Rosenheim – Der Fall Collien Fernandes hat die Debatte über das Thema digitale sexualisierte Gewalt neu entfacht. Millionen Menschen gehen auf die Straße. Die Politik fordert schärfere Gesetze. Wie wichtig das ist, wissen Johanna Jegg und Marion Güttler von der Beratungsstelle „MaVia“. Im OVB-Exklusivinterview beantworten sie Fragen rund um digitale Gewalt in Bezug auf Partnerschaftsgewalt.
Wie häufig haben Sie mit Frauen zu tun, die von digitaler Gewalt betroffen sind?
Johanna Jegg: Digitale Gewalt ist nahezu täglich Thema bei uns in der Beratung. Der Fall von Collien Fernandes zeigt, welches Ausmaß digitale Gewalt annehmen kann. Digitale Gewalt fängt da an, wo die Freiwilligkeit aufhört.
Marion Güttler: Also wenn ich etwa von meinem Partner gezwungen werde, meinen Standort freizugeben, damit er immer sehen kann, wo ich bin.
Wie unterstützen Sie die betroffenen Frauen?
Güttler: Was wir in Fällen von digitaler Gewalt immer anbieten, ist, mit den Frauen gemeinsam ihr Handy anzuschauen und eine Art Checkliste mit ihnen durchzugehen, um ihr Handy wieder möglichst sicher zu gestalten. Wenn es um digitale Gewalt im Internet geht, bieten zudem die meisten Plattformen die Möglichkeit, unangemessene Inhalte zu melden. Außerdem zu empfehlen ist, dass man Beweise sichert, also zum Beispiel Screenshots macht.
Jegg: Bei Gewalt geht es um die Ausübung von Macht durch die Täter, sie spielen mit der Angst der Betroffenen. Wenn man sich in dieser Situation wiederfindet, dann kann es auf jeden Fall helfen, sich Unterstützung zu suchen und sich jemandem anzuvertrauen. Das können Freunde, Familie oder eben eine Beratungsstelle, wie wir es sind, sein. Dann ist man zumindest nicht mehr allein und kann gemeinsam nach Wegen suchen, wie mit der Situation umgegangen werden kann.
Muss mehr über digitale Gewalt gesprochen werden?
Güttler: Wir nehmen wahr, dass das Thema Gewalt in den Medien gerade groß aufgegriffen wird, und das ist auch gut so, denn die Fälle Fernandes, Pelicot und Epstein sind aus gutem Grund in aller Munde.
Jegg: Uns ist wichtig, zu sagen, dass Gewalt noch viel öfter vorkommt, als wir in den Medien davon lesen, und jeden treffen kann.
Konkrete Zahlen, wie viele Frauen in unserer Region von digitaler Gewalt betroffen sind, gibt es nicht. Klar dürfte aber auch sein, dass die Dunkelziffer extrem hoch ist.
Jegg: Wir vermuten, dass digitale Gewalt sehr viele, vorwiegend junge, Frauen betrifft. Diese wissen oft nicht, dass es sich um Gewalt handelt. Das Beispiel, dass der Partner einen zwingt, den Standort freizugeben, lässt sich leicht mit Romantik rechtfertigen: „Er sorgt sich eben sehr um mich.“ Wichtig ist: Wenn ich den Standort nicht freiwillig freigebe, dann ist es Gewalt.
Güttler: Außerdem entwickelt sich die digitale Welt einfach sehr schnell und damit auch die Möglichkeiten, digitale Gewalt auszuüben. Es ist schwierig, dann ebenso schnell am Ball zu bleiben und die Gewaltmöglichkeiten im Blick zu haben.
Viele Frauen, die von digitaler Gewalt betroffen sind, trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Woran liegt das?
Güttler: Die großen Themen, die immer dazu führen, dass es Betroffenen schwerfällt, über das Erlebte zu sprechen, sind Schuld und Scham. Die Betroffenen fühlen sich für ihre Lage verantwortlich, denken, dass sie selbst schuld sind, weil sie sich auf die Beziehung mit dem gewalttätigen Mann eingelassen haben, und schämen sich dafür, dass sie nicht früher erkannt haben, wie sie behandelt werden.
