Rosenheim/Landkreis – „Rosenheimer Zeitsprünge“ heißt die einmal wöchentlich erscheinende Serie der OVB-Heimatzeitungen, von OVB online und der 24er-Portale.
Was darf der Leser beziehungsweise User von der Serie erwarten? Auf alle Fälle tolle Bilder aus den letzten Jahrzehnten, die sich mit einem Vorher/Nachher-Schieberegler in die Gegenwart verwandeln und mit einem Klick auch vergrößern lassen. Die Geschichte der Heilig-Geist-Straße in Rosenheim geht bis ins Mittelalter zurück. Sie hat von der Heilig-Geist-Kirche, einem der ältesten Bauwerke in Rosenheim, ihren Namen. Die Heilig-Geist-Kirche wurde 1449 vom wohlhabenden Rosenheimer Bürger Hans Stier gestiftet. Die Straße wurde also nach einer kirchlichen Einrichtung benannt – typisch für mittelalterliche Städte, in denen Kirchen oft zentrale Orientierungspunkte waren.
Früher hieß die Straße „Marktgasse“, weil sie Teil des alten Marktkerns war. Bis zum 19. Jahrhundert war die Heilig-Geist-Straße eine eher locker bebaute Randstraße. Ab 1900 fand eine zunehmende Verdichtung und damit die Integration in die Innenstadt statt. Ein echtes Highlight der Heilig-Geist-Straße sind die Laubengänge (Arkaden). Sie dienten früher den Händlern als wettergeschützter Verkaufsraum. Diese Arkaden sind typisch für Städte entlang des Inns (zum Beispiel auch Wasserburg). Die historischen Bürgerhäuser weisen nach dem verheerenden Stadtbrand 1641 eine massive Bauweise auf und an den Bauwerken sind immer wieder religiöse Fassadenfiguren zu sehen. Viele Häuser gehörten damals wohlhabenden Kaufleuten, Händlern und kirchlichen Einrichtungen. An der Heilig-Geist-Straße, genauer gesagt in der Seitenstraße der Stollstraße, befanden sich lange Zeit auch zwei Schulen: die Stollschule (abgerissen 1985) für die Buben und die Heilig-Geist-Schule für die Mädchen (abgerissen 2000).
In Rosenheim – wie fast überall in Bayern im 19. und 20. Jahrhundert – war die strikte Trennung von Buben und Mädchen im Schulwesen lange üblich. Das galt auch für die Stollschule und die Heilig-Geist-Schule, die seit der Gründung 1875/76 als reine Mädchenschule konzipiert war. Unterrichtet wurde überwiegend durch Ordensschwestern. In vielen Volksschulen (Grund- und Hauptschulen) war die Trennung spätestens Ende der 1960er weitgehend aufgehoben.
Die strikte Trennung von Jungen und Mädchen in Schulen wie der Heilig-Geist-Schule und der Stollschule war damals vollkommen selbstverständlich, und die Gesellschaft ging davon aus, dass Buben und Mädchen grundverschiedene Lebenswege haben: Die Buben sollten später arbeiten, Politik machen und Verantwortung tragen. Die Mädchen sollten Ehefrauen und Mütter werden. Deshalb war auch der Unterricht anders: Die Buben hatten mehr Mathematik, Naturwissenschaften und Vorbereitung auf Berufe. Bei den Mädchen standen Handarbeit, Haushaltsführung, Religion und „Anstand“ auf dem Lehrplan. Gerade in Bayern spielte die katholische Kirche eine große Rolle im Schulwesen. Man wollte „Sittlichkeit“ und Moral schützen. Gemeinsamer Unterricht von pubertierenden Jugendlichen galt als problematisch. Dass es mit einem 1893 im Rosenheimer Marienbad geborenen Buben später problematisch werden würde, konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Das Marienbad befand sich an der Haustätter Straße, die 1965 in Heilig-Geist-Straße umbenannt wurde.
Das Marienbad, das gegenüber vom Ignaz-Günther-Gymnasium lag, war kein Schwimmbad im heutigen Sinne, sondern eine Mischung aus Heilbad (Kurhaus), Hotel und später Gastwirtschaft. Die zwischen 1864 und 1867 gegründete Badeanstalt bot unter anderem Mineralbäder, Solebäder und Moorbäder.
In den frühen 1880ern hatte das Marienbad sogar mehr Gäste als das berühmte Kaiserbad in Rosenheim. Sogar Kaiser Wilhelm I. übernachtete im Marienbad mehrmals. Das Gebäude ist auch bekannt als Geburtsort von Hermann Göring. Der nationalsozialistische Politiker und Kriegsverbrecher wurde am 12. Januar 1893 im Marienbad in Rosenheim geboren.
Er kam dort während der Abwesenheit seines Vaters, der als kaiserlicher Kommissar tätig war, im Haus seines Patenonkels zur Welt. Was aus Göring junior später wurde, ist bekannt.