Rosenheim – Plötzlich hängt ein Mundwinkel herab. Der linke Arm lässt sich nicht mehr richtig heben. Und dann beginnt auch noch der Kopfschmerz, aus dem Nichts und so schlimm wie nie zuvor. Wer diese Symptome an sich oder anderen bemerkt, der muss schnell reagieren. Das weiß Christoph Rauscher vom Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Rosenheim nur zu gut. Denn diese Dinge können auf einen Schlaganfall hindeuten. „In einem solchen Fall ist der Faktor Zeit entscheidend“, betont Rauscher.
Hirngewebe
wird geschädigt
Der 28-Jährige stammt ursprünglich aus Oberaudorf, ist aber schon seit zehn Jahren beim BRK in Rosenheim tätig. „Damals nach dem Abitur habe ich hier mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr begonnen, einfach um zu schauen, in welche Richtung es beruflich gehen könnte“, erinnert er sich. Das machte ihm so viel Spaß, dass er dabei blieb. Erst absolvierte Rauscher die dreimonatige Ausbildung zum Rettungssanitäter, später erlernte er in drei Jahren den Beruf des Notfallsanitäters und bildet mittlerweile auch aus. Durch seinen Job beim BRK kommt er häufig mit Schlaganfallpatienten in Kontakt.
Ein Schlaganfall entsteht, wenn ein Blutgefäß im Gehirn verschlossen ist oder platzt, sagt Prof. Dr. Joji Kuramatsu. Er ist Chefarzt der Neurologischen Klinik am Romed-Klinikum Rosenheim. „In beiden Fällen wird Hirngewebe geschädigt, weil es nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird oder durch eine Blutung unter Druck gerät“, erklärt Kuramatsu. Da Nervenzellen ihm zufolge sehr empfindlich auf diese Störung reagieren, sind eine schnelle Diagnostik und Behandlung entscheidend. „In diesem Fall gehen pro Minute zwei Millionen Nervenzellen unter“, betont der Chefarzt.
Klassische Anzeichen für einen Schlaganfall sind laut Christoph Rauscher vom BRK eine unerwartete Schwäche oder Lähmung in einer Körperhälfte oder einem Arm. „Aber auch plötzlich auftretende, extreme Kopfschmerzen oder starke Gleichgewichtsstörungen sind möglich“, betont Rauscher. Genau wie verwaschene, undeutliche Sprache. Im Gegensatz zum Herzinfarkt, wo sich Anzeichen manchmal schon früher bemerkbar machen, sei der Schlaganfall ein akutes Notfallbild. „Wenn er eintritt, hat man Symptome“, so der Notfallsanitäter. Nicht immer fallen diese den Betroffenen selbst sofort auf. Außenstehende aber können etwa einen hängenden Mundwinkel gut erkennen, auch wenn der Patient noch keine Beeinträchtigungen verspürt. „Dann ist es ganz wichtig, dem zu glauben, was man sieht.“ Auch wenn das Gegenüber sagt, alles sei in Ordnung. „Lieber handel ich zu früh als gar nicht und setze gleich einen Notruf ab, wenn mir die Symptome komisch vorkommen“, betont Rauscher.
Oberkörper
hoch lagern
Nachdem man die 112 gewählt hat, müsse man als Ersthelfer weiterhin versuchen, Ruhe zu bewahren. Ziel ist es, für den Betroffenen da zu sein und ihn einfach zu betreuen. „Erweiternd könnte man den Oberkörper hochlagern und darauf achten, dass beispielsweise der gelähmte Arm nicht auf einer harten Kante aufliegt“, erklärt Rauscher. In der Zwischenzeit macht sich der Rettungsdienst so schnell wie möglich auf den Weg zum Patienten. „Wir haben im Rettungsbereich Rosenheim ein Schlaganfallnetzwerk. Dadurch können wir eng mit den Kliniken und deren neurologischen Abteilungen zusammenarbeiten“, sagt der 28-Jährige. So können die Patienten bestmöglich versorgt werden.
Wenn ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall im Krankenhaus ankommt, läuft Dr. Joji Kuramatsu zufolge ein bestimmtes Prozedere ab: „Zunächst wird der Schweregrad der neurologischen Ausfallserscheinungen beurteilt, die Vitalfunktion stabilisiert und der genaue Zeitpunkt des Symptombeginns erfasst“, erklärt er. Anschließend erfolgt eine multimodale Bildgebung. „Meist ein CT des Kopfes, ergänzt durch eine Gefäßdarstellung und spezifische Perfusionsmessungen.“ Die Messungen zeigen, wie gut das Gewebe durchblutet wird. Mithilfe dieser Maßnahmen kann schnell entschieden werden, ob eine Hirnblutung vorliegt, beziehungsweise wie groß das „rettbare“ Hirngewebe ist. Diese Unterscheidung sei essenziell für die weiteren Behandlungsstrategien.
„Die Therapie richtet sich nach der Ursache des Schlaganfalls und dem Zeitfenster nach Symptombeginn. Je früher ein Patient behandelt werden kann, desto größer sind die Heilungschancen“, betont Kuramatsu. Häufig könne dafür eine medikamentöse Lysetherapie, also eine Blutgerinnsel-auflösende Akuttherapie, angewendet werden. „Liegt ein Groß-Gefäßverschluss vor, kann in geeigneten Fällen eine mechanische Thrombektomie durchgeführt werden, bei der das verschlossene Gefäß mit einem Katheter wieder eröffnet wird“, so der Neurologe weiter.
Zweithäufigste
Todesursache
Bei einer Hirnblutung stehen hingegen Blutdruckkontrolle und die Normalisierung der Blutgerinnung im Vordergrund. Bei großen Hirnblutungen seien allerdings sofortige neurochirurgische Maßnahmen entscheidend. Ausschlaggebend ist in allen Fällen ein sofortiges Handeln, damit das Gehirn möglichst wenig Schaden nimmt.
„Weltweit ist der Schlaganfall die zweithäufigste Todesursache und die dritthäufigste Ursache für Tod und Behinderung zusammen“, erklärt Kuramatsu. Am Romed-Klinikum Rosenheim werden jährlich knapp 1.000 Patienten mit Schlaganfall oder einer vorübergehenden Durchblutungsstörung des Gehirns auf der Schlaganfallstation behandelt. Ein Schlaganfall kann schwerwiegende Folgen haben. „Häufig sind Lähmungen, Sprach-, Seh-, Sensibilitäts- oder Schluckstörungen.
Auch Gedächtnisstörungen und emotionale Belastungen können auftreten“, zählt der Neurologe auf. Die Folgen hängen ihm zufolge davon ab, welche Hirnregion betroffen ist – und davon, wie schnell die Behandlung beginnt.
Auch deshalb geben nicht nur die Ärzte, sondern auch BRK-Notfallsanitäter Christoph Rauscher und seine Kollegen immer alles, um so schnell wie möglich beim Patienten zu sein. Denn wenn es um die Gesundheit geht, gilt es, keine Zeit zu verlieren.
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