„Ich mag es, unter Druck zu arbeiten“

von Redaktion

Interview Der neu gewählte Oberbürgermeister, Abuzar Erdogan, über die vergangenen Tage – und Ziele

Rosenheim – Selten hat ein Wahlerfolg so viele Menschen überrascht: Nach 65 Jahren wird Rosenheim wieder von einem SPD-Politiker regiert. 11.283 Wähler setzten ihr Kreuz hinter den Namen von Abuzar Erdogan. Nach dem Sieg spricht er erstmals über seinen Erfolg, seine Ziele – und wie sich sein Alltag seit der Entscheidung verändert hat.

Was hat sich in Ihrem Leben in den Tagen seit der Stichwahl verändert?

Der Zeitplan ist ein anderer geworden. Ich habe schon immer viel gearbeitet. Ich bin Justiziar in der Bank, als freier Rechtsanwalt im Einsatz und habe mich in vielen Vereinen engagiert. Ich kenne also ein hohes Arbeitspensum. Jetzt kommt dazu, dass ich mich auf viel Neues einstellen muss. Auch viele Gespräche stehen an. Es gibt sehr viel Organisatorisches für mich zu erledigen, außerdem habe ich in den vergangenen Tagen zahlreiche Interview-Anfragen erhalten.

Gibt es noch Zeit für ein Privatleben?

Das muss ich hinten anstellen, aber das ist völlig in Ordnung. Jetzt gilt es, eine Aufgabe anzunehmen, die größer ist als mein Privatleben. Darauf habe ich Lust.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Ich glaube, meine Eltern haben insgeheim gehofft, dass ich es nicht werde. Eltern haben immer den Wunsch, dass ihr Kind nicht gestresst ist. Aber sie waren natürlich sehr gerührt. Und es ist für mich einfach unglaublich wichtig, zu wissen, dass ich mich immer auf sie verlassen kann.

Wie viele Glückwunsch-Nachrichten haben Sie in den vergangenen Tagen bekommen?

Mit Sicherheit über 2.000. Ich habe derzeit noch 500 ungelesene Whatsapp-Nachrichten. Alle, denen ich bisher noch nicht geantwortet habe, bitte ich um Entschuldigung.

War eine Gratulation dabei, die Sie überrascht hat?

Nein, aber vielleicht ist bei den Ungelesenen noch was Überraschendes dabei. Das würde ich dann in ein paar Wochen erzählen.

Muss man sich als Oberbürgermeister anders verhalten?

Ich glaube, es ist wichtig, dass ich mich als Mensch nicht verliere. Ich muss meiner Art und meinem Charakter treu bleiben. Aber was man natürlich auch nicht vergessen darf: Als Stadtoberhaupt ist man immer der Repräsentant der gesamten Stadt. Und diese Aufgabe bringt natürlich einen gewissen Verhaltenskodex mit sich, den ich befolgen will.

Gibt es Dinge, die Sie aus Ihrem alten Leben vermissen werden?

Die Spontanität.

Wie erklärt man den Bürgern jetzt, dass man nicht alle Wünsche sofort umsetzen kann?

Kommunikation ist wichtig. Meine Absicht ist es, das Leben für viele Menschen besser zu machen. Am Ende des Tages kommt es darauf an, dass man immer alles erklärt. Man muss transparent aufzeigen, welche Zwänge es gibt und warum man etwa einen anderen Weg einschlagen muss. Natürlich wird es Menschen geben, die damit nicht einverstanden sind. Das gehört in einer Demokratie dazu. Aber am Ende bringt uns die Diskussion weiter. Mir geht es darum, die große Linie festzulegen.

Einige Tage vor der Stichwahl haben Sie ein Video aufgenommen: Vorgestellt wurden verschiedene Visionen in 20 Sekunden. Es ging um eine Fußgängerzone in der Münchener Straße, 1.000 neue Wohnungen und einen ÖPNV am Sonntag. Wie wollen Sie diese Versprechen einhalten?

