„Ich habe 900 ungelesene Bücher zu Hause“

von Redaktion

Interview Autorin Winnemuth über die Lust am Lesen und die Bereicherung fürs Leben

Rosenheim – Autorin Meike Winnemuth hat ihrer Faszination fürs Lesen ein Buch gewidmet. Für „Eine Seite noch“ las sie einen Sommer lang 70 Bücher. Nun stellt die Bestsellerautorin ihr Werk in Rosenheim vor und verrät, warum die Lektüre von Büchern für sie das größte Glück bedeutet. Es gibt wohl kaum einen Tag, an dem Meike Winnemuth nicht ein Buch in die Hand nimmt. Doch was macht Lesen so besonders für Sie? Und wie entscheidet sie sich, welches Buch sie als Nächstes liest? Im OVB-Exklusivinterview liefert sie Antworten auf zahlreiche Fragen.

Welches Buch lesen

Sie zurzeit?

Die Frage ist wohl eher, welche Bücher (lacht). Derzeit lese ich „Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, „Ein Sommer mit Goethe“ von Gustav Seibt, „Das gute Benehmen“ von Molly Keane, und ich habe mit dem neuen Buch „Erzähl mir alles“ von Elizabeth Strout angefangen. Außerdem lese ich gerade noch zwei Bücher für den Buchclub. Es ist also eine wilde Mischung.

Kommt man da nicht durcheinander?

Das passiert sehr selten. Zumal die Bücher bei mir auch immer bestimmten Leseorten zugeordnet sind. Einige liegen neben meinem Sessel, andere am Sofa oder neben meinem Bett. Ich lese an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Bücher.

Wie entscheiden Sie,

welches Buch Sie lesen?

Ich habe oft den Eindruck, dass die Bücher einander die Hand reichen. Manchmal folge ich auch Empfehlungen von Freunden oder meiner sehr guten Buchhändlerin. Hin und wieder interessiert mich ein Buch, das von einem Kritiker empfohlen worden ist oder weit oben auf einer Bestsellerliste steht. Ich habe nie Mühe, das nächste Buch zu finden.

Woher kommt Ihre

Leidenschaft fürs Lesen?

Ich habe als Kind und Jugendliche unglaublich viel gelesen. Ich bin ein Einzelkind, die Bücher waren für mich also schon immer eine gute Gesellschaft. Und doch ist mir das Lesen in der Rushhour meines Lebens abhandengekommen. Das fand ich regelrecht tragisch. Mit Mitte 40 musste ich mir das Lesen und das Lesenwollen erst wieder beibringen.

Woher kam die Idee für Ihr Buch „Eine Seite noch“?

Ich habe meine bisherigen Bücher immer über meine jeweiligen Leidenschaften geschrieben, sei es das Reisen oder das Gärtnern. Da das Lesen definitiv auch in diese Reihe gehört, war es nur eine Frage der Zeit. Außerdem wollte ich gerne selbst ein solches Buch lesen, musste aber feststellen, dass es nichts in der Art gibt. Also musste ich es selbst schreiben (lacht).

War eine Recherche für Ihr neues Buch notwendig?

Nein, ich habe mir einfach nur beim Lesen auf die Finger geschaut. Ich habe die Bücher gelesen, die ich ohnehin gelesen hätte. Vielleicht ein wenig mehr als sonst, weil ich mit vielen Leuten über ihre Lektüre gesprochen und daraus viele Anregungen übernommen habe.

Am Ende sind Sie auf 70 Bücher in sechs Monaten gekommen.

Aber da waren 20 Hörbücher dabei. Die höre ich, wenn ich in der Bahn oder im Auto sitze, spazieren gehe oder abends im Bett liege.

Warum macht Lesen

glücklich?

