Rosenheim – Der Historische Verein Rosenheim, vor 125 Jahren gegründet, stellt sich fortlaufend die Frage nach seiner Rolle und Mitwirkung in der aktuellen Stadtgesellschaft. Für Karl-Heinz Brauner, der dem Verein seit 2017 vorsteht und auf der Jahreshauptversammlung für drei weitere Jahre zum Vorsitzenden gewählt wurde, ist dies eine stetige Standortbestimmung.
Brauner und seine vier Vorstandsmitglieder sind überzeugt, dass es dafür notwendig ist, mehr als nur Vorträge zur Geschichte von Stadt und Region anzubieten. Diese Vorträge, die Geschichte stets aus einem ungewohnten Blickwinkel beleuchten, sind zwar ein fester Bestandteil des Programms. Der Verein sieht seine Aufgabe jedoch auch darin, klar Flagge zu zeigen, wenn aktuelle Ereignisse gefährliche historische Parallelen aufzeigen. Ein Beispiel hierfür war der Abend am Sonntag, 9. November, an dem der Autor und Historiker Volker Weiß aus seinem Buch „Das deutsche demokratische Reich“ las. Dabei wurde deutlich: „Die Mechanismen, mit denen die extreme Rechte versucht, unser Land zu unterwandern und seine Institutionen in Besitz zu nehmen, wirken, wenn man sie in einen historischen Kontext stellt, leider nur allzu bekannt.“
Der gut besuchte Vortrag wurde nicht allein vom Historischen Verein organisiert, sondern in Zusammenarbeit mit den beiden kirchlichen Bildungswerken und der Initiative „Gesicht zeigen“. Dies belegt, dass sich der Historische Verein nicht als Einzelkämpfer, sondern als aktiver Teil der Zivilgesellschaft der Stadt versteht. Durch derartige Kooperationen werden auch größere Veranstaltungen möglich, wie das Dankkonzert am Samstag, 8. Mai, zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Beteiligt waren die Innphilharmonie Rosenheim, der Chorkreis Sankt Quirin, der Kirchenchor und Choriamochor am Wasen sowie die Stadtkapelle Rosenheim. Karl-Heinz Brauner und der Historische Verein gaben den Anstoß und übernahmen die Organisation. Um aktuelle Zeitbezüge herstellen zu können, hat der Historische Verein im vergangenen Jahr ein neues Format eingeführt: die Stammtische. Diese können kurzfristiger angesetzt werden als das sonstige Veranstaltungsprogramm und ermöglichen es, flexibel auf Interessantes und Diskussionswürdiges aus der Stadtgesellschaft zu reagieren, beispielsweise auf die Entwicklung des Stadtteils Kastenau oder den Stand um das historische Gebäude des Oberbahnamtes. Ein Kennzeichen dieser Stammtische ist, dass die Besucher mehr Zeit und Gelegenheit zum Austausch und zur Diskussion haben. „Mitreden und nicht nur zuhören ist hier die Devise.“
Neben Neuem legen Karl-Heinz Brauner und seine Vorstandschaft großen Wert auf die Pflege der Vereinstraditionen. Dazu gehören die Publikationsreihe „BIO“ und die Zeitzeugengespräche. Das jüngste Interview dieser Reihe wurde mit Sepp Wieland geführt, der über die Grenzen der Region als Sänger und Musiker bekannt war und Krieg sowie Nachkriegszeit selbst erlebt hatte. Das Zeitzeugeninterview mit ihm zeigt die Bedeutung dieses Formats: Sepp Wieland ist im März im Alter von 96 Jahren verstorben. Seine Lebenserinnerungen wären außerhalb seiner Familie für immer verloren, wären sie nicht im Youtube-Kanal des Historischen Vereins verewigt worden.
Der Verein bietet zudem immer wieder unmittelbaren Kontakt zu Historischem und Zeitgenössischem durch Exkursionen und Ausflüge. Hierbei kann Geschichtliches direkt und mit allen Sinnen erlebt werden. jt