Ein Denkmal für den Bruder

von Redaktion

Er war Serien-Straftäter, Charmeur und Abenteurer. Nun setzt der Rosenheimer Mario Herzog seinem Bruder Franz „Hatta“ Herzog ein Denkmal in Buchform. Der biografische Roman versucht zu ergründen, wer sein Bruder wirklich war und warum er auf mysteriöse Weise sterben musste.

Rosenheim – Er schaut schon gefährlich aus: Biker-Bart, als sei er eben noch bei „Easy Rider“ auf der Harley mitgefahren, muskelbepackter Oberkörper, Tätowierungen. Ein Totenkopf in der Mitte, der Schriftzug „Mamas Liebling“ über einem stilisierten Herzen auf der linken Seite der Brust. Im Hintergrund die Gitterstäbe von Stadelheim. Franz Herzog wirkt auf dem Polaroid-Foto tatsächlich wie ein Mann, mit dem nicht zu spaßen ist. Doch da ist auch dieses offene Gesicht, diese Augen, die so gar nicht ungut dreinschauen. Franz Alois Herzog scheint eine Menge gewesen zu sein. Sicher nicht nur Mamas Liebling. Aber auch nicht nur ein Knastbruder.

Da ist sich zumindest sein Bruder Mario (60) sicher. Er wolle nichts verherrlichen, seinen Bruder nicht „heroisieren“, das sagt er im Gespräch mit dem OVB-Reporter ein halbes Dutzend Mal. Aber erinnern will er an ihn, in aller Liebe und Freundschaft. Fehler habe der „Hatta“ gehabt, sagt er, und das, was er getan habe, sei nicht zu rechtfertigen.

Immer an den
Franz gedacht

„Aber er war ein guter Mensch“, fügt er hinzu. Er habe nie aufgehört, an den Franz zu denken, die Geschichte habe ihn einfach beschäftigt. Jeden Tag blitze kurz die Erinnerung auf, von seinem toten Bruder, aufgebahrt im Leichenschauhaus. „Ich wollte mir das von der Seele schreiben“, sagt Mario Herzog.

„Black Heart of Rosenheim“ heißt das Buch. Als Vorlage für das Titelbild dient das Polaroid-Foto, aufgenommen 1979. Mario Herzog bezeichnet sein Werk als „biografischen Roman“ und verspricht „ungeschönte Einblicke in das Leben meines Bruders und die damalige Unterwelt“ in Rosenheim. Es geht darum, wie einer auf die schiefe Bahn gerät, Breaking Bad auf Oberbayerisch sozusagen. Mario Herzog spricht vom „Haidholzen-Blues“. Die Form eines Romans hat er gewählt, weil nicht alles zu klären ist. Mario Herzog zum Beispiel geht davon aus, dass sein Bruder nie anderen Gewalt angetan habe. Im OVB dagegen steht zu lesen, dass der schon im Alter von 16 in Hohenpeißenberg eine Gastwirtin niedergeschlagen habe.

In der Schule habe es angefangen, das mit dem Hatta und seinen Grenzgängen zwischen Lausbubentum und Kriminalität. So erzählt es Mario. Kurze Zeit darauf wurde Franz zum Stammgast in den Polizeimeldungen des Oberbayerischen Volksblatts. „Drei Haftbefehle gegen 16-Jährigen“ steht da zum Beispiel 1970 zu lesen, die Rede ist von „über 70 Straftaten“.

Der Franz sei ein begnadeter Safeknacker gewesen, sagt Mario Herzog, einer, der sich mit Metallbearbeitung auskannte; vorgebildet durch den Schrotthandel des Vaters, geschult durch einen Mentor, der ein Schwerkrimineller gewesen sei. Fast jeden Tag habe der den Franz abgeholt. Nicht zu einer handelsüblichen Berufsausbildung, das darf man annehmen. Und ohne Wissen der Eltern, die später sehr darunter gelitten haben sollen, dass ihr Sohn so etwas wie eine Rosenheimer Berühmtheit sei. „Ein Spießrutenlauf“, sagt der 60-Jährige.

Franz wurde ein Dieb und Einbrecher, der es auf die Villen der Wohlhabenden abgesehen habe. Geld habe er immer gehabt, sagen seine Verwandten. Er habe auch nicht damit gegeizt, sondern manchmal Leuten einen großen Schein zugesteckt, die Geld gebraucht hätten. Ein Serientäter, der knapp mehr als die Hälfte seiner 46 Lebensjahre – Herzog spricht von „24 Jahren Hölle“ – hinter Gittern verbrachte, in Straubing, Bernau, Stadelheim und anderen Gefängnissen. Nicht ohne Ausflüge. Einmal sprang Franz während einer Überführungsfahrt aus dem fahrenden Zug – trotz angelegter Handschellen. Ein anderes Mal machte er sich aus der Krankenstation davon.