Weil Lesen das Leben reicher, bunter, tiefer, größer und weiter macht. Durch Bücher habe ich die Möglichkeit, in andere Länder zu reisen, in ferne Zeiten einzutauchen und in andere Köpfe hineinzuschauen, die mir ansonsten nicht zugänglich wären. Es ist eine unglaubliche Bereicherung für mein Leben, Zutritt zu so vielen anderen Welten, Denkweisen und Empfindungen zu haben. Ich lerne beim Lesen, wie man Dinge anders sehen, fühlen und erleben kann. Das ist ein großes Glück.

Trotzdem gibt es viele Menschen, die kaum lesen.

Für viele ist Lesen seit der Schulzeit eine Qual. Ich verstehe bis heute nicht, wieso eine Zwölfjährige das Drama „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist lesen muss. In der Schule passiert es leider häufig, dass einem das Lesen durch solche Zwangslektüren regelrecht ausgetrieben wird – ein großer Jammer. Lesen sollte keine Verpflichtung sein, sondern reines Vergnügen. Je älter ich werde, desto allergischer reagiere ich auf das Wort „muss“. Man muss gar nichts, wenn es ums Lesen geht. Man muss nicht lesen, man darf Seiten überblättern und Bücher abbrechen.

Brechen Sie auch

Bücher ab?

Ständig und ohne schlechtes Gewissen. Ich breche Bücher ab, mit denen ich nicht klarkomme oder die mich nicht interessieren. Gelegentlich lege ich ein Buch zur Seite, für das ich gerade nicht in Stimmung bin, und versuche es in ein paar Jahren noch einmal. Andere landen direkt im Büchertauschschrank.

Heben Sie Bücher

nicht auf?

Selten. Mein Regal ist kein Ort dafür, gelesene Bücher aufzubewahren, sondern ein Ort für ungelesene Bücher. Es ist wie eine hervorragend kuratierte Vorauswahl von Büchern, die ich gerne lesen möchte. Bücher, die ich gelesen habe, reiche ich mit wenigen Ausnahmen weiter.

Wie viele ungelesene Bücher haben Sie zu Hause?

Zwischen 800 und 900, würde ich schätzen. Ich habe aufgehört, mir zu sagen, dass ich erst einmal alle Bücher lesen muss, die ich zu Hause habe, bevor ich mir ein neues kaufe.

Können Sie einen Buchladen verlassen, ohne etwas zu kaufen?

Sehr selten. Wenn ich im Urlaub in eine Buchhandlung gehe, bin ich meistens verloren. Ich muss fast zwanghaft etwas mitnehmen, auch wenn ich weiß, dass mein Koffer dann doppelt so schwer ist, und ich die Bücher genauso gut zu Hause hätte kaufen können.

Wie viele Bücher nehmen Sie in der Regel mit auf Reisen?

Natürlich immer zu viele (lacht). Das ist ein eisernes Gesetz. Es müssen auch gedruckte Bücher sein, obwohl ein E-Reader eigentlich die bessere Alternative wäre.

Ein E-Reader kommt für

Sie also nicht infrage?

Doch, ich war ein Jahr lang auf Weltreise. Da war es unmöglich, Bücher mitzunehmen. Durch meinen E-Reader hatte ich das große Vergnügen, mir selbst im Hinterland von Äthiopien jedes beliebige Buch herunterladen zu können. Wunderbar! Aber ich habe nun mal auch sehr gerne ein Buch in der Hand. Dementsprechend werde ich auch auf meiner Lesetour Bücher einpacken. Ich bin seit Sonntag, 12. April, drei Tage in Bayern unterwegs und werde sicher mindestens drei Bücher mitnehmen (lacht).

Kann Lesen Trost spenden?

Ja, absolut. In einer Zeit größten Liebeskummers habe ich viel Trost in Büchern gefunden. Ich habe damals unter anderem „Das Jahr des magischen Denkens“ von Joan Didion gelesen, über den plötzlichen Tod ihres Mannes. Meiner ist mir nur abhandengekommen (lacht), der Verlust war dennoch ähnlich schmerzhaft. Das Buch hat mich durch diese Zeit getragen, ich habe mich nicht mehr so alleine gefühlt.

Interview: Anna Heise

Heute: Lesung in Stadtbibliothek

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