Rosenheim – Viele Menschen mit Behinderung machen um den Max-Josefs-Platz in Rosenheim einen großen Bogen. Grund ist die fehlende Barrierefreiheit. Die Projektgruppe „Barrierefreies Bauen“ hat bereits im Dezember eine Lösung präsentiert. Doch nicht jeder ist davon begeistert. Warum die Gruppe trotzdem daran festhält, erklärt Annemarie Dettendorfer im OVB-Interview. Sie spricht stellvertretend für die anderen Mitglieder der Projektgruppe.
Die Euphorie im Dezember war groß. Damals sprach sich der Stadtrat einstimmig für den Beschluss der Projektgruppe „Barrierefreies Bauen“ aus. Jetzt wurde zurückgerudert. Wie ist die Stimmung seitdem?
Die Stimmung ist weiterhin gut. Sehr viele Menschen sprechen uns an, sie sind dem Stadtrat dankbar für die klare Zieldefinition einer raschen Umsetzung unseres Vorschlags. Selbstverständlich müssen jetzt noch die Rahmenbedingungen im Detail geklärt werden. Dazu gehören Fragen des Urheberrechts sowie Fragen zu möglichen weiteren Maßnahmen, die mit solch einem partiellen Austausch des Belags verbunden sein könnten.
Das Ziel ist immer noch dasselbe?
Ausgangspunkt ist und bleibt der Anspruch einer Stadtgesellschaft, für sich und ihre Gäste eine Nutzbarkeit des Platzes für alle Menschen sicherzustellen – und zwar auf eine pragmatische Art und Weise, die die Nutzbarkeit, das Leben auf dem Max-Josefs-Platz kaum einschränken würde.
Wie genau lässt sich das umsetzen?
Es geht um einen „Weg“ über den Platz, der aus großformatigen Steinen bestehen soll. Diese Steine sind bereits unter den Arkaden zu begutachten und seit Langem ein elementares Gestaltungselement. Gegenüber den kleinformatigen Steinen auf dem Platz ist der Fugenanteil wesentlich geringer, man könnte also von einem „fugenarmen“ Belag sprechen.
Wo sollen die Steine verlegt werden?
Der „Weg“ soll zentral über den Platz geführt werden, mit Abzweigen in die Heilig-Geist-Straße sowie zum Mittertor, zur Nikolauskirche und zur Nikolaistraße. Mit einer Breite von 150 bis 200 Zentimeter, was auch von der Besucherfrequenz und den räumlichen Gegebenheiten abhängen wird.
Warum ist eine zentrale Erschließung des Platzes so wichtig?
Neben der fachlichen Abstimmung gab es etwas, das jeder Besucher des Max-Josefs-Platzes wahrnimmt: Menschen erschließen den Platz vorrangig „durch die Mitte“, man erlebt Gastronomieflächen auf beiden Seiten, gelangt auf kürzestem Weg zu Läden und Passagen und erlebt den Platz quasi über seine Mittelachse.
Menschen mit Mobilitätseinschränkungen wollen und werden sich mit allen anderen Personen auf diesen Bahnen bewegen, gesellig und ohne ausgrenzende Sonderwege.
Bringt Ihr Vorschlag die gewünschte Erleichterung für Menschen mit Rollstuhl und Rollator mit sich?
Ja, wir haben diese Fläche unter den Arkaden mit Rollstuhl und Rollator getestet und für ausreichend barrierefrei nutzbar befunden. Es wird also beileibe nichts Neues erfunden, der Vorschlag bleibt im bestehenden Materialkontext. Übrigens befinden sich die Flächen unter den Arkaden in Privateigentum. Es besteht aus Sicht der Projektgruppe kein Anlass, hier Veränderungen anzuregen.
Trotz allem sprechen die Planer des Münchener Architektenbüros von einem „fachlich nicht abgestimmten Schnellschuss“.
Von einem Schnellschuss kann keine Rede sein: Die Projektgruppe hat sich fast ein Jahr lang Zeit genommen, sich umfassend über die vielfältigen Sichtweisen unterschiedlicher Interessensvertreter im persönlichen Gespräch zu informieren. Eines der schlagenden Argumente ist für uns die Vermeidung langer Bauzeiten: Mit unserem schlanken Konzept werden weder Einzelhandel noch Gastronomie durch eine Monsterbaustelle in Bedrängnis gebracht. In der aktuellen Situation kann das auf dem Max-Josefs-Platz niemand wollen.
Ein weiterer Kritikpunkt war, dass die neue Wegeführung zu Konflikten mit Standbetreibern führen kann, etwa während des Christkindlmarktes.
Der Erhalt der Nutzungsflexibilität des Platzes wurde uns immer wieder nahegelegt. Flächen der Gastronomie sowie der Christkindlmarkt und weitere jährlich stattfindende Veranstaltungen wurden berücksichtigt. Unter Berücksichtigung der Anordnung der Stände funktioniert der barrierefreie „Weg“ auf mehr als der Hälfte der Gesamtfläche des Marktes.
Wie geht es jetzt weiter?
Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Vorschlag verworfen wird, der erstens vom Stadtrat inhaltlich und finanziell abgesegnet und zweitens sehr zügig umsetzbar ist. Der Platz bleibt durchgehend bespielbar. Die Umsetzung, also der einfache Belagswechsel vergleichsweise kleiner Flächen, würde der Politik zeitlich Räume für weitreichendere Überlegungen verschaffen, die mit zusätzlichem Grün, einer Erneuerung der in die Jahre gekommenen Leitungen im Boden und einer Kompletterneuerung des Belags einhergehen können. Für solch einen Prozess gingen mehr als sechs Jahre ins Land. Man könnte sich die dafür notwendige Zeit nehmen, ohne etwa eine ganze Generation von Rollatornutzern weiterhin von einem Besuch des Max-Josefs-Platzes abzuschrecken.
Sollte man Rücksicht auf das Urheberrecht nehmen?
Das Urheberrecht ist grundsätzlich ein sinnvolles Instrument. Dennoch darf es nicht dazu dienen, auf einer Gestaltung zu beharren, die wie in unserem Fall vor 40 Jahren dem Zeitgeist entsprach. Unter Bezug auf das Urheberrecht darf nicht zugelassen werden, dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen den Platz nicht benutzen können. In vergleichbaren und nicht gerade seltenen Urheberrechtsfällen findet üblicherweise ein Abwägungsprozess statt. Dem kann und muss sich die Stadt selbstbewusst stellen. Anna Heise