Rosenheim – Die Ende März eröffnete Römerausstellung im Rosenheimer Lokschuppen bietet faszinierende neue Blickwinkel auf das Imperium Romanum als gesamteuropäisches Kultur- und Machtgefüge. Während im Lokschuppen die große Geschichte des Römischen Reiches in all ihrer Vielfalt erlebbar wird, richtet das Städtische Museum Rosenheim – mit einer der bedeutendsten Römersammlungen Südbayerns – den Fokus auf die lokale Perspektive: dem römischen Leben in und um das heutige Rosenheim, einer Region, die als Grenz- und Verkehrsraum zwischen den Provinzen Raetien und Noricum eine besondere Rolle spielte.
Ein besonderes Glanzstück der Rosenheimer Römersammlung ist eine fein gearbeitete Karneolgemme. Gefunden wurde das ovale, flach geschliffene Stück 1965 in Pfaffenhofen am Inn, auf dem sogenannten Kastenfeld. Sie war ursprünglich in einen Fingerring eingesetzt, dessen Metallfassung nicht erhalten ist.
Auf der Gemme ist ein thronender Jupiter, der oberste Gott der römischen Götterwelt, dargestellt. Zu seinen Füßen sitzt ein Adler – Bote und Zeichen kaiserlicher Autorität. In seiner Rechten trägt Jupiter eine kleine geflügelte Darstellung der Göttin Victoria, die ihm einen Lorbeerkranz als Zeichen des Sieges entgegenstreckt.
Die Darstellung macht ein grundlegendes Prinzip römischer Religionsvorstellungen sichtbar: Wo römische Herrschaft präsent war, manifestierten sich auch die Götter des Reiches. Jupiter, als oberster Himmels- und Staatsgott, stand für Fruchtbarkeit, Ernteerfolg und natürliche Ordnung ebenso wie für die Sicherung von Verträgen, Eigentum und staatlicher Autorität.
Victoria wiederum verkörperte den militärischen Erfolg, der für die römische Herrschafts- und Selbstinszenierung von zentraler Bedeutung war.
Ihre geflügelte Gestalt prägte später die christliche Ikonografie – insbesondere die Darstellung von Engeln – und erscheint bis heute auf bedeutenden Monumenten, etwa in der Quadriga des Brandenburger Tores.
1848 wurde in Prutting ein 1,52 Meter hoher Altar für Victoria entdeckt.
Lange ging man davon aus, dass der Altar ursprünglich im nahegelegenen Pons Aeni, der römischen Siedlung auf dem Kastenfeld, gestanden habe. Neuere Forschungen legen jedoch nahe, dass sein ursprünglicher Standort vielmehr auf norischem Gebiet, also östlich des Inns, zu suchen ist. Die erhaltenen Reliefmotive deuten darauf hin, dass das Monument in seiner Erstverwendung als Grabstein diente. Anfang des vierten Jahrhunderts wurde die ursprüngliche Inschrift vollständig entfernt und der Stein neu beschriftet.
Die jüngere Inschrift nennt als Auftraggeber Aurelius Senecio, den dux Norici et Pannoniae superioris, d.h. den militärischen Oberbefehlshaber über die Provinzen Noricum und Oberpannonien.
Er ließ zu Ehren Victorias einen Tempel errichten, der vermutlich als Neubau oder umfassende Erneuerung eines bereits bestehenden Heiligtums zu verstehen ist.
Die Weihung steht in Verbindung mit einem Sieg vom 27. Juni 310, dessen genauer Kontext weiterhin unklar bleibt. Aufgrund der politischen Lage im frühen vierten Jahrhundert – geprägt von innenpolitischen Konflikten – ist ein regionales militärisches Ereignis wahrscheinlich.
Die Gemme und der Victoria-Altar verdeutlichen, wie fest römische Religion und Bildsprache im alltäglichen wie im politischen Leben der Provinzen verankert waren und wie stark sich dies auch im Raum Rosenheim widerspiegelte. Während die Gemme den privaten, persönlichen Bezug des Individuums zu Jupiter und Victoria zeigt, dokumentiert der Monumentalaltar die öffentliche, staatlich-militärische Verehrung der Siegesgöttin.
Beide Zeugnisse machen deutlich, dass die Region nicht nur ein Transit- und Grenzraum, sondern ein aktiver Schauplatz römischer Geschichte war – ein Ort, an dem Imperium und Provinz, politische Macht und alltägliche Lebenswelt, überregionale Ideologie und lokale Realität unmittelbar aufeinandertrafen.
Der Victoria-Altar befindet sich in der Pruttinger Pfarrkirche Mariae Opferung, während die Karneolgemme derzeit in der Römerabteilung des Städtischen Museums Rosenheim ausgestellt ist.
Weitere Informationen stehen auf der Website des Museums www.museum.rosenheim.de zur Verfügung.