Rosenheim – Emil Stahl musste lange suchen, am Ende war er doch erfolgreich. Vor dem Inhaber des gleichnamigen Bekleidungsgeschäfts an der Bahnhofstraße liegen mehrere Fotos auf einem Ladentisch. Die meisten sind in Schwarz-Weiß. Vorsichtig nimmt er die Aufnahmen in die Hand, erzählt in kurzen Sätzen, die Geschichte, die dahintersteckt. Während er erzählt, kommen immer wieder Kunden in sein Geschäft. Sie suchen nach Sicherheitsschuhen, Warnjacken, einer Geldtasche.
Seit 1977 für
Rosenheimer im Einsatz
Seit 1977 ist Emil Stahl der Mann für Berufsbekleidung. Auf 180 Quadratmetern verkauft er Klamotten für Handwerker, Ärzte, Gastronomen und Physiotherapeuten. „Es hat sich viel verändert über die vergangenen Jahre“, sagt er.
Er zeigt auf Bilder, die um das Jahr 1930 entstanden sind. Damals gründete sein Urgroßvater ein Geschäft für Berufskleidung in München an der Schwanthalerstraße. Er nähte einen Großteil der Kleidung selbst, bevor er sie an die Kunden verkaufte. „Weil sein Geschäft im Zweiten Weltkrieg von Bomben zerstört wurde, hat er seinen Standort nach Aibling verlegt“, erinnert sich Emil Stahl. Dort habe er ein Haus gekauft und die Produktion fortgeführt.
Einige Jahre später sei sein Vater in das Geschäft eingestiegen. „Er wurde dann immer professioneller“, sagt Emil Stahl. Das Geschäft habe einen „richtigen Aufschwung“ erlebt. Um der Nachfrage an Kleidung gerecht zu werden, wurde der Betrieb um eine eigene Näherei erweitert. Von klein auf bekam Emil Stahl Einblicke in den Beruf. „Ich bin da immer mehr hineingewachsen“, sagt er.
Als er alt genug war, eröffnet er einen Standort in Rosenheim – mit Unterstützung seines Vaters. „Im November 1976 habe ich den Mietvertrag unterschrieben“, erinnert er sich. Erst im Mai 1977 kann er eröffnen. „Ich habe meinen Einberufungsbescheid im Dezember bekommen“, sagt Stahl. Mithilfe seiner Familie schafft er es trotz allem, sich einen Namen zu machen. Zwei weitere Standorte kommen hinzu.
Über die Jahre wächst sein Kundenstamm immer weiter an. Das Geschäft vergrößert sich, immer mehr Waren kommen dazu. „Die Kunden haben sich aber kaum verändert“, sagt Stahl und lacht. Jünger seien sie geworden. Was sich verändert habe, sei das Angebot. „Früher gab es Berufsbekleidung in gerade einmal drei Farben“, erinnert sich Stahl. Blau, Kornblau und Grau. Später sei noch Weiß dazugekommen. „Das sind immer noch die Farben, die sich am häufigsten verkaufen“, sagt er.
Dass Emil Stahl seinen Beruf liebt, merkt man an der Art, wie er darüber spricht. Und doch hat er in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Gedanken gespielt, einen Schlussstrich zu ziehen. „Vor drei Jahren habe ich zum ersten Mal ernsthaft überlegt, zuzusperren“, sagt er. Doch die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich als schwierig. „Einige Interessierte haben sich gemeldet, aber es ist nie etwas daraus geworden“, sagt Stahl.
Schließlich beschließt Stahl, die Suche nach einem Nachfolger aufzugeben. Während er gedanklich bereits den Abverkauf vorbereitet, unternimmt er noch einmal einen letzten Versuch und meldet sich bei Hakan Prinz. Er ist der Geschäftsführer von „Como Fashion“. In Kolbermoor befinden sich Büroräume und eine hauseigene Stickerei. „Wir sind komplett auf den Onlinehandel und das Ausstatten von Firmen europaweit spezialisiert“, erklärt Prinz.
Wie es der Zufall so wollte, überlegten Hakan Prinz und seine Tochter Cecil-Anna Reithmeir genau zu dieser Zeit, wie sie auch in der Region aktiv werden könnten. Nach mehreren Gesprächen mit Emil Stahl erklärt sich Cecil-Anna Reithmeir bereit, das Geschäft in Rosenheim zu übernehmen. Ihr Vater Hakan Prinz bleibt dem Geschäft in Kolbermoor treu. „Das ging jetzt alles ganz schnell. Bisher war ich angestellt und auf einmal bin ich selbstständig“, sagt Reithmeir. Um den Übergang zu erleichtern, habe sie in den vergangenen Wochen bereits Seite an Seite mit Emil Stahl gearbeitet.
„Wir sind zwar in der gleichen Branche tätig, trotzdem ist es komplettes Neuland für mich“, sagt sie. Umso erleichterter ist Reithmeir, dass ihr Emil Stahls Frau erhalten bleibt. In der kommenden Woche starten Umbauarbeiten, bevor am 7. April die offizielle Stabübergabe stattfindet – dann unter dem Namen „Como Work & Fashion“. Moderner soll es werden, mit einem sogenannten Shop-in-Shop-System. Heißt: Kunden finden einen separaten Bereich vor, der von einer bestimmten Marke gestaltet und betrieben wird.
Dass die Nachfrage da ist, daran hat Reithmeir keinen Zweifel. „Handwerker werden immer gebraucht“, sagt sie. Zumal sie in dem Geschäft Kleidung für nahezu alle Berufsgruppen anbiete. „Was wir nicht vorrätig haben, kann innerhalb von zwei Tagen geliefert werden“, sagt sie. Immer mehr Unternehmen würden Wert darauf legen, dass ihre Mitarbeiter professionell gekleidet sind. Das wiederum spielt Cecil-Anna Reithmeir und ihrem Vater in die Karten.
Endlich Zeit zum
„Runterkommen“
Die Vorfreude ist groß. Und auch Emil Stahl ist erleichtert, dass es mit seinem Geschäft weitergeht. Schwer fällt ihm der Abschied trotzdem nicht. „In den vergangenen Jahren ist viel auf der Strecke geblieben“, sagt er. Sechs Tage die Woche sei er im Geschäft gewesen, viel Zeit für andere Dinge blieb nicht. Das soll sich ab April ändern. „Runterkommen und die Ruhe genießen“, antwortet er auf die Frage, worauf er sich am meisten freut. Und hin und wieder wird er dem Geschäft an der Bahnhofstraße in Rosenheim einen Besuch abstatten. „Ich muss ja schauen, wie es läuft“, sagt er und lacht.