Rosenheim – Bei zehn Grad sitzt Thomas Sewald auf einer Wiese in der Türkei. Er lehnt an einem Felsen und freut sich, dass es endlich wärmer geworden ist. Schnee und zweistellige Minusgrade plagten ihn zu Beginn seiner Reise. Der 33-Jährige ist seit November mit dem Rad unterwegs. Sein Ziel: in vier Jahren nach Japan und vielleicht sogar weiter. Bisher fuhr er durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien und Bulgarien. Auf Instagram und YouTube hält er als tom_tourbro seine Erlebnisse fest.
In den ersten Videos sah man dort viel Schnee und Sewalds vereisten Bart. „Sommer kann irgendwie jeder“, erklärt der Beyhartinger seine Entscheidung, im Winter aufzubrechen. In den warmen Monaten habe er schon viele Touren gemacht, unter anderem eine Wanderung nach Rom. Jetzt wollte er etwas Neues ausprobieren.
Eines fiel ihm direkt auf: Auf dem Weg Richtung Osten wurden die Menschen immer gastfreundlicher. In Bulgarien durfte Sewald bei einer Familie essen und übernachten. Glücklicherweise konnten sie Deutsch. In der Türkei sprechen dagegen nur sehr wenige Menschen Englisch. In solchen Fällen greift der Radler auf Handyübersetzer zurück. „Die Internetverbindung ist in den meisten Ländern wesentlich besser als in Deutschland“, berichtet er und lacht. Trotz Schwierigkeiten in der Kommunikation begegnet ihm in der Türkei große Gastfreundschaft.
Auf Gemeinschaft folgen lange Fahrten ohne Begleitung. Doch die Einsamkeit macht dem jungen Mann nichts aus. Über das Filmen und Posten von Videos fühlt er sich mit seinen Abonnenten verbunden. „Mit meinen Videos möchte ich auch zeigen, dass die allermeisten Menschen freundlich gesinnt sind. Ich habe auf meinen bisher über 3.000 Kilometern keinen einzigen Menschen getroffen, der mir etwas Böses wollte.“ Deshalb sperrt er sein Fahrrad schon lange nicht mehr ab. Das Vertrauen ist groß.
Jeden Tag telefoniert Thomas mit seiner Freundin. Die beiden hatten sich drei Monate vor Tourbeginn kennengelernt. Nicht einmal die junge Beziehung konnte an den Reiseplänen rütteln, denn „da war alles schon geplant und ein Haufen Kohle ausgegeben“. Der Abschied sei trotzdem schwer gewesen.
Über emotionale Momente spricht der Reisende auf YouTube offen. „Die Nässe zermürbt mich: Überleben bei Minusgraden“, lautet der Titel eines Videos. Authentizität ist ihm wichtig. Die Zuschauer sind eingeladen, seine „ehrliche, chaotische und absolut schlecht geplante Expedition“ zu verfolgen. Zahlreiche positive Kommentare muntern ihn in schwierigen Momenten auf. Auf seinen bisherigen Touren hat der Beyhartinger viel über seine Vergangenheit nachgedacht. „Aber auf dieser Tour habe ich einfach Bock, die Welt und die Kulturen zu sehen“, gibt er zu. Dafür spricht auch die Spontanität, die er mit im Gepäck hat.
Dass seine Route bis jetzt nicht klar ist, liegt aber auch an politischen Entwicklungen, die unvorhersehbar sind. Erst machte der Kaschmirkrieg eine Durchfahrt von Pakistan und Indien unmöglich. Dann musste der Radler auch die Route in den Oman über Iran und Irak verwerfen. Als Lösung blieb nur das Flugzeug, worauf Sewald eigentlich verzichten wollte. Nun wird er von der Türkei nach Jordanien fliegen und von dort in den Oman radeln. Ab da geht es mit dem Schiff weiter nach Indien. Damit vermeidet der 33-Jährige den zentralasiatischen Raum, wo er erneut mit winterlichen Temperaturen konfrontiert wäre. Für ihn steht fest: „Der Winter reizt mich erst mal nicht mehr. Jetzt will ich mehr nach der Wetterlage planen.“
Denn wenn Sewald durch zentimeterhohen Schnee radeln musste und die Kälte in alle Knochen kroch, fragte er sich manchmal, warum er das alles macht. Doch er ist überzeugt, dass mit der Wärme in der Türkei einiges besser wird. Stimmungsschwankungen sind für ihn prägend. Kaum radelt er über eine Kuppe und genießt den Ausblick, weiß er wieder, warum er sich auf dieses Abenteuer eingelassen hat. „So ein Extrem hat man im Alltag gar nicht. Diese Höhen und Tiefen machen eine Fahrrad-Weltreise für mich aus. Das fühlt man viel krasser als daheim.“
Antonia Braun