Planer warnt vor Schnellschuss am Max-Josefs-Platz

von Redaktion

Interview Planer Marc Weschta vom Architektenbüro SEP über Urheberrecht und Gestaltungsschwerpunkte

Rosenheim – Zahlreiche Menschen mit Behinderung oder Senioren mit Rollatoren machen um den Max-Josefs-Platz einen großen Bogen. Der Grund: das historische Pflaster.

Damit der Platz barrierefreier wird, hat die Projektgruppe „Barrierefreies Bauen“ vorgeschlagen, auf dem Platz einen gut befahrbaren Weg aus großen, eben verlegten Platten zu errichten, der quer über den Platz führt und seitliche Abgrenzungen erhält. Das historische Pflaster soll dabei größtenteils erhalten bleiben. Der Münchener Planer Marc Weschta erklärt im OVB-Gespräch, warum er von der Idee nicht überzeugt ist.

Das Architektenbüro SEP hat vor über 40 Jahren den Max-Josefs-Platz umgestaltet. Seitdem haben Sie das Urheberrecht inne. Wie wichtig ist Ihnen das?

Uns ist weniger das Urheberrecht als solches wichtig, als vielmehr der behutsame Umgang mit der Gestaltung und dem heutigen Erscheinungsbild des Max-Josefs-Platzes. Das Urheberrecht an der aus dem Wettbewerb hervorgegangenen Gestaltung kommt uns hierbei zugute, indem wir bei grundlegenden Veränderungen an der Freiraumplanung hinzugezogen werden.

Wissen Sie, wie der Platz vor der Umgestaltung aussah?

Vor der Umgestaltung fungierten die Freiflächen am Platz vor allem als Straße für den motorisierten Verkehr. Die Freiflächen für Fußgänger waren auf dürftige Gehsteige und den Raum unter den Arkaden beschränkt. Insofern stellt die Neugestaltung bis heute einen riesigen Gewinn für die Begehbarkeit, Aufenthaltsqualität und Erlebbarkeit des Platzes dar, was auch als Schaffung von Barrierefreiheit gewertet werden muss.

In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Kritik an der Pflasterung gegeben. Vor allem Menschen mit Behinderung meiden den Platz.

Die Gestaltung der Oberflächen wurde seinerzeit auch mit Betroffenen abgestimmt, die zum damaligen Zeitpunkt der Gestaltung wohlwollend gegenüberstanden. Eben aufgrund des Gewinns an Freiflächen, der mit der Gestaltung einhergehenden Beseitigung von Bordkanten sowie der Verwendung besonders feinkörnigen, glattspaltenden Granitmaterials, das eine vergleichsweise ebenmäßige Oberflächenausbildung ermöglichte.

Also hat man damals versucht, es allen recht zu machen?

Nein, man hat nach damaligem Kenntnisstand alles versucht, um einen neuen Max-Josefs-Platz für alle zu schaffen, von dem alle etwas haben. Dass sich alle zu hundert Prozent in einer Planung wiederfinden, ist bei so vielen zu berücksichtigenden Punkten nicht möglich. Natürlich ändern sich im Laufe der Zeit die Anforderungen. Das wissen wir auch aus unserer täglichen Arbeit.

Kritik gibt es jetzt daran, dass der Platz eben nicht barrierefrei ist.

Dass der Platz in seiner heutigen Gestaltung nicht barrierefrei ist, stimmt nicht ganz: Barrierefreiheit ist ein breit gefächerter Begriff, der eine Vielzahl an Punkten meinen kann, die letztlich von der Sicht der jeweils Betroffenen abhängig sind. Hinsichtlich der Befahrbarkeit mit Rollstühlen und Rollatoren – wir nennen es gerne Berollbarkeit – besteht zum Beispiel unter den Arkaden auf den ebenmäßigen Platten schon immer Barrierefreiheit.

Das reicht vielen Betroffenen nicht aus.

