Rosenheim – Helle Zimmer mit großen Fenstern, Leinwände, Nähmaschinen und Musikinstrumente: Die Räume in den drei Stockwerken der Rosenheimer Lokhöfe hinterlassen fast den Eindruck einer Kunst- oder Kreativakademie. Doch der erste Blick täuscht. Zwar dürften sich die Menschen dort kreativ ausleben – allerdings tun sie das mit einem therapeutischen Hintergrund. Denn in den Lokhöfen hat das kbo-Inn-Salzach-Klinikum unter anderem einen Ort für seine Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) sowie die Tagesklinik gefunden.
Nicht immer ist stationäre
Behandlung sinnvoll
Stationäre Angebote seien nach wie vor eine wichtige Säule in der Behandlung schwerwiegender psychiatrischer Erkrankungen. „Es gibt aber auch zahlreiche Patienten, bei denen es sinnvoll ist, dass sie in ihrem häuslichen Umfeld bleiben“, sagt Professor Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor am kbo-ISK, im OVB-Interview. Nicht für jeden sei also eine stationäre Behandlung sinnvoll. Für diese Personen sei vielmehr die Tagesklinik der perfekte Ort. Neu ist das Angebot in Rosenheim allerdings nicht. Schon seit 40 Jahren besteht die Tagesklinik in Rosenheim – bisher allerdings in einem anderen Gebäude. Mit dem Umzug in die Lokhöfe erstrahlt sie nun in neuem Glanz.
Wie wichtig die Angebote für die Behandlung psychischer Erkrankungen sind, zeigt auch der aktuelle Bericht der AOK zum Krankenstand in Bayern. Demnach stieg die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage, die durch Langfristerkrankungen verursacht wurden, zwischen 2016 und 2025 um fast 50 Prozent. „Langfrist“ – das bedeutet bei der AOK Erkrankungen von sechs und mehr Wochen Dauer.
Therapie wie ein
harter Arbeitstag
Der Ablauf in der Tagesklinik ähnelt einem Schultag – zumindest, was den zeitlichen Ablauf angeht. Um 8 Uhr morgens geht es los. Dann folgen blockweise unterschiedliche Therapieeinheiten. Neben der „klassischen“ Psychotherapie – einzeln und in der Gruppe – gibt es „komplementäre Therapieformen“. So zum Beispiel Musiktherapie, Kunsttherapie, Ergotherapie und Sport in unterschiedlichsten Variationen. „Es ist ein riesiges Spektrum an Angeboten“, sagt Zwanzger.
Von diesen Angeboten profitieren auch die Patienten in der psychiatrischen Institutsambulanz (PIA). Diese dient als Anlaufstelle für Personen mit komplexen oder chronischen Erkrankungen, die eine intensive Behandlung benötigen. Aber auch für Menschen in akuten Krisensituationen bietet sie sich an. Kurzum: für Patienten, die „zu gesund“ für einen stationären Aufenthalt sind, aber deren Fall zu schwerwiegend oder akut ist, um auf einen Platz in einer niedergelassenen Praxis zu warten. Denn für die Suche nach einem passenden Therapieplatz benötigt man hauptsächlich eins: Geduld. Peter Zwanzger betont in diesem Zusammenhang aber: „Wenn ich heute dringend Hilfe benötige, bekomme ich die auch innerhalb weniger Tage – je nach Schweregrad.“ In der PIA bekämen akute Fälle also deutlich schneller einen Termin, als das bei den niedergelassenen Psychotherapeuten und Ärzten der Fall sei.
Großes Lob für
die Hausärzte
Zwanzger sagt aber auch, dass er den Kollegen in den Praxen keinen Vorwurf macht. Schließlich seien auch deren Kapazitäten begrenzt – und die Wartelisten lang. „Die machen alle einen Wahnsinnsjob“, lobt der Ärztliche Direktor.
Und er möchte noch ein weiteres Lob aussprechen: „Ohne die Hausärzte wären wir als Fachärzte aufgeschmissen.“ Es gebe zahlreiche Hausärzte, die bereits viel Erfahrung mit psychischen Erkrankungen hätten und dementsprechend hervorragend vorbehandeln, so der Experte.
Nicht immer braucht es
Langzeittherapie
Was Zwanzger auch betont: Nicht jede Person, die mit einer psychischen Krisensituation zu kämpfen hat, benötigt direkt eine Langzeittherapie. „Wir haben viele Patienten, die in der Krise einen Therapieplatz suchen und letztlich zu uns kommen“, erzählt Zwanzger. Oftmals würden schon ein paar Therapiesitzungen ausreichen, um die Krisensituation zu überwinden und in einen lebenswerten Alltag zurückzukehren.
Das Wichtigste ist laut Zwanzger zunächst, einen Ansprechpartner zu haben, der eine Diagnose stellt und dem Betroffenen erklärt, was schließlich notwendig ist. Sei es nun eine Krisenintervention, Medikamente, fünf oder doch 20 Stunden Therapie. „Wenn wir die Ressourcen, die wir in unserem Gesundheitssystem haben, besser steuern würden, dann würden wir auch besser damit auskommen“, fasst Zwanzger zusammen.