Rosenheim – Frustration, Resignation und wachsende Sorgen: Viele Ärzte sind an der Belastungsgrenze angekommen. Diese Beobachtung muss Dr. Michael Iberer, selbst Hausarzt in Rosenheim und Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbandes Rosenheim, zurzeit immer öfter machen. Nicht erst seit der Diskussion um das geringere Honorar von Psychotherapeuten seien die Herausforderungen in der ambulanten Versorgung ein Dauerthema. Im Gespräch mit dem OVB verrät Iberer, welche zwei großen Probleme es gibt, ob es sich finanziell noch lohnt, Arzt zu werden und welche Folgen die Situation für Patienten haben könnte.
Wie groß sind die Sorgenfalten auf der Stirn eines Hausarztes zurzeit?
Die sind schon groß. Die Unsicherheit ist enorm. Bei Haus- und bei Fachärzten. Niemand weiß so genau, wie sich die Situation entwickeln wird. Fakt ist: Der Ertrag der Praxen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, die Kosten sind aber gestiegen. Somit sind die Gewinne gesunken und die Politik vermittelt uns jetzt, dass da noch weiter was weggeht. Das bedeutet für viele Praxen, dass sie ums Überleben kämpfen.
Die Bundesgesundheitsministerin hat weitere Einsparungen angekündigt – was löst das in Ihnen aus?
Angst und Sorge. Wenn die geplanten Einsparungen so umgesetzt werden, dann wird das, so fürchte ich, zu einer Situation wie in Großbritannien führen: Patienten werden bei Haus- und Fachärzten kaum noch relativ zeitnah an Termine kommen. Das deutsche Gesundheitssystem funktioniert im Moment so, dass wir alles machen, was medizinisch möglich ist. Die Vergütung für die Ärzte ist nachrangig und wird erst danach geklärt. Und jetzt hat die Bundesgesundheitsministerin angekündigt, dass eine gewisse Vergütung zur Verfügung gestellt wird, und wenn die aufgebraucht ist, dann gibt es eben nicht mehr.
Wie sieht die finanzielle Lage der niedergelassenen Ärzte gerade aus?
Das Honorar für vertragsärztliche Leistungen ist über den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) geregelt. Und demzufolge hatten wir bislang eine Steigerungsrate um die zweieinhalb Prozent. Im Moment ist es aber so, dass die Erträge seit Jahren rückläufig sind. Da spricht man von minus 2,6 Prozent. Heißt: Die Einnahmen sind weniger stark gestiegen als die Ausgaben. Die Ausgaben steigen aber ständig weiter. Die Gesamtaufwendungen in Arztpraxen sind zwischen 2020 und 2023 um 17,6 Prozent gestiegen. Wir haben zudem einen realen Rückgang der Jahresüberschüsse um 13 Prozent.
Welche Kosten sind gestiegen?
Wir haben die Probleme wie alle anderen auch. Haus- und Landärzte müssen mit dem Auto zu Hausbesuchen fahren und wir brauchen Strom. Wir haben Energiekosten, die uns zurzeit um die Ohren fliegen. Wir haben höhere Mieten und Personalkosten – die sind um fast 25 Prozent in den vergangenen fünf Jahren gestiegen. Die Mitarbeiter der Arztpraxen verlangen zu Recht eine Lohnsteigerung, die ihnen auch ein Leben im teurer werdenden Umfeld ermöglicht. Die Einkaufspreise für Verbrauchsmaterialien sind nach oben gegangen. Angefangen bei den Papiertüchern für die Liegen. Besonders deutlich wird das Problem bei den medizinischen Geräten.
Warum?
Wenn ich zum Beispiel ein Ultraschallgerät neu kaufen muss, weil das alte kaputtgegangen oder veraltet ist, dann habe ich Investitionskosten von bis zu 20.000 Euro für ein modernes Gerät. Für eine komplexe Untersuchung – Abdomensonografie – mit dem Gerät, die ungefähr 30 Minuten dauert, erhalte ich von der Krankenkasse 18,22 Euro. Dazu kommen die Personalkosten, das Gerät muss gewartet werden und ich muss mit dem Patienten darüber sprechen. Bei den Langzeit-Blutdruckmessgeräten kostet allein ein Update 1.000 Euro, für eine 24-Stunden-Blutdruckmessung bekomme ich 7,26 Euro. So oft kann ich die Untersuchung gar nicht machen, um das wieder hereinzuholen. Es ist ein Nullsummengeschäft, für viele Untersuchungen zahlen die Praxen drauf.
Kommen Praxen da an ihre wirtschaftlichen Grenzen?