Jegg: Dazu ein ausgedachtes und sehr plakatives Beispiel: Eine Frau schwärmt für einen Mann, die beiden lernen sich kennen, es läuft gut. Sie schreiben sich viele Nachrichten, darunter auch ‚spicy‘ Nachrichten. Er fragt sie nach einem Nacktbild, sie möchte die Stimmung nicht verderben und fühlt sich wohl, also geht sie ins Bad, richtet sich schön her, macht ein Foto und schickt es ihm. Er freut sich und es läuft noch eine ganze Weile gut zwischen den beiden. Irgendwann kippt die Stimmung.
Was passiert?
Jegg: Vielleicht werden die Nachrichten von ihm immer mehr. Wenn sie sich zwei Stunden nicht meldet, weil sie in der Arbeit ist, gibt es Stress. Möglicherweise vermutet er sogar, dass sie ihn mit ihrem Chef betrügt. Letztlich entscheidet sie, dass es ihr endgültig zu viel ist und sie sich trennen möchte. Er ist so gekränkt, dass er das Nacktbild von ihr an ihren Chef schickt.
Und dann?
Jegg: Da kann man leicht sagen: Naja, selbst schuld, man darf halt keine Nacktbilder verschicken. Aber so ist es eben nicht, die Weitergabe und Veröffentlichung von Aufnahmen gegen den Willen der abgebildeten Person ist strafbar. Trotzdem bleibt die Situation unkontrollierbar, weil man nicht wissen kann, wer und wie viele Personen die Bilder letztlich trotzdem auf dem Handy haben und wiederum weiterverbreiten könnten. Es ist ein Lauffeuer.
Braucht es härtere Strafen?
Jegg: Zuerst braucht es mal ein Bewusstsein dafür, dass digitale Gewalt strafbar ist. Der Fall von Collien Fernandes ist gerade sehr präsent und wir hoffen, dass eine mögliche Verurteilung in diesem Fall ebenso präsent ist. Wie Gisele Pelicot sagte: Die Scham muss die Seite wechseln. Dann braucht es eine konsequente Umsetzung der bestehenden Gesetze und damit einhergehenden Strafen, die es bereits gibt.
Güttler: Außerdem gibt es derzeit noch einige rechtliche Schutzlücken, vor allem in Bezug auf Deepfakes oder bei der Verbreitung von intimen Bildern, die mit Einwilligung der Betroffenen entstanden sind. Es gibt hierzu eine neue EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Diese Richtlinie muss bis Mitte 2027 umgesetzt werden. Die aktuelle mediale Berichterstattung zeigt, wie wichtig diese Umsetzung für den Schutz von Frauen ist.
Wie kann man sich schützen?
Jegg: Es ist schwierig, diese Frage zu beantworten, weil digitale Gewalt so viele Formen annehmen kann, dass es auch dementsprechend genau so viele Schutzstrategien bräuchte. Grundsätzlich gilt, dass es helfen kann, wenn man auf das eigene Bauchgefühl hört. Möchte ich meinen Standort freigeben? Möchte ich intime Bilder verschicken? Wenn mein Bauch Nein sagt, dann lohnt es sich, diesem Gefühl nachzugehen. Und abgesehen davon, können auch ein paar Dinge in einer Beziehung vorab besprochen werden, zum Beispiel wie mit intimen Bildern nach einer Trennung umgegangen werden soll. Wenn sich kein Konsens herstellen lässt, sollte man auch keine Bilder verschicken, die einem später unangenehm sein können.
Güttler: Und selbst, wenn all diese Dinge getan werden, kann es trotzdem passieren, dass man Opfer von Gewalt wird. Uns ist wichtig, dass die Frauen wissen: Ihr seid nicht schuld. Die Verantwortung für Gewalt trägt immer die Person, die die Gewalt ausübt. Punkt.
Wer sich wiedererkennt oder Fragen hat, kann sich natürlich gerne an uns wenden. Auch zu empfehlen ist die Broschüre „Digitale Welten – Digitale Medien – Digitale Gewalt“ vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland (bff), die es online zu finden gibt.