Rosenheim – Er blickt in die Köpfe anderer Menschen. Max Schneider ist ein deutschland- und europaweit bekannter Mentalzauberer. Die Kunst beschäftigt sich auch mit Vorhersagen und Gedankenlesen. Jetzt kommt der Mentalist nach Rosenheim. Im Gespräch mit dem OVB verrät er, was hinter der „Zauberei“ steckt und ob die Tricks jeder lernen kann.
Sie sind Mentalzauberer. Was ist das genau?
Ein Mentalmagier oder Mentalist ist ein Zauberkünstler, also praktisch ein Illusionist. Jemand, der im darstellenden Bereich der Künste, dem Schauspiel, tätig ist. Mentalmagie ist das scheinbare Gedankenlesen. Wir beschäftigen uns mit Vorhersagen, was der Zuschauer tun wird. Oder das klassische Gedankenlesen: Jemand hat einen Gedanken und ich erfasse das als Figur.
Wie setzen Sie das in Ihren Vorstellungen um?
In meinem Fall ist das besonders, weil ich eine Darbietung zum Thema „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry habe. Und daher sehe ich mit dem Herzen. Das ist mein Thema geworden: eine Friedensbotschaft, die in allen Ländern verstanden wird. Von daher mache ich weniger das klassische Gedankenlesen als vielmehr literarische Zauberkunst. Zwei Zuschauer stellen eine Herzensverbindung her und begegnen sich und dieser magische Moment wird auf der Bühne eingefangen.
Welche Philosophie steckt hinter Ihrer Zauberei?
Als Zauberkünstler sehe ich mich in der heutigen Zeit als Brückenbauer. Das Schöne an den darstellenden Künsten ist, dass sie international und universell verständlich sind. Der Chinese im Publikum wird genauso seine Freude daran haben wie jemand aus Bayern. Die Magie ist eine friedliche, universelle und liebevolle Sprache. Das Publikum macht eine Reise zurück zum inneren Kind: das Staunen, das Lachen, auch mal abschalten können vom Alltag. Das Unmögliche und das Staunen unterscheiden uns von anderen Kunstformen. Es schüttet auch Glücksgefühle im Gehirn aus.
Was macht man als Dozent für Zauberkunst an der Uni?
Ich habe mich mit der Rolle des Zauberkünstlers beschäftigt. Man sagt, ein Zauberkünstler ist ein Schauspieler, der einen Zauberkünstler spielt. Die Aufgabe war es, Theaterwissenschaftlern, Dramaturgen und späteren Regisseuren Einblicke zu geben, was eine Darbietung spannend macht und wie eine Zaubershow aufgebaut ist. Und es ging auch um die Geschichte. Die Magie geht zurück aufs alte Ägypten. Damals haben die Menschen sich Zaubertricks überlegt, um ihre Mitmenschen daran zu erinnern, wie großartig Gott ist. Die Kunstform der Zauberkunst hat eine Symbolik, dass das Universum voller Mysterien ist. Wir erinnern die Leute daran, wie schön das Leben ist und dass wir über die Natur staunen können.
Wie fühlen Sie sich während Ihrer Vorstellungen?
Ich nehme meine Aufgabe sehr ernst, den Leuten einen schönen Abend zu ermöglichen. Ich bin sehr glücklich nach der Show, wenn Leute mich ansprechen und ihre Eindrücke noch mal zusammenfassen. Es ist auch immer eine individuelle Show. Jeder Abend hat etwas Einzigartiges. Es geht bei mir viel ums Fühlen, ums Wahrnehmen. Der Alltagsstress fällt von den Schultern und dann legen wir los, ein Kunststück nach dem anderen. Manche Aufführungen dauern knapp zwei Stunden. Ich muss mich immer ein bisschen zügeln, dass ich nicht überziehe. Also frage ich gerne mal, wie ist es bei euch? Geht’s noch oder muss jemand zum Zug?
Wie reagieren Sie, wenn ein Trick mal nicht klappt?
Es gibt tatsächlich Momente, in denen ein gewisser Fehler zum Programm gehört. Das macht das Ganze spannender. Der Zuschauer weiß also nicht immer auf Anhieb, ob etwas so gehört. Die Mentalmagie ist immer ein bisschen mit Risiko behaftet. Es kommt sehr darauf an, welche Menschen ich auswähle. Wichtig ist, dass niemand angetrunken ist, sonst kann ich keine Gedanken mehr lesen. Es gibt auch Leute, die einen anlügen. Das ist echt eine Herausforderung. Dann muss man als Schauspieler improvisieren.
Talent oder Training: Kann jeder Zauberer werden?
Ja, wenn man ein ernsthaftes Interesse hat, auf die Bühne zu gehen und Kunststücke zu trainieren. Und wenn man Freude daran hat, Leuten eine Geschichte zu erzählen. Wir haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Es gibt Kunststücke, die man auch als Kind wunderbar lernen kann. Im Bereich der Fingerfertigkeit muss man schon mehrere Tage oder Wochen intensiv trainieren. Man bildet Muskeln in der Hand aus, die zwar jeder hat, aber sonst nicht verwendet. Das Feingespür kommt, wenn man sich damit beschäftigt. Das ist ähnlich wie beim Musikinstrument.
Wie steht es um die Zukunft der Zauberei?
Wir haben seit dem Internetzeitalter mehrere Veränderungen in der Zauberkunst erlebt. Straßenzauberkünstler wurden als Sparte bei der Weltmeisterschaft in Turin 2025 anerkannt. Online-Magic ist eine komplett neue Disziplin, die es vorher in der Zauberei nicht gab: Wie kann man Magie überzeugend in Videoform für Social Media präsentieren? Eine neue Generation lernt Zauberkunst über Videos. Ich bin noch mit der klassischen VHS-Kassette aufgewachsen. Das Beste wäre es, Kurse zu belegen, wo ein Mentor dabei ist und gleich sagt, wie man die Spielkarten in der Hand hält. Das geht alles bei Videos verloren. Auch das Magische wird durch ein Video oft reduziert, wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt des Bildes sehen. Ich möchte den Menschen direkt in die Augen sehen und erleben, welche Energie da auf der Bühne ist. Ein Live-Erlebnis ist unbezahlbar.
Antonia Braun