Rosenheim – Der Moment, als sich die ersten Hochrechnungen verdichteten, war für viele Ungarn – auch fern der Heimat – ein Moment der Hoffnung. Schon Wochen zuvor hatte sich abgezeichnet, dass Péter Magyar mit seiner Tisza-Partei vorne liegt. Am Wahlabend wurde daraus Gewissheit: Der Herausforderer schlug Amtsinhaber Viktor Orbán – und das deutlich. Ein politischer Umbruch nach 16 Jahren. Auch in Rosenheim verfolgten viele Ungarn die Entwicklung genau. Einige haben ihre Heimat für Arbeit, Studium oder die Liebe verlassen – verbunden fühlen sie sich dennoch.
Zwar durfte Eszter Erdle an der ungarischen Parlamentswahl nicht mehr teilnehmen, da sie seit vergangenem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft hat, dennoch hat sie die Wahl verfolgt. „Wenn er beweisen kann, dass er es besser weiß, dann wäre es super“, sagt sie über Wahlsieger Magyar. Gleichzeitig bleibt sie vorsichtig: „Viele versprechen immer alles. So ist Politik.“
Eine andere Rosenheimerin, die lieber anonym bleiben möchte, hat den Wahlabend vor Ort in einer ungarischen Kleinstadt miterlebt. „Alle waren super aufgeregt“, erzählt sie. Viele hätten auf dieses Ergebnis hingearbeitet und waren dementsprechend „super happy“. Überrascht habe sie der Ausgang nicht: „Es war schon längst an der Zeit, dass Orbán geht.“ Die Gründe für den politischen Umschwung sind für die Rosenheimerin vielfältig: Korruption, wirtschaftliche Probleme sowie Missstände im Gesundheits- und Bildungssystem oder im Kinder- und Jugendschutz. Nun hofft sie auf ein besseres und freieres Leben in Ungarn. Zwar stehe das Land „vor einem schwierigen und langen Weg“, sagt sie, „aber ich bin absolut zuversichtlich“.
Deutlich kritischer blickt Anita Lázár auf den Wahlausgang. „Ich bin mit dem Ergebnis nicht zufrieden“, sagt sie und macht sich Sorgen um die „Zukunft von Ungarn“. Orbán habe einige Vergünstigungen eingeführt, von denen „viele nicht bestehen bleiben werden“. Am Wahlabend stand sie in Kontakt mit ihrer Mutter: „Wir waren sehr aufgeregt, denn wir wollten, dass die Orbán-Regierung das Land weiterhin führt.“ Anita Lazar und ihre Familie hatten Pläne, wieder zurück nach Ungarn zu gehen. Nach dem Regierungswechsel „ist es nun sicher, dass wir bleiben und auf hoffentlich positive Veränderungen warten“.
Andere wiederum reagieren mit Erleichterung, so auch ein Rosenheimer mit ungarischen Wurzeln. Der Sieg der Tisza-Partei habe sich abgezeichnet, meint er. Dass er mit 136 von 199 Sitzen im Parlament so deutlich ausfällt, sei „ein wunderbares Zeichen, was das ungarische Volk möchte. Viele Ungarn, die das Land wegen des Orbán-Regimes verlassen haben, werden wieder in ihre Heimat zurückkehren“, ist er sich sicher.Jasmin Eiglmeier