Rosenheim – Es beginnt in der Nacht auf Samstag, 26. April 1986 – mit einem Test, der Sicherheit bringen soll, aber in einer Katastrophe endet. Im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl gerät eine eigentlich kontrollierte Situation außer Kontrolle. Um 1.23 Uhr explodiert der Reaktorblock 4. Es folgt ein Ereignis, das sich binnen Stunden in die Atmosphäre einschreibt: radioaktive Partikel steigen auf, eine unsichtbare Wolke formt sich – und beginnt ihre Reise nach Europa.
Die Sowjets schweigen
und vertuschen
Feuerwehrleute und junge Wehrpflichtige, sogenannte Liquidatoren, versuchen über Tage, das Feuer zu löschen. Ohne zu wissen, welchem Risiko sie sich aussetzen. Wenige Hundert Kilometer entfernt lebt Liudmyla Prychodko (heute 61 Jahre alt) mit ihrer Familie in der ostukrainischen Stadt Sumy. Sie ist Krankenschwester, arbeitet in einer onkologischen Klinik – und ist zu diesem Zeitpunkt auch Mutter einer acht Monate alten Tochter. Seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine lebt sie bei der Familie ihrer Tochter in Bad Aibling. Von der Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl erfährt sie im Frühjahr 1986 zunächst nichts. Die Führung der Sowjetunion schweigt, vertuscht, zögert hinaus. Informationen sickern nur langsam durch.
Diejenigen, die direkt am Reaktor Schutt beseitigen, handeln im Ungewissen. „Das sind im Nachhinein Helden“, sagt der Rosenheimer Herbert Borrmann, der sich im OVB-Gespräch an die Zeit im Jahr 1986 erinnert. Seine Einschätzung ist geprägt von eigenen Erfahrungen: Zehn Jahre nach der Katastrophe reiste er im Rahmen einer Belarus-Reise auch nach Tschernobyl. Vor Ort habe er die Dimensionen des Unglücks erstmals wirklich begriffen, sagt er. Genau deshalb blieben ihm besonders die Bedingungen der Einsatzkräfte im Gedächtnis. Viele von ihnen sterben später – „obwohl sie einfach nur die Bevölkerung, ihre Familien, retten wollten“, sagt Borrmann. Auch Liudmyla Prychodko erinnert sich: In ihrer Ausbildung habe sie zwar gelernt, dass Radioaktivität gefährlich ist – „aber dadurch, dass das wahre Ausmaß der Katastrophe zunächst nicht klar war, war das Bewusstsein für diese Gefahren nicht gegeben.“
Zwei Tage später, am 28. April, wird die Katastrophe im Westen durch Messwerte sichtbar. In Schweden schlagen an mehreren Orten Sensoren an. Die erhöhte Strahlung kann daher nicht aus dem eigenen Land stammen. Wissenschaftler berechnen: Sie stammt aus der Ukraine. Erst am Abend räumt die Sowjetunion ein, dass es einen Unfall gegeben hat.
OVB meldet
„Unglück im Reaktor“
Am nächsten Tag kommt die Nachricht auch in Deutschland an – in einer kleinen Meldung erscheint damals im OVB: „Moskau gibt Unglück im Reaktor zu“. Von „möglicherweise schweren Folgen“ ist die Rede. Für Prychodko ist es der Moment, in dem sie erstmals davon hört. Doch die Angst hält sich in Grenzen. „In den Medien wurde der Eindruck erweckt, dass alle nötigen Maßnahmen getroffen wurden“, sagt sie. Auch um ihre kleine Tochter habe sie sich keine großen Sorgen gemacht.
Dimensionen werden
nur langsam deutlich
Das ändert sich mit jedem weiteren Tag. Am 30. April wird aus der Randnotiz eine Schlagzeile: „Das Atom-Feuer brennt weiter“. Die Dimensionen werden deutlicher – und gleichzeitig unheimlicher. Denn die Gefahr ist unsichtbar. „Richtig panisch ist man geworden, als die Wolke in Richtung Europa gewandert ist“, erinnert sich Borrmann. Dass die Strahlung keine fünf oder zehn Jahre, sondern für sehr lange Zeit bleibt, ist klar. Daher fragt sich nicht nur der damals junge Borrmann, ob er jemals wieder in der Wiese sitzen wird. Ob spätere Kinder eher Krebs bekämen. Ob er einmal aus Rosenheim wegziehen müsse. Antworten bleiben vage wie widersprüchlich. Während Politiker beschwichtigen, wächst in der Bevölkerung das Misstrauen. Borrmann vergleicht die Situation rückblickend mit der Corona-Pandemie: „Keiner wusste, wie es weitergeht, es war einfach schlecht einzuschätzen.“
Als die radioaktive Wolke Anfang Mai Bayern erreicht, wird aus der Unsicherheit konkrete Sorge. Regen wäscht die radioaktiven Partikel aus der Luft, sie lagern sich auf Wiesen, in Wäldern, auf Spielplätzen und Straßen ab. Die Messwerte steigen – teilweise auf ein Vielfaches der natürlichen Strahlung. Gleichzeitig sagt der deutsche Innenminister Friedrich Zimmermann, es bestehe keine Gefahr für die Deutschen.
Doch im Alltag zeigt sich ein anderes Bild. „Man sollte sich nicht auf die Wiese setzen oder Schwammerl essen“, erinnert sich Borrmann an die Empfehlungen. Die Reaktionen schwanken zwischen Verdrängung und Überreaktion. Den Rosenheimer Apotheken gehen die Jodtabletten aus – mit ersten Vergiftungsfällen als Folge. Gleichzeitig ist das Freibad am ersten Maiwochenende gut besucht. Auch im ostukrainischen Sumy bleibt der Alltag erstaunlich normal. Prychodko erinnert sich an einfache Anweisungen: nicht zu lange draußenbleiben, öfter Staub wischen. „Ansonsten lief das Leben ganz normal weiter.“ Ihr Mann muss einen Monat lang Baumaterial für eine neue Siedlung für Evakuierte in die kontaminierte Region um Tschernobyl fahren. Bezogen wird diese Siedlung nie.
Salingarten bis Freibad:
Stark erhöhte Strahlung
In Deutschland dagegen wird der Alltag zunehmend reguliert: Gemüse soll gründlich gewaschen, Kinder sollen nicht im Sand spielen, Milch soll nur noch kontrolliert gekauft werden. Weil der ABC-Strahlenzug der