Bei mir und in vielen anderen Praxen ist es so, dass im gesetzlich versicherten Bereich die Einnahmen gerade noch so die Ausgaben decken. Allenfalls über den privatversicherten Bereich können wir noch Gewinne entnehmen. Als reine Kassenpraxis gehst du pleite. Seit mindestens fünf Jahren ist es so, dass netto am Ende weniger rauskommt. Das können die Praxen nur kompensieren, indem wir entweder mehr Patienten behandeln – dann verkommen wir zu einem Massenabfertigungsbetrieb – oder wir zahlen das aus der eigenen Tasche, bis es irgendwann halt nicht mehr geht. Dann sperren die Praxen zu.
Muss man sich Sorgen um die Arztpraxis von nebenan machen?
Wir haben jetzt schon in einigen Orten im Landkreis Rosenheim keinen Hausarzt mehr. Andere Kollegen sind nah an der Rente oder könnten es eigentlich schon sein. Die kleinen Landarztpraxen, die rentieren sich auch kaum mehr. Viele junge Kollegen aus der Klinik wollen keinen Kassensitz mehr übernehmen. Da gibt es sicherlich ein Stadt-Land-Gefälle, aber es wird früher oder später dazu führen, dass wir vor Ort nicht mehr die ärztliche Versorgung haben werden, wie wir es gewohnt sind.
Heißt es nicht immer, dass Ärzte zu den Großverdienern zählen?
Ärzte gehören noch zu den noch gut verdienenden Berufsgruppen. Wir müssen aber gegenrechnen, dass die durchschnittliche Arbeitszeit eines niedergelassenen Praxisinhabers irgendwo zwischen 60 und 70 Stunden in der Woche liegt. Wir haben Verantwortung für Patienten und Mitarbeiter. So arbeiten wir im Grunde an sieben Tagen in der Woche. Wenn wir das runterbrechen, bleibt ein Stundenlohn von 35 oder 40 Euro brutto. Für viele Kollegen ist es inzwischen lukrativer, in einer Klinik als Angestellter zu arbeiten.
Ist es noch lukrativ, sich als Hausarzt niederzulassen?
Wenn jemand Geld verdienen möchte, dann ist es vermutlich besser, in der Klinik zu bleiben. Eine eigene Praxis ist nicht mehr der Königsweg. Das war früher mal anders, da konnte man gut Geld verdienen. Aber es dreht sich ja nicht immer alles ums Geld. Wir haben eine enge Beziehung zu unseren Patienten, begleiten diese teilweise über viele Jahre – auch bis in den Tod. Das ist eine Ehre und Honorierung, die nicht monetär ist. Es gibt auch Momente, in denen dir Patienten eine Tüte Brezen vorbeibringen aus Dankbarkeit – auch dafür lohnt es sich.
Dennoch kritisieren Sie auch immer wieder die Bürokratie.
Der bürokratische Aufwand hat mittlerweile ein Ausmaß erreicht, das von vielen Kollegen als kaum noch bewältigbar empfunden wird. Dokumentationspflichten, Abrechnungsanforderungen, Regresse sowie Vorgaben der Telematikinfrastruktur führen zu einer erheblichen Bindung ärztlicher Arbeitszeit. Das ist Zeit, die der unmittelbaren Patientenversorgung entzogen wird.
Es scheint, als stehe es um die medizinische Versorgung in Zukunft nicht sehr rosig?
Wir brauchen niedergelassene Ärzte. Die Frage ist jetzt, wie sich die Politik weiter positioniert. Wir müssen klarstellen, dass der überwiegende medizinische Versorgungsanteil auf die niedergelassenen Ärzte fällt. Wir sind das Rückgrat der medizinischen Versorgung – und dem zieht man jetzt den Boden unter den Füßen weg. Für die Patienten wird es schwieriger werden, einen Termin zu finden. Wenn die geplanten Einschnitte so kommen, dann werden manche Behandlungen zeitnah nicht mehr möglich sein.
Haben Sie deshalb eine E-Mail an hochrangige Politiker in Berlin geschickt und Alarm geschlagen?
Ja. Ich habe an einige gesundheitspolitische Vertreter und an die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig aus Rosenheim geschrieben. Ich wollte auf das Problem aufmerksam machen, weil das für mich etwas untergeht. In der Hoffnung, dass es etwas bringt und die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden.
Was war die Antwort?
Es hat sich bisher nur Daniela Ludwig gemeldet. Aus dem Gesundheitsministerium niemand. Allerdings war der Kontakt mit Frau Ludwig sehr ermutigend. Sie hat ein ehrliches Interesse gezeigt und wir stehen im Austausch, was man machen kann. Julian Baumeister