Deshalb arbeiten wir seit 2018 in Abstimmung mit der Stadt Rosenheim an Möglichkeiten, die Berollbarkeit auf dem Platz weiter zu verbessern. Da neben der Gesamtgestaltung des Platzes eine Vielzahl von Interessen zu berücksichtigen sind – zum Beispiel Freischank- und Verkaufsflächen –, gestaltet sich die Suche nach geeigneten Lösungen mitunter zeitaufwendig. Der Projektgruppe „Barrierefreies Bauen“ liegen unsere damaligen, vorläufigen Ergebnisse spätestens seit 2025 vor. Es gibt allerdings im Augenblick noch keine endgültige Lösung.

Die Projektgruppe hat sich auch Gedanken gemacht und einen eigenen Vorschlag erarbeitet. Vorgestellt wurde ein „effizientes Wegesystem aus großformatigen Steinen“. Der fugenfreie Belag soll unter anderem unter den Arkaden angebracht werden.

Ausgerechnet unter den Arkaden besteht aus unserer Sicht gar keine Notwendigkeit, den Belag für die Schaffung einer besseren Berollbarkeit zu erneuern, da hier bereits erschütterungsfrei berollbare Platten verlegt sind. Unsere bisher vorliegenden vorläufigen Ergebnisse verfolgen unter anderem den Ansatz, genau an dies anzuknüpfen und ein barrierefreies beziehungsweise erschütterungsfrei berollbares Wegenetz in Ergänzung der Arkaden zu schaffen.

Wie könnte das aussehen?

Einen regelrecht „fugenfreien“ Belag kann es in keinem der Ansätze, die mit Natursteinbelägen arbeiten, geben. Bei Plattenbelägen gibt es jedoch die Möglichkeit, die Fugenbreite auf ein baulich minimal notwendiges Maß zu reduzieren, sodass praktisch keine Erschütterungen davon ausgehen.

Also stehen Sie dem Vorschlag der Projektgruppe eher kritisch gegenüber?

Wir stehen grundsätzlich keinem Vorschlag per se kritisch oder gar ablehnend gegenüber. Die freiraumplanerische Gestaltung von Straßen und Plätzen ist ein fester Bestandteil unserer täglichen Arbeit. Wir wissen daher, welche Anforderungen unter anderem an Begehbarkeit und Befahrbarkeit bestehen. Neben der Neugestaltung öffentlicher Räume steht bei uns auch die Ertüchtigung von Platzflächen zur Verbesserung der Barrierefreiheit im Fokus. Dies gilt in besonderem Maße für Plätze von herausragender städtebaulicher Bedeutung, zu denen der Rosenheimer Max-Josefs-Platz zweifelsohne zählt. Er wird immerhin in der Fachliteratur zu den einprägsamen europäischen Plätzen gerechnet.

Aber?

Wir betrachten den fachlich nicht abgestimmten „Schnellschuss“ der Projektgruppe aus mehreren Gründen als nicht tragfähig, darunter fallen die fehlende Ausrichtung auf die bestehende Gesamtgestaltung des Platzes, teilweise noch unklare Wegeführung und erwartbare Konflikte an Markttagen. Das barrierefreie Wegenetz muss so ausgelegt sein, dass es immer funktioniert, auch während Märkten und Veranstaltungen.

Wie geht es jetzt weiter?

Es ist für uns besonders wichtig, eine nachhaltige, funktionierende und gestalterisch verträgliche Lösung für den Max-Josefs-Platz zu finden. Schließlich gestaltet man das Herz einer bedeutenden Altstadt nicht alle Tage um. Ein solches Unterfangen muss langfristig tragen. Aus diesem Grund muss eine Lösung gefunden werden, die dauerhaft zu dem Platz passt, seine Wahrnehmung nicht negativ beeinflusst, sondern unterstreicht, und dazu praktikabel und langlebig ist. Wir stehen hierfür gerne beratend zur Verfügung und hoffen, dass mit allen Betroffenen und Beteiligten eine gemeinsam getragene, langlebige Lösung gefunden werden kann, die dem historisch wertvollen Charakter des Max-Josefs-Platzes gerecht wird.

Eine Sorge der Projektgruppe ist, dass eine Umsetzung zu lange dauert.

Auch wir wünschen uns, dass zeitnah eine für alle zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann, die Planungssicherheit herstellt und das Herz der Altstadt fit für die Zukunft hält.

Interview: Anna Heise

Artikel 8 von 11