Erst einmal muss im Stadtrat eine Mehrheit geschaffen werden. Ich glaube, bei allen drei Themen sind wir uns in den Fraktionen einig. Die Umsetzung ist oft das Thema. Die Moderation der „Wo’s“ und „Wie’s“ wird eine große Aufgabe sein. Was den Wohnungsbau angeht, kann ich sagen, dass die städtische Wohnbaugesellschaft GRWS ein paar Projekte und Visionen in der Pipeline hat. Ich glaube, unabhängig davon muss uns einfach klar sein, dass es im Jahr 2026 nicht sein kann, dass der Quadratmeter in einer Neubauwohnung 20 Euro kostet.

Gibt es Projekte, die Sie gleich in den ersten 100 Tagen umsetzen wollen?

Es gibt viele kleine, mittelgroße und große Themen. Mir ist es wichtig, dass wir die Zeit nutzen, um die großen Themen für die nächsten Jahre festzulegen. Und dabei geht es nicht nur um die nächsten sechs Jahre.

Social Media war ein großer Teil Ihres Wahlkampfs. Werden Sie darauf auch als Oberbürgermeister setzen?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin mit den sozialen Medien aufgewachsen. Ich weiß, welche Risiken sie bieten, aber eben auch, welche Chancen. Soziale Medien bieten die Möglichkeit des direkten Austauschs. Wir können Menschen mitnehmen, sie partizipieren lassen und Diskussionen anstoßen.

Wie groß sind die Erwartungen der Leute an Sie?

Das kann ich bisher nicht ganz beantworten. Aber ich glaube, dass vor allem junge Menschen große Erwartungen haben. Sie sehnen sich nach einer Persönlichkeit, die präsent ist und die sie mitnimmt. Das Wahlergebnis bestätigt, dass die Themen, die wir gesetzt haben, sicherlich richtig sind. Aber natürlich erwarten die Menschen, dass jetzt auch etwas in die Richtung passiert.

Setzt Sie das unter Druck?

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass mich das alles vollkommen kalt lässt. Aber ich bin seit zwölf Jahren im Stadtrat und habe aufgrund meiner beruflichen Ausbildung als Jurist ein gutes Rüstzeug. Ich mag es, unter Druck zu arbeiten, und empfinde Druck als etwas Positives.

Wie wollen Sie es schaffen, die Menschen, die nicht für Sie gestimmt haben, auf Ihre Seite zu holen?

Indem ich auf die Menschen zugehe und zugänglich bleibe. Ich will klarmachen, dass für mich der Mensch in Rosenheim zählt, dass ich die Stadt in ihrer kompletten Vielfalt sehe und es für mich keinen Unterschied macht, von wem der Vorschlag kommt. Mein Ziel ist es, Brücken zu bauen und die Hand zu reichen. Und ich glaube, jeder, der mich kennt und mich in den vergangenen Jahren erlebt hat, weiß, dass mir das gelingen wird.

In Ihrer Funktion als SPD-Fraktionsvorsitzender haben Sie sich immer gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgesprochen. Gleichzeitig wollen Sie ein Oberbürgermeister für alle sein. Wie lässt sich das vereinen?

Man muss zwischen den AfD-Wählern und den AfD-Funktionären unterscheiden. Die AfD hat sehr viele Unterstützer, in der Bundespolitik noch mehr als in Rosenheim. Das muss man ernst nehmen. Viele AfD-Wähler fühlen sich nicht gehört und nicht gesehen. Es ist wichtig, auf sie zuzugehen, sie anzusprechen und mitzunehmen. Dass es mit AfD-Funktionären, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, keine Zusammenarbeit geben wird, dürfte aber auch klar sein.

Im Wahlkampf haben Sie auch die Verwaltung kritisiert. Gibt es verbrannte Erde?

Ich habe nicht die Verwaltung als Ganzes kritisiert, sondern vielmehr die Vorgehensweise bei bestimmten Projekten und Themen. In der Verwaltung gibt es sehr viele tolle und engagierte Mitarbeiter. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.

Anna Heise

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