Rosenheim – Mit Kindertrage, schwer gefüllten Rucksäcken und Botschaften auf der Kleidung sind am vergangenen Sonntag beim Rosenheimer Citylauf einige Mütter nicht nur mitgelaufen, sondern bewusst aufgefallen. Unter dem Motto „Mütter tragen mehr“ wollten sie beim Hobbylauf über 3,3 Kilometer auf ein Thema aufmerksam machen, das im Alltag oft unsichtbar bleibt: Mental Load und Care-Arbeit, also mentale Belastung und unbezahlte Arbeit in Bereichen wie der Kindererziehung, Haushaltsführung oder der Sorge für Pflegebedürftige.
Politische Botschaft
beim Hobbylauf
Die Idee dazu entstand eher zufällig – und wuchs dann schnell zu einer gemeinsamen Aktion heran. „Ein besonders sportlicher Freund hat gefragt, ob nicht auch jemand von uns mit dabei ist“, erzählt Organisatorin Helena Leitner. Schnell entstand daraus die Idee, zusammen mit anderen Müttern und Frauen aus dem Lauf ein Statement zu machen. „Den Kleinen in der Trage mitzunehmen, ist dann eigentlich eher aus Spaß entstanden“, sagt sie.
Während sie selbst mit Kleinkind in der Trage lief, gingen andere mit Rucksäcken voller Alltagsgegenständen oder T-Shirts und Post-its an den Start. Darauf standen gegensätzliche Sprüche, die viele Mütter nur zu gut kennen – etwa Fragen wie: „Warum stillst du dein Baby nicht?“ und gleichzeitig „Du stillst immer noch?“ Genau diese dauernden Bewertungen wollten sie beim Citylauf sichtbar machen.
Mental Load als
tägliche Realität
Denn Mental Load ist für Helena Leitner kein abstraktes Konzept, sondern tägliche Realität. „Seit ich Mama geworden bin, spüre ich diese Belastung stark“, sagt sie. Auch wenn Partner oft unterstützen, bleibe vieles unsichtbar bei den Müttern hängen: Kinderkleidung organisieren, Windeln besorgen, Arzttermine koordinieren – „es sind viele kleine Sachen, aber mit Kind häuft sich das einfach.“
Aus diesen Gedanken heraus gründete Leitner auch die „nou.vie Community“ – ein Name, der für „nouvelle vie“, also „neues Leben“ steht. „Nicht nur das Baby wird geboren, sondern auch die Frau als Mama – und auch als Paar beginnt ein neues Leben“, erklärt sie. Über eine Whatsapp-Gruppe vernetzen sich inzwischen rund 25 Mütter aus Rosenheim. Für die Zukunft plant Leitner außerdem Gesprächskreise für Schwangere und Mütter, um Austausch und gegenseitige Unterstützung weiter zu stärken.
Direkte Reaktionen gab es auf der Laufstrecke nur vereinzelt. Viele feuerten die Gruppe an, manche reagierten zustimmend. „Eine Frau meinte, dass wir lustig sind“, erzählt Helena Leitner. Solche Momente zeigen ihr, wie wichtig das Thema ist – auch weil selbst unter Frauen noch viel Unverständnis über Mental Load und Care-Arbeit bestehe.
Auch der Veranstalter des Citylaufs, der PTSV Rosenheim, freute sich über die Teilnehmer samt Nachwuchs. „Manche fragen im Vorfeld sogar, ob sie mit Buggy mitlaufen dürfen“, erzählt Mitorganisator Peter Bartel. Dies sei heuer aufgrund der bayerischen Meisterschaft nicht möglich gewesen, aber grundsätzlich sei man stets begeistert von teilnehmenden Kindern und Familien.
Trotz des ernsten Anliegens überwog am Ende die Freude. „Wir hatten richtig viel Spaß zusammen“, sagt Helena Leitner. Und die Hoffnung bleibt, dass vielleicht doch ein paar Menschen beim Vorbeilaufen kurz hängen geblieben sind – und angefangen haben, über das nachzudenken, was im Alltag so oft unsichtbar bleibt.