Rosenheim – Die Stadt wird dem Erdboden gleichgemacht. Innerhalb weniger Stunden. Nur die großen Gebäude werden am nächsten Morgen noch stehen. Es sind radikale Pläne, die Dr. Jennifer Morscheiser hat. Die Leiterin des Rosenheimer Lokschuppens steht mitten in der Ausstellung „Römer – Gesichter eines Weltreiches“ und wirft ihren Blick auf die rund 45 Quadratmeter große Römer-Stadt aus Lego-Steinen. Während die letzten Besucher die Ausstellung verlassen, tüftelt Morscheiser noch, wie die Stadt am schnellsten wieder verschwinden kann.
Abriss in maximal
acht Stunden
Länger als acht Stunden soll es nicht dauern, sagt die Ausstellungsleiterin. Dafür hat sie sich 30 Helfer besorgt, die jeden einzelnen Baustein wieder zurück in die dafür vorgesehene Schachtel stecken – in mühevoller Handarbeit. „Für jedes Modul sollte man ungefähr drei Minuten zum Zerlegen brauchen“, sagt Morscheiser.
Die ganze römische Stadt, die von drei Lego-Experten extra für die Ausstellung in Rosenheim entwickelt wurde, besteht aus 3.160 Modulen. Und aus über einer halben Million Lego-Steinen, wie Andreas Kunz, einer der Baustein-Spezialisten, damals beim Aufbau der Stadt verriet.
Die Stadt aus Lego-Steinen mit dem Namen „LOCDVNVM“ ist dabei keiner echten antiken Metropole aus dem römischen Reich nachempfunden. Die Charakteristik sei aber genau wie die einer antiken, römischen Stadt. Um die zentralen Punkte wie einen Tempel, ein Amphitheater oder eine Therme wurden zahlreiche typische Wohnhäuser gebaut, drumherum verläuft eine Stadtmauer.
Kreative Abweichungen
vom Bauplan
Während die Großbauten von den Lego-Spezialisten aufgebaut wurden, wurde alles andere innerhalb der vergangenen drei Wochen nach Anleitung von den Besuchern errichtet. Dabei sei eigentlich auch alles glattgegangen – bis auf den ein oder anderen kuriosen „Fehler“. „Wir hatten einige kreative Besucher, die etwas vom Bauplan abgewichen sind“, sagt Morscheiser. Zum Beispiel hätten einige Häuser ein Flachdach verpasst bekommen, in Wirklichkeit müssten die Dächer aber leicht schräg sein. „Es sind auch 20 Schornsteine aufgetaucht, die historisch so nicht belegt sind“, sagt die Lokschuppen-Leiterin. Allerdings: Verloren gegangen ist kaum ein Stein. „Uns sind zwei Straßenteile abhandengekommen, die werden wohl in irgendeiner Kiste gelandet sein.“
Zeitweise bis zu
45 Baumeister zugleich
Der Aufbau sei auch im Zeitplan gewesen. „Ziemlich genau so, wie wir es geplant haben“ sei alles gelaufen, sagt Morscheiser. Und das trotz der unterschiedlichen „Lego-Bau-Fähigkeiten“ der Besucher. So hätte der eine Besucher ein Modul innerhalb von 15 Minuten aufgebaut, der andere sei rund 50 Minuten daran gesessen. Vor allem die Eckmodule mit Säulen hätten den ein oder anderen Nerv gekostet.
Dennoch war der Andrang, besonders in den ersten Tagen der Ausstellung, groß. „Wir waren überrascht, wie viele mitbauen wollten“, sagt Morscheiser. So hätten die Bauplätze irgendwann reguliert werden müssen – um ein Chaos zu vermeiden. „Zwischenzeitlich haben 45 Personen dort gleichzeitig gebaut, das ist ein wenig ausgeartet.“
Filigrane Swimmingpools
in den Innenhöfen
Den letzten Lego-Stein in der Stadt durfte eine Mitarbeiterin des Lokschuppens setzen. Davor habe noch eine Schulklasse bei den letzten Häusern geholfen. Damit die Besucher auch in Zukunft an der römischen Stadt aus Bausteinen mithelfen können, werde die Stadt jetzt erst mal abgebaut, erklärt die Leiterin der Ausstellung. Da die Besucher bereits am nächsten Tag wieder mit dem Aufbau anfangen sollen, sitze dem Abbauteam ein wenig die Zeit im Nacken.
„Es muss schon schnell gehen“, sagt die Leiterin, während sie das erste Stück aus der Stadtmauer herausnimmt. Am „ekligsten“ werden beim Abbau wohl die dünnen Steine für die Straßen und die filigranen Swimmingpools in den Innenhöfen der Wohnhäuser. Und der Abbau wird nicht der Letzte sein. „Vermutlich werden wir so die Stadt insgesamt 32-mal neu aufbauen“, schätzt Morscheiser.