Rosenheim – Die Tür geht auf und ein Mann mittleren Alters mit grauen Arbeitsklamotten kommt die Stufen ins kleine Geschäft am Max-Josefs-Platz hoch. „Ich nehm’ sie doch“, sagt er und zeigt auf zwei Goldmünzen in einer gläsernen Vitrine. Die Münzen wandern in zwei Plastiktütchen – „damit sie nicht verkratzen“, begründet der Käufer. Eine Maschine zählt ratternd die vielen Geldscheine, die der Mann dafür auf den Tresen gelegt hat.
Edelmetall wechselt
immer öfter den Besitzer
Solche Besuche hat Stephan Michl in den vergangenen Tagen und Wochen häufiger. Das Edelmetall wechselt bei dem Inhaber des Gold- und Schmuckgeschäfts „Classic Times“ immer öfter den Besitzer. „Sowohl der Ankauf als auch der Verkauf laufen gut“, beschreibt Michl die aktuelle Lage am Goldmarkt. Das kann auch Mitbewerber Marco Hercenberger von „Gold-Fix“ in der Gillitzerstraße bestätigen. „Seitdem die Goldpreise explodiert sind“, habe er mehr Kundschaft im Laden, die alten Schmuck loswerden will.
Das mag an der Entwicklung des Goldpreises in den vergangenen Jahren liegen: Ins Jahr 2016 startete die Feinunze Gold (31,1 Gramm) mit 1.006 Euro – am 1. Januar 2026 war diese schon 3.669 Euro wert. Eine Wertsteigerung von 365 Prozent. Bis zum 28. Januar stieg der Preis sogar auf 4.533 Euro an. Seither schwankt der Goldpreis zwischen 3.900 und 4.400 Euro hin und her. Der Grund dafür sind unter anderem Zentralbanken, die sich weltweit mit dem Edelmetall absichern und damit unabhängiger vom US-Dollar machen wollen.
Die Rekordjagd bewegt einige, sich den alten Schmuck von Mutter, Vater oder Großmutter einmal genauer anzusehen. Zu Michl kommen viele Leute mit alten Ketten, Ringen und Armbändern. Es sind Menschen, „die sind nicht schmuckaffin, der Schmuck gefällt ihnen nicht und liegt nur herum“, beschreibt er die Mehrheit seiner Kundschaft. Die allerwenigsten benötigen das Geld dringend, sondern wollen die aktuell hohen Goldpreise nutzen.
Bevor die Menschen zum Händler gehen, sollten sie „den Materialwert möglichst genau bestimmen“, rät Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern. Dazu gehören das Gewicht und der Goldgehalt. Aber auch Unterlagen zu den Schmuckstücken wie Rechnungen und Zertifikate seien sinnvoll. Doch so präzise die eigene Kalkulation auch sein mag: Den theoretisch errechneten Materialwert bekommt man beim Verkauf in der Regel nicht eins zu eins ausgezahlt: „Manche kommen mit dem Gedanken, dass sie den Börsenpreis kriegen“, erzählt Hercenberger aus Erfahrung. Doch auch er als Händler bekomme diesen Preis beim Weiterverkauf nicht, denn Schmelzkosten und der Schmelzverlust müssten abgezogen werden.
„Man kann mit einem Abschlag von zehn bis maximal 20 Prozent rechnen“, sagt Marco Hercenberger. Bei Barren oder Münzen sei der Abschlag geringer, da es sich bereits um Feingold handle. Das Wichtigste beim Verkauf sei der Vergleich verschiedener Goldankäufer – da sind sich Hercenberger, Michl und Straub einig. „Es gibt viele Ankäufer, die sind sympathisch, aber die können dich trotzdem bescheißen“, erklärt Stephan Michl freimütig. „Deswegen würde ich immer empfehlen, nicht beim Erstbesten zu verkaufen.“ Man solle sich zuerst zwei, drei Preise einholen, empfiehlt er. Je nach Menge und Qualität können sich die Angebote nämlich um Tausende, teilweise zehntausende Euro unterscheiden, weiß er aus Erfahrung. „Das einzige, was man verliert, ist vielleicht eine Stunde Zeit.“
Beim Ankauf im Internet sollte man vorsichtig sein. „Wenn man Goldbarren oder Goldmünzen einschickt, da kann normalerweise nicht großartig viel passieren“, erklärt Michl. Beim Schmuck sähe das anders aus. Zwar gebe es Onlinehändler, die „wirklich fair berechnen“, urteilt er, aber es werde nie der Wert des Schmucks, sondern nur das Altgold berechnet. „Da kann es sein, dass sie die Steine abnehmen, weil das Gewicht ausmacht, und wenn der Kunde mit dem Preis nicht zufrieden ist, ist der Schmuck aber kaputt.”
Auch kann es passieren, dass der gesamte Schmuck – egal ob 375er, 585er oder 750er Gold – zusammengeschmissen und als Berechnungsgrundlage das Stück mit dem niedrigsten Goldgehalt genommen wird. Sascha Straub von der Verbraucherzentrale rät zudem dazu, auf Hinweise wie ein vollständiges Impressum, Informationen zu Versand, Rücksendekosten und eine transparente Bewertung des Schmucks zu achten.
Gold funktioniert aber aktuell nicht nur im Ankauf gut, sondern auch im Verkauf. Trotz der Rekordpreise investieren noch viele Menschen in das Edelmetall, weiß Marco Hercenberger: „Die ganzen Katastrophen, Kriege, Inflation – da suchen sich die Leute was Sicheres. Das war schon immer so.“ Diesen Impuls belegt ein Blick in die Vergangenheit, so Sascha Straub: „In mehreren Finanz und Wirtschaftskrisen entwickelten sich Goldpreise teils gegenläufig zu Aktienmärkten und konnten Verluste im Depot abmildern.“ Auch Stephan Michls Kundschaft denkt ähnlich: „Der Großteil meiner Kunden, der jetzt in Gold investiert, geht davon aus, dass ein Krieg kommt, man abhauen muss und Gold dann die beste Möglichkeit ist, weil man überall damit bezahlen kann.”
Keine seriösen
Voraussagen zum Preis
Stephan Michl wie auch Marco Hercenberger gehen davon aus, dass der Goldpreis in den kommenden Jahren noch weiter steigen wird. „Der macht jetzt so eine kleine Korrektur“, meint Hercenberger, „aber sukzessive steigt er weiter.“ Dennoch weist die Verbraucherzentrale darauf hin, dass man den Goldpreis nicht seriös voraussagen könne. In der Vergangenheit habe man Phasen mit starken Anstiegen – wie im vergangenen Jahr –, aber auch „lange Durststrecken und heftige Einbrüche“ erlebt. Aus diesem Grund kann Gold die persönliche Geldanlage in Krisenzeiten zwar stabilisieren, soll aber höchstens zehn Prozent des Gesamtvermögens ausmachen.