Dass er immer wieder eingefangen wurde, wieder hinter Gitter musste: Franz scheint das sportlich genommen zu haben. So klingt es zumindest in den Erzählungen seines schreibenden Bruders. In einem Buch, das ein ehemaliger Lehrer von Franz 1971 verfasste, kommt das anders rüber. Trauriger. „Ich kann fast nicht mehr. Es ist furchtbar, den ganzen Tag allein in einem Raum zu sitzen“: An diese Worte während eines Gesprächs im Gefängnis erinnert sich der Lehrer.

„Ich möchte gegen die Wände rennen. Ich sitze nur stumpf da, schlage die Hände zusammen“, habe der ihm Franz Herzog über den Knast erzählt. „Man ist allein, seelisch, geistig und körperlich allein.“ Der Lehrer wolle mit seiner Doku über Franz zeigen, welche Verheerungen ein überharter Strafvollzug in jungen Leuten anrichtet. Hätte etwas mehr Verständnis, etwas mehr Fingerspitzengefühl der Justiz Herzogs Absturz in die Berufskriminalität verhindern können?

Franz, das wird im übrigen auch von Vollzugsbeamten in der Dokumentation des Lehrers erwähnt, scheint ein vielseitig talentierter Bursche gewesen zu sein. „Ein Typ mit Charisma“, sagt denn auch Cousin Keaton Herzog, der bei der Vorstellung des Buchprojekts in seinem Gürtelschnallen-Werkstattladen assistiert. Nicht nur Mamas Liebling, fügt Mario hinzu und erzählt die Geschichte von der Gefängnispsychologin, die den Franz geheiratet habe. Franz habe sich für Surrealismus interessiert, erzählt der Bruder, sei bis nach Figueiras gefahren, um das Museum von Salvador Dali zu besuchen. Franz sei selbst künstlerisch sehr begabt gewesen, habe Ausstellungen bestritten. „Und hat ein paar Skizzen hinterlassen“, ergänzt Keaton Herzog und kramt vier kleine Stücke Papier mit Zeichnungen hervor. Entwürfe für Anhänger, in fließenden, eleganten Formen, die er als Kunsthandwerker tatsächlich immer mal wieder umsetze. Manchmal wirkt die Geschichte des Rosenheimer Safeknacker-Königs wie das Drehbuch zu einem Road Movie. Und zwar ohne Happy End: „Hatta“ starb keines natürlichen Todes. Sein Bruder Mario erhielt irgendwann 1999 einen Anruf. Der Bruder sei nahe Hagenau (Frankreich) mit seinem Motorrad tödlich verunglückt. Er reiste nach Frankreich, um den Toten zu identifizieren.

Maschine nicht
mehr auffindbar

Mysteriös sei das alles gewesen, sagt Mario. So sei die Maschine seines Bruders nicht mehr aufzufinden gewesen. Teilte zumindest die Polizei mit. Verletzungen habe er bei seinem Bruder auch keine erkennen können, lediglich aus dem Mundwinkel sei etwas Blut gesickert.

Und der Zweck von „Hattas“ Reise? Auch rätselhaft. Es sei irgendein ominöser Auftrag gewesen, ein „großes Ding“, das etwas mit den Bunkern der Maginot-Linie zu tun gehabt habe. Was sollte Franz Herzog da zu suchen gehabt haben, in Betonbauten aus dem Zweiten Weltkrieg? Mario Herzog zuckt mit den Schultern.

Der finale Plan, er bleibt im Dunkeln. So wie die Antwort auf diese Frage: Wie kam es zu dem seltsamen Spitznamen „Hatta“? Die Großmutter habe den Franz als Erste so genannt, sagt Mario Herzog. Möglicherweise wegen eines Onkels, der bei der US-Armee diente. Der habe den Jungen immer „Black Heart“ genannt. Aber auch das liegt, wie so vieles bei diesem Vertreter der Rosenheimer Unterwelt, im Bereich der Spekulation.

Das Buch „Hatta. Black Heart of Rosenheim“ ist demnächst als Paperback (15,90 Euro) und als Kindle E-Book (4,99) erhältlich.

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