In Rosenheim wurde Geschichte geschrieben. Nach über 60 Jahren wird mit Abuzar Erdogan erstmals wieder ein Sozialdemokrat in das Rathaus einziehen. Das ist ein starkes Zeichen und ein unmissverständliches Signal der Bürger: Die Rosenheimer wollen Veränderung. Erdogan hat im Wahlkampf eine Welt voller Möglichkeiten skizziert und die Menschen dort abgeholt, wo die CSU sie offenbar verloren hat – in den sozialen Medien. Doch zum Regieren reichen ein Smartphone und Social Media nicht. Die kommenden sechs Jahre werden alles andere als einfach. Als Chef der drittstärksten Fraktion ist Erdogan ein Oberbürgermeister ohne eigene Hausmacht. Er muss es schaffen, Mehrheiten zu gewinnen. Die Grünen werden kaum von ihren Forderungen bei Klimaschutz und Verkehrswende abrücken. Die CSU dürfte nach der Pleite am Wahlabend verschnupft sein und könnte Erdogan – im schlimmsten Fall – am langen Arm verhungern lassen. Ein Selbstläufer wird das also nicht. Im Gegenteil. Für den Herausforderer ist es leicht, Missstände anzuprangern und Versprechen zu machen. Jetzt muss Erdogan beweisen, dass er nicht nur ein guter Wahlkämpfer ist. Er muss Mehrheiten schmieden, Kompromisse erzwingen und – was am schwierigsten wird – die Erwartungen einer Wählerschaft erfüllen, die nach über 60 Jahren CSU einen echten Aufbruch erwartet.
Rosenheim hat den Mut zum Wechsel bewiesen. Nun liegt es an Abuzar Erdogan, diesen Mut zu rechtfertigen. Die historische Chance auf einen echten Aufbruch ist da – ergreifen muss sie Erdogan.