Zerrissen zwischen Glaube und Kirchen-Frust

von Redaktion

Ob Geld, Zweifel oder Enttäuschung: Hinter den Kirchenaustritten in Rosenheim stehen persönliche Geschichten. Die Austrittszahlen sinken leicht – doch die Kritik an der Institution bleibt deutlich. Menschen aus der Region berichten, warum sie gehen, zweifeln oder ihren Schritt sogar bereuen.

Rosenheim – „Man kann ehrlich und von Herzen an Gott glauben – dazu braucht man das Bodenpersonal nicht“, sagt Tina. Ein Satz, den wohl viele unterschreiben würden, die in den vergangenen Jahren aus der Kirche ausgetreten sind. Ein Satz, der den Zwiespalt zwischen Glauben und Kirche ausdrückt. Dieser Zwiespalt macht sich auch jedes Jahr in der Statistik der Kirchenaustritte bemerkbar. Im vergangenen Jahr sind in der Stadt Rosenheim 358 Katholiken aus der Kirche ausgetreten, im Landkreis waren es 2.029.

Entscheidung nicht aus
spontaner Laune heraus

Hinter diesen nüchternen Zahlen stehen jedoch individuelle Geschichten – wie die von Tina. Für sie, die sich auf einen OVB-Aufruf hin bei der Redaktion gemeldet hat, war der Austritt im Jahr 2008 keine spontane Laune, sondern ein langer Prozess. Nach ihrer Einschulung 1970 machte sie früh Erfahrungen mit Angst, Gewalt und autoritären Strukturen.

So bekreuzigte sie sich als Protestantin nach dem Morgengebet in der Schule nicht, woraufhin sie den Zorn der Religionslehrerin zu spüren bekam. „Sie stürmte wie eine Furie auf mich los, schrie mich an und gab mir Ohrfeigen“, erinnert sich Tina. Um nicht weiter der Gewalt ausgesetzt zu sein, machte sie schließlich doch, was die Lehrerin wollte. „Ich war sechs Jahre alt und tat es dann doch, weil ich Angst vor weiteren Watschn hatte.“

Diese frühen Erlebnisse blieben nicht folgenlos. Im Laufe der Zeit reflektierte Tina das System Kirche immer weiter: „Je älter ich wurde, desto kritischer dachte ich auch über das Thema Kirche, ihr Personal und das Handeln der Kirche nach.“ Besonders stört sie die fehlende Gleichberechtigung, wie sie schildert. „Männer fühlen sich allmächtig und stellen Frauen als völlig wertlos und dumm dar.“

Erzbistum will sich für
Zukunft neu aufstellen

Mit dieser Kritik steht sie nicht allein. Auch andere Menschen aus der Region schildern ähnliche Konflikte. So schreibt etwa OVB-Leserin Christina, dass sie zwar katholisch aufgewachsen und Sternsinger gewesen sei, sich mittlerweile aber nicht mehr mit der katholischen Kirche identifizieren könne.

„Mich stört, dass die Kirche nach wie vor so verbohrt ist, Homosexualität nicht akzeptiert und den Pfarrern weiterhin den Zölibat auferlegt.“ Ihre Austrittsgründe seien zu Beginn zwar finanzieller Natur gewesen, mittlerweile gebe es aber keine Deckungsgleichheit mehr zwischen ihren persönlichen Einstellungen und denen der Kirche.

Solche persönlichen Beweggründe treffen auf die Kirche, die sich selbst im Wandel befindet. Trotz der jährlich etwa 25.000 Austritte im ganzen Erzbistum München-Freising schlagen sich die sinkenden Mitgliederzahlen aktuell noch nicht in den Einnahmen der Kirchensteuer nieder, erklärt Christian Horwedel auf Anfrage des OVB. Als Grund dafür nennt der Pressesprecher des Erzbistums die gestiegenen Einnahmen aus Kapitalerträgen.

Dennoch ist sich die Kirche der mittelfristigen Entwicklung bewusst: „Wir gehen davon aus, dass sich die Kirchenaustritte in absehbarer Zeit bei den Ergebnissen niederschlagen werden“, sagt Horwedel. Das Erzbistum hat deshalb 2020 einen Strategieprozess angestoßen, um sich langfristig neu aufzustellen und fit für die Zukunft zu werden.

In der Region zeichnet sich zuletzt ein langsamerer Rückgang der Mitgliederzahlen ab: Während 2023 noch 617 Rosenheimer aus der Kirche austraten, waren es 2024 noch 386 und im vergangenen Jahr 358 Austritte. Auch im Landkreis sinken die Zahlen – von rund 2.610 Austritten im Jahr 2023 auf 2.029 im Jahr 2025. Für Christian Horwedel ist das ein wichtiger Befund: „Die Austrittsquote des Dekanats Rosenheim ist im Vergleich zu München und zu ländlich geprägten Landkreisen und Dekanaten niedrig.“ Am höchsten sei sie in der Landeshauptstadt München.

Bei anderen Katholiken ist der Weg bis zum Austritt komplizierter. Lea-Katharina aus dem Landkreis Mühldorf zahlte aufgrund ihrer doppelten Staatsbürgerschaft gleichzeitig in Deutschland und Ungarn Kirchensteuer. Jahrelang suchte sie nach einer Lösung – vergeblich. Ihr Austritt sei ihr „nicht leicht gefallen“ und bedeute „keinesfalls eine innere Abkehr vom Glauben“, wie sie schreibt. Da sie Theologie studiert hat, weiß sie, dass der formelle Austritt nicht automatisch den Abschied vom Glauben bedeutet. Denn theologisch gesehen gehören alle Getauften zur Kirche, egal ob ausgetreten oder nicht.

Dass Entscheidungen auch bereut werden können, zeigt Tobias’ Geschichte. Er sei vor einigen Jahren ausgetreten, weil das Geld am Ende des Monats nicht gereicht habe, erzählt er gegenüber dem OVB. Mittlerweile hat er einen zweijährigen Sohn und könne diesen nicht mehr taufen lassen. Daher bereue er für seinen Sohn, diesen Schritt getan zu haben.

Schöne Erinnerungen und
ein differenzierter Blick

Auch Tina hatte anfangs Bedenken, dass ihr Kirchenaustritt auf die Töchter zurückfallen könnte. Daher wartete sie, bis die Jüngste ihre Kommunion hatte. Danach jedoch überwog ein anderes Gefühl. Sie spricht von „Erleichterung, Freiheit, Ehrlichkeit“.

Und trotz aller Kritik bleiben auch bei ihr schöne Erinnerungen an die Kirche und ein differenzierter Blick: „Es gibt natürlich auch noch Pfarrer, die ehrlich glauben und sich christlich verhalten.“

Das Dekanat Rosenheim

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