werden Diskussionen angeregt“, fügt er hinzu.
Ob das am Ausgang der Wahl etwas geändert hätte? „Andreas März hat in den vergangenen sechs Jahren eine gute Leistung erbracht“, sagt Bergmüller. Er erinnert an den Spielplatz im Salingarten, die Sanierung des Lokschuppenvorplatzes, aber auch den Baustart des Lehrschwimmbeckens Am Nörreut. „Von den Leuten wird all das nicht honoriert“, kritisiert Bergmüller.
Zusammenhalt
in der CSU-Familie
Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass auch Teile der CSU nicht immer geschlossen hinter ihrem Oberbürgermeister standen. März selbst bedankt sich am Tag nach der Wahl jedoch für den „Zusammenhalt in der CSU-Familie“. Er sei enttäuscht, am Ende hätten die Wähler entschieden, das gelte es zu akzeptieren. „Rosenheim steht sehr gut da, wirtschaftlich stark, finanziell solide und sozial stabil“, schreibt er.
Lob für die Arbeit der vergangenen sechs Jahre gibt es auch von Robert Multrus (Freie Wähler/UP). „Andreas März hat einen guten Job gemacht“, sagt er.
Ein Blick in die
einzelnen Stadtteile
Und doch stellt sich die Frage, was schiefgelaufen ist bei dieser Wahl, mit deren Ausgang wohl so niemand gerechnet hatte. Ein Blick auf die einzelnen Stadtteile hilft.
Von zehn Bereichen konnte Andreas März lediglich in zwei überzeugen. Nur die Menschen in Fürstätt und Pang wollten, dass er im Amt bleibt. In Fürstätt holte März 56,5 Prozent der Stimmen, Abuzar Erdogan hingegen 43,5 Prozent. In Pang wollten ihm immerhin 56,0 Prozent zum Wahlsieg verhelfen. In allen anderen Stadtteilen war es eine klare Sache. Am deutlichsten wurde es in der Innenstadt: Dort wählten 60,7 Prozent Abuzar Erdogan und nur 39,3 Prozent Andreas März. Allerdings: Dort lag die Wahlbeteiligung gerade mal bei 14,9 Prozent. Sowohl im Rosenheimer Westen, im Osten und Süden holte der neue Oberbürgermeister zwischen 52,0 und 53,1 Prozent. In Westerndorf St. Peter und Happing wollten ebenfalls 52,9 beziehungsweise 52,8 Prozent der Wähler einen Wechsel im Rathaus. In Aising konnte der Herausforderer 53,4 Prozent von sich überzeugen. Dort gab es auch mit 23,7 Prozent die höchste Wahlbeteiligung der einzelnen Stadtteile. Bei der Briefwahl konnte Erdogan 53,9 Prozent auf sich vereinen, März lag bei 46,1 Prozent.
Fokus liegt auf
Kommunikation
Auf Abuzar Erdogan wartet jetzt eine große Aufgabe. Er hat zahlreiche Versprechen gemacht. Diese Erwartungen gilt es jetzt zu erfüllen. „Es gibt politisch genügend Themen, die man in den Mehrheitsverhältnissen so platzieren kann, dass entweder die eine oder die andere Mehrheit funktioniert“, sagt Erdogan. Es sei schon lange nicht mehr so, dass eine Partei die absolute Macht habe. „Wir müssen miteinander offen reden“, sagt er.