Das Figurentheater Hattenkofer kommt im Herbst.Foto Blauhorn
Rosenheim – Kilometerweise verschobene Regale, ein Autor, der eigens nach München fuhr, um sein vergessenes Manuskript zu holen, und einmal sogar die Polizei vor der Tür: Die Stadtbibliothek Rosenheim feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum am Salzstadel – und blickt auf drei Jahrzehnte zurück, die reich an Geschichten sind. Wie die Stadtbibliothek mitteilt, spiegelt sich die Vielseitigkeit des Hauses vor allem in seinem Veranstaltungsprogramm wider.
Den Grundstein legte laut der Mitteilung bereits 1983 die damalige Mitarbeiterin Madlon Veronika Köpfler, die mit großem Engagement literarische Veranstaltungen etablierte. Da die Bibliothek damals noch in den engen Räumlichkeiten am Ludwigsplatz untergebracht war, fanden die ersten Veranstaltungen im Lokschuppen statt – in Kooperation mit dem Bildungswerk, dem Stadtjugendring und der VHS. Bibliotheksleiterin Susanne Delp erinnert sich an eine Veranstaltung mit dem Autor Tankred Dorst, bei der dieser kurzerhand einen anderen Zug genommen hatte. „Im Zeitalter von Smartphones kein Problem, analog bleibt nur der Münzfernsprecher und die Hoffnung, der Autor möge noch rechtzeitig kommen!“, so Delp.
Auch spätere Veranstaltungen blieben unvergessen. Im Jahr 2007 hatte Autor Jörg Hube sein Manuskript in München vergessen – da er unbedingt aus dem Original lesen wollte, nahm er den weiten Weg zurück auf sich. Die Lesung begann mit 45 Minuten Verspätung, das Publikum wurde derweil mit Getränken und Gesprächen versorgt. Und 1997 stand beim Konzert des Harald Rüschenbaum-Trios plötzlich die Polizei vor der Tür, wie die ehemalige stellvertretende Leiterin Susanne Breitung berichtet: Ein Anwohner mit Schichtarbeit hatte wegen Ruhestörung Alarm geschlagen. Die Reihe „Musik in der Bibliothek“ etablierte sich dennoch und zieht seither ein musik- und jazzinteressiertes Publikum an.
Für Susanne Delp liegt das Besondere an den Veranstaltungen in der Atmosphäre des Ortes: „Die Umgebung schafft einen gemütlichen Rahmen mit besonderer Atmosphäre – Künstler gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum.“ Und weiter: „Es sind die Begegnungen, die Veranstaltungen so wertvoll machen.“ Über die Jahrzehnte seien Formate wie „Architektur und Kunst“, „Wagnis denken“, Fuck-up-Nights, ein Debattier-Club oder der Handarbeitstreff „Komme was Wolle“ entstanden. „Dafür haben wir in den letzten drei Jahrzehnten insgesamt sicher kilometerweise unsere Regale zur Seite geschoben!“, sagt Delp. „Wenn die Besucher dann inspiriert, begeistert oder berührt nach Hause gehen, hat sich unsere Arbeit gelohnt!“
Seit 2008 verantwortet Petra Lausecker die „Junge Szene“ mit Formaten wie Poetry Slam, Science Slam, Secret Music Walk und Spieletag. Lausecker wählt dabei bewusst Bands aus, die noch nicht bekannt sind oder besondere Stilrichtungen präsentieren. Beim Secret Music Walk etwa können Teilnehmer neue Orte in Rosenheim kennenlernen – kombiniert mit regionalen Musikbands.
Finanzielle Unterstützung erhalten diese Angebote unter anderem von der Anne-Oswald-Stiftung und der Kultur- und Sozialstiftung des Oberbürgermeisters Dr. Stöcker. Delp dankt darüber hinaus dem Förderverein der Stadtbibliothek, der GRWS Rosenheim und den Stadtwerken Rosenheim: Ohne diese Sponsoren sei die Veranstaltungsvielfalt nicht möglich. Grenzen setzt bisweilen das Budget – ein namhafter Schauspieler habe einst Limousinen-Service und ein Fünf-Sterne-Hotel verlangt, berichtet Delp schmunzelnd. Da habe man passen müssen.
Auch das Kinderangebot nimmt einen zentralen Platz ein. Gaby Schmidt, ehemalige Leiterin des Kinderhauses, betont: „Die Bibliothek ist der wichtigste Kooperationspartner der Schulen im Hinblick auf Leseförderung und Informationskompetenz.“ Neben Klassenführungen, Bilderbuchkinos und Rechercheseminaren biete die Bibliothek Puppentheater und Bastelaktionen an. „Das Schönste ist immer die Begeisterung in den Augen der Kinder!“, so Schmidt. Das Vorlesen durch ehrenamtliche Vorleser sei dabei besonders wertvoll: „Denn Vorlesen ist einer der wichtigsten Bausteine für Spracherwerb, Fantasie und Lesenlernen. Ganz nebenbei können die Kinder dabei endlich mal zur Ruhe kommen, in einer Welt mit tausend Reizen.“
Zu den persönlichen Höhepunkten von Susanne Delp zählt ein Abend aus dem vergangenen Jahr mit Max Kronawitter und seiner Frau über das Leben mit seiner Krebserkrankung, den sie als besonders berührend empfand.
Petra Lausecker nennt neben dem Secret Music Walk auch die große Freude daran, neue Formate auszuprobieren – etwa den Poetry Slam 2012 oder den Science Slam 2015.
Das Jubiläumsjahr hält noch einiges bereit: Ende April starten im Rahmen von „StadtLeben“ wieder verschiedene Angebote, darunter der Fahrradbasar, das Malmobil, eine faire Modenschau, Tanzveranstaltungen, das Dokumentarfilmfestival Kopf.Kino und Kräuterworkshops. Der offizielle Jubiläumstag ist am Freitag, 3. Juli: Mit einem Festakt und einem bunten Programm für Jung und Alt wird das 30-jährige Bestehen der Bibliothek am Salzstadel gefeiert. Aktuelle Informationen finden sich unter www.stadtbibliothek.rosenheim.de.