Große Sorge um die Patienten

von Redaktion

Die Nachricht kam überraschend: Ab April bekommen Psychotherapeuten weniger Geld, da ihr Honorar gekürzt wird. Die Entscheidung sorgt für Entsetzen und die Sorge um die zukünftige Patientenversorgung wächst auch in der Region Rosenheim.

Rosenheim – Eigentlich liebt Peggy Behrendt ihre Arbeit. Wenn da nur nicht die Nachricht wäre, die sie Mitte März erfahren hat. „Ich bin entsetzt, stinksauer, aber auch zutiefst traurig über diese Entscheidung“, sagt die Diplom-Psychologin und approbierte psychologische Psychotherapeutin aus Rosenheim. Sie hat sich für das Gespräch vorbereitet, hat alles haargenau auf mehreren Zetteln aufgeschrieben, was sie loswerden möchte. „Ich will jetzt meine Stimme erheben, so geht es nicht“, sagt sie. Seit wenigen Wochen ist klar: Peggy Behrendt wird ab dem 1. April weniger Geld bekommen – für die gleiche Arbeit, die sie täglich leistet.

Weniger Geld
für die Behandlung

Das betrifft nicht nur die Rosenheimerin, sondern alle niedergelassenen Psychotherapeuten in Deutschland. Ein Bewertungsausschuss der Krankenkassen hat sich entschieden, dass die Vergütungshöhe – Honorar für eine Sitzung – zum April um 4,5 Prozent gesenkt wird. Bislang erhält Peggy Behrendt von der Krankenkasse um die 116 Euro für eine Sitzung ambulanter Psychotherapie bei einem gesetzlich versicherten Patienten. Von dem Geld, das die Psychotherapeuten für die rund 50-minütige Sitzung bekommen, gibt es jetzt 4,5 Prozent weniger.

Was zunächst nicht nach viel klingen mag, mache für sie einen Unterschied, sagt Behrendt. „Es werden um die 6.500 Euro im Jahr und 500 Euro im Monat weniger Einnahmen sein – bei gleichwertiger Herzensarbeit“, sagt die Psychotherapeutin. Auch wenn sie dadurch nicht in existenzielle Nöte rutschen werde, das fehlende Geld spüren werde sie dennoch. Miete, Nebenkosten, Software für die Praxis, Fortbildungen, Personalkosten und Sozialabgaben müsse sie ja weiterhin in voller Höhe bezahlen.

Dass den Psychotherapeuten das Geld ausgeht, davon ist der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GVK), welcher die Kürzungen angeregt hat, nicht überzeugt. Eine Prüfung habe ergeben, dass die Einkommensmöglichkeiten für psychotherapeutische Leistungen seit drei Jahren oberhalb der Einkommen anderer Fachgruppen liegen, teilt eine GVK-Sprecherin auf OVB-Anfrage mit. Zudem hätten niedergelassene Psychotherapeuten mit einer eigenen Praxis in den vergangenen Jahren überproportionale Honorarerhöhungen im Vergleich zu anderen Gruppen aus der Ärzteschaft erhalten. Der Verband geht von einem Anstieg von 52 Prozent aus. Andere ärztliche Fachgruppen hätten im Vergleich nur einen Anstieg um 33 Prozent gehabt. Deswegen habe sogar eine Absenkung des jetzigen Honorars um zehn Prozent im Raum gestanden. Zumal es für Psychotherapeuten finanzielle Zuschläge für die Bezahlung von Personal gibt, die auf der anderen Seite angehoben wurden. So beträgt die Honoraranpassung in diesem Jahr im Endergebnis nur -2,3 Prozent, teilt die GVK-Sprecherin weiter mit. Und: „Psychotherapeuten können auch nach der Absenkung bei Vollauslastung – 36 Therapiestunden pro Woche – einen Jahresumsatz von über 190.000 Euro erzielen“, sagt die Pressesprecherin.

Es sind Punkte, die Peggy Behrendt nicht nachvollziehen kann. „Man muss dabei bedenken, woher unser Honorar kommt. Vor einigen Jahren haben wir ganz unten angefangen“, sagt sie. Sie erklärt es an einem Beispiel: Während ein anderer Facharzt seit Jahren einen Stundenlohn von 200 Euro bekommt, hätten Psychotherapeuten 20 Euro bekommen – zumindest im Verhältnis zueinander. Das habe sich über die Jahre ein wenig angepasst. „Da ist ja klar, dass unser Honorar im direkten Vergleich schneller gestiegen ist“, betont Behrendt.

Unterstützung bekommt Behrendt von der Psychotherapeutenkammer Bayern. „Psychotherapeuten sind die Fachgruppe der vertragsärztlichen Versorgung mit den mit Abstand niedrigsten Honoraren“, sagt Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der Kammer, auf OVB-Anfrage. Auch er kritisiert die Kürzungen scharf: „Es ist unverantwortlich und nicht hinnehmbar.“ Der Bedarf an freien Terminen bei Psychotherapeuten steige immer weiter, sogar Engpässe gebe es bereits. Dass die Wartezeiten für Termine jetzt noch länger werden, befürchtet auch Peggy Behrendt. „Die Konsequenz wird sein, dass die ambulante Versorgung für Patienten schlechter wird, genauso wie die Verfügbarkeit von Psychotherapeuten“, sagt sie. Schließlich werde ihr und ihren Kollegen der Anreiz genommen, noch mehr zu arbeiten. Die Menschen seien so länger mit ihren psychischen Problemen und Erkrankungen alleine, möglicherweise müssten mehr stationär in Kliniken aufgenommen werden. Genauso gebe es dadurch eine Zweiklassenmedizin, da das geringere Honorar nur gesetzlich Versicherte betrifft und keine Privatpatienten.

Fehlende Wertschätzung
wird kritisiert

Weniger Geld und eine schlechtere Versorgung seien das eine, das Menschliche das andere. „Diese Entscheidung ist in Zeiten, in denen der Bedarf an Therapie steigt, nicht zu verstehen. Ein menschlich ganz schlimmes Signal an unsere Gesellschaft“, sagt die Rosenheimer Psychotherapeutin. Die Behandlung von psychisch Kranken werde minder bewertet. Oder wie es die Psychotherapeutenkammer Bayern nennt: „Es erweckt den Anschein, dass den Krankenkassen die Hilfe für psychisch kranke Menschen nicht mehr wichtig ist – und Patienten mit ihrem Leid nicht ernstgenommen werden.“

Peggy Behrendt fühlt sich hingegen überhaupt nicht mehr wertgeschätzt. Um auf die Situation aufmerksam zu machen, war sie mit vielen anderen Kollegen auf zwei Demonstrationen in München – um „laut“ zu sein. Ansonsten werde sie ihre Arbeit weiterhin genauso machen. „Ich gebe jetzt erst recht die Wertschätzung direkt an meine Patienten weiter – die Wertschätzung, die wir von der Politik nicht bekommen.“

Artikel 1 von 11