Kein „Jammern auf hohem Niveau“

von Redaktion

Obwohl der Bedarf anTherapieplätzen steigt,erhalten Psychotherapeuten bald weniger Geld. Viele Therapeuten in Rosenheim schlagen deshalb Alarm und sorgen sich um die künftige Versorgung psychisch kranker Menschen.

Rosenheim – Die Stimmen werden lauter. Vor wenigen Tagen schlug die Rosenheimer Diplom-Psychologin und psychologische Psychotherapeutin Peggy Behrendt Alarm: Die ambulante Versorgung psychisch kranker Menschen könnte drastisch schlechter werden. Das liegt an der Entscheidung eines Bewertungsausschusses der Krankenkassen, den Psychotherapeuten das Honorar einzukürzen. 4,5 Prozent weniger gibt es ab April bei der Vergütung einer Therapiesitzung – ein „schlimmes Signal“ für Behrendt. Jetzt hat sie Unterstützung erhalten.

6.500 Euro weniger
an Einnahmen

Auch Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz und Dr. Kurt Schulz können über die Honorarkürzung nur mit dem Kopf schütteln. Die psychologische Psychotherapeutin und der Facharzt für psychotherapeutische Medizin aus Rosenheim haben in der Zeitung von „Behrendts Engagement“ für die Branche gelesen – und wollen noch ein paar Punkte loswerden, die ihnen auf der Seele liegen. Schließlich müsse man über die Folgen der Einkürzung – um die 6.500 Euro weniger an Einnahmen im Jahr – die Menschen so weit wie möglich aufklären.

Eines machen die beiden in ihrem Brief ans OVB gleich deutlich: Die Kritik an den Kürzungen sei nicht mit „Jammern auf hohem Niveau“ zu vergleichen. „Das genannte Honorar entspricht nicht im Mindesten dem zu versteuernden Bruttoeinkommen, sondern beschreibt den Umsatz“, sagen Glofke-Schulz und Schulz. Davon müssten sämtliche Betriebsausgaben bezahlt werden: Raum- und Personalkosten, Kammerbeiträge und Versicherungen, Kosten für die gesetzlich vorgeschriebenen Fortbildungen, Materialkosten, Abzahlung der im Studium sowie in der extrem teuren Weiterbildung aufgehäuften Schulden sowie den Ausgleich für unbezahlte Krankheits- und Urlaubstage.

Einfach mehr arbeiten, um die fehlenden 4,5 Prozent der etwas mehr als 100 Euro an Vergütung für eine Sitzung anderweitig auszugleichen, sei auch nicht möglich. Wie der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GVK) auf OVB-Anfrage mitteilte, liegt die Vollauslastung bei 36 Therapiestunden pro Woche. Mehr sei aber nicht so einfach drin, da die 36 Sitzungen nicht die komplette Arbeitszeit darstellen, kritisieren die Rosenheimer. Zu den Sitzungen kämen die Vor- und Nachbereitung, aufwendige Berichte an die Krankenkasse oder auch telefonische Kontakte. „Da werden aus 36 Stunden sehr schnell 50 und mehr Arbeitsstunden.“

Zumal man bedenken müsse: „Psychotherapie, sofern sie etwas bewirken soll, geht nicht am Fließband“, betonen Glofke-Schulz und Schulz. Wer nicht wie Peggy Behrendt und viele andere Psychotherapeuten „mit dem Herzen dabei ist“ und sich wirklich auf die Beziehung mit den leidenden Menschen einlasse, werde nicht helfen können. „Doch auch die Seele von uns Psychotherapeuten ist nicht grenzenlos und in Serie belastbar“, sagen sie.

Dabei wollen die beiden Rosenheimer auch daran erinnern, dass die Psychotherapie „in den Leistungskatalog der Krankenkassen nicht aus Barmherzigkeit aufgenommen wurde, sondern als Folge zahlreicher Studien.“

Diese hätten immer wieder belegt, wie viele Ausgaben der Allgemeinheit durch Psychotherapie erspart bleiben: weniger Krankheitstage, weniger Ausgaben für medizinische Behandlungen, weniger andere direkte und indirekte soziale Folgekosten. „Psychotherapie ist somit nicht nur Menschenrecht, sondern auch volkswirtschaftlich geboten“, sind sie überzeugt.

So hoffen Eva-Maria Glofke-Schulz und Kurt Schulz, dass die Politik „ein Einsehen“ haben möge. Schließlich sei ihnen nicht bekannt, dass bei anderen Facharztgruppen die Einzelleistungsvergütungen gesunken sind. Die Vergütung bei den niedergelassenen Ärzten sei allerdings ebenfalls seit Jahren real gesunken, teilt Dr. Michael Iberer, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Rosenheim, mit.

Deshalb habe er sich auch darüber geärgert, dass in der Diskussion um das Honorar behauptet wurde, dass andere ärztliche Fachgruppen einen Stundenlohn von 200 Euro hätten, Psychotherapeuten im Verhältnis dazu hingegen deutlich weniger. „Niedergelassene Ärzte haben keinen Stundenlohn. Sie tragen ein unternehmerisches Risiko und finanzieren Personal, Räume und Technik aus eigener Tasche“, sagt Iberer. Nach Abzug aller Abgaben blieben im Durchschnitt rund 94.000 Euro netto im Jahr. „Bei einer realistischen Arbeitszeit von etwa 60 Stunden pro Woche entspricht das lediglich rund 34 Euro netto pro Stunde“, betont der Arzt.

Dennoch macht auch Iberer deutlich, dass er die diskutierten Kürzungen im Bereich der psychotherapeutischen Versorgung für fachlich und gesundheitspolitisch falsch hält. „Die Versorgung psychisch erkrankter Patienten ist bereits heute angespannt, eine weitere Schwächung dieses Bereichs lehnen wir entschieden ab“, sagt er. Niedergelassene Ärzte hätten aber genauso mit einer hohen Arbeitsbelastung, steigenden Kosten und unternehmerischem Risiko zu kämpfen. „Die Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen konnte damit nicht Schritt halten“, sagt der Arzt.

Faire Honorierung bei
steigender Nachfrage

Das ist auch Peggy Behrendt bewusst. Die 200-Euro-Rechnung sollte nur ein reines Zahlenbeispiel sein, ohne konkreten Bezug. Wenn das missverstanden worden sei, tue es ihr leid. „Die Honorare von Fachärzten setzen sich natürlich anders zusammen als die von Psychotherapeuten“, sagt sie.

Es gehe ihr ausdrücklich darum, nicht andere Fachgruppen abzuwerten, sondern um eine sachliche Diskussion über faire Honorierung bei gleichzeitig steigender Nachfrage.

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