Kritik an Rosenheimer Friedensdemos

von Redaktion

In Rosenheim gingen erneut Menschen für den Frieden auf die Straße. Ein Experte der evangelischen Kirche warnt nun vor der Verbreitung von Verschwörungstheorien und Kreml-Narrativen bei der Initiative. Die Organisatoren weisen die Vorwürfe zurück und setzen auf Bauchentscheidungen.

Rosenheim – „Für den Frieden“ war in den vergangenen Tagen an der ein oder anderen Stelle in Rosenheim zu lesen. Die Botschaft sollte auf eine Demonstration mit ebendiesem Zweck aufmerksam machen. Organisiert von der Friedensinitiative Rosenheim. Und so versammelten sich am 21. März zahlreiche Menschen, um gegen den Krieg zu demonstrieren.

Doch es gibt auch Kritik an den Veranstaltungen der Initiative. „Wir haben es nicht mit der klassischen Friedensbewegung zu tun“, sagt Matthias Pöhlmann. Er ist Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern.

Friedensdemo oder
Misstrauensgemeinschaft?

Pöhlmann hat selbst schon verschiedene Friedensdemos besucht. Im OVB-Gespräch weist er darauf hin, dass die Referenten und das Infomaterial, welches auf solchen Demos verbreitet wird, mit Vorsicht zu genießen seien. „Dort findet man zum Beispiel Visitenkarten von Kla.TV. Das ist eine Initiative des ganz umstrittenen Predigers Ivo Sasek aus der Schweiz.“ Das Portal verbreite Verschwörungstheorien. Pöhlmann spricht von einer „Misstrauensgemeinschaft“, die sich gegen Politik, Medien und Wissenschaft richtet.

Doch woher sollte man wissen, mit wem man es zu tun hat, wenn man für den Frieden demonstrieren möchte? „Man muss sich wirklich gut informieren und ich empfehle dann wirklich auch, geistige und auch körperliche Abstandsregeln einzuhalten“, sagt Pöhlmann. Er rät auch der Friendsinitiative, sich zu überlegen, ob man sich nicht von manchen Personen abgrenzen müsse, „damit dieses Thema nicht usurpiert oder instrumentalisiert wird“.

Eine Instrumentalisierung des Themas sieht Vroni Herwegh hingegen nicht. Sie ist Mitbegründerin der Friedensinitiative Rosenheim und war lange in der Partei „Die Basis“ aktiv. Sie betont zwar, dass die Initiative sich ganz deutlich von Extremismus jeglicher Form abgrenze, betont aber zugleich: „Wenn man mit jemandem an einem Thema arbeitet, dann ist das das Thema. Da muss ich mich nicht von irgendjemandem abgrenzen.“ Sie sei sehr froh, dass es verschiedene Meinungen gibt und jeder sich letztlich seine eigene Meinung bilden kann.

Zur breit gestreuten Kritik, die auf den Demos teils mit Schildern kundgetan wird, hat auch Herwegh eine Meinung. Sie als Initiatoren würden lediglich die Themen auf die Straße bringen, die auch auf der Website der Initiative nachzulesen seien. „Was die Menschen, die an diesen Demos teilnehmen, selbst für Schilder mitbringen, das werde ich Ihnen nicht vorschreiben“, macht sie deutlich. „Da zensieren wir nicht.“

Krude Thesen
zum Ukraine-Krieg

Pöhlmann kritisiert bei den Demonstrationen, die er auch teils schon persönlich besucht hatte, zudem eine Art „Täter-Opfer-Umkehr“. Besonders in Hinblick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. „Das fiel mir immer wieder auf bei diesen sogenannten Friedensdemonstrationen. Dass gesagt wird: Eigentlich ist Wladimir Putin ein Opfer der Einkreisungspolitik durch die NATO.“

Eine These, die unter anderem auch der höchst umstrittene „Friedensforscher“ Daniele Ganser vertritt. Auch Ganser machte bereits Schlagzeilen in der Region, als auf die Ankündigung seines Auftritts in Rosenheim eine massive Protestwelle folgte.

Hinzu kommen die Kommunikations- und Informationskanäle der Organisationen. „Mir fällt auf, dass in den Telegramkanälen der Initiativen teilweise auch Mitteilungen des russischen Außenministeriums verbreitet werden“, kritisiert Pöhlmann. Man müsse sich dessen bewusst sein, dass Russland einen „hybriden Krieg gegen den Westen“ führe – und dabei auch Social-Media-Kanäle eine wichtige Rolle spielen. „Deswegen müssen sich auch solche Friedensinitiativen, die von querdenkerischer Seite und auch von der ‚Basis‘ betrieben werden, fragen lassen, inwieweit sie entsprechende Kreml-Narrative verbreiten und sich damit zum Erfüllungsgehilfen von Wladimir Putin machen.“

Herweghs Antwort auf die Frage, wie man denn feststelle, ob es sich bei einer Meldung um Propaganda handle, fällt nicht ganz so eindeutig aus. „Für mich stellt sich die Frage, was Propaganda ist“, sagt sie zunächst und ergänzt schließlich: „Wir schauen uns unsere Sachen gut an, die wir posten.“ Letztlich sei es eine Bauchentscheidung, was veröffentlicht werde und was nicht.

Für die Zukunft wünscht sich Herwegh, dass sie es schaffen, mit ihrer Initiative mehr Menschen zu erreichen. Besonders von der Jugend würde sie sich mehr Engagement auf der Straße wünschen. „Ich würde mir einfach wünschen, dass die ganze Welt irgendwann mal nein zum Krieg sagt.“

Pöhlmann empfiehlt
Alternativen

Wer für den Frieden demonstrieren möchte, dem rät Pöhlmann zu Akteuren der Friedensbewegung „die zuverlässig sind und die vor allem bei den Ostermärschen in Erscheinung treten“. Er rät, auf „bewährte Initiativen“ zurückzugreifen, bei denen keine Nähe zur Partei „Die Basis“ oder anderen „querdenkerischen oder verschwörungsideologischen Kontexten“ zu beobachten sei. Er betont aber auch, dass die Ratlosigkeit angesichts der derzeitigen geopolitischen Weltlage derzeit recht groß sei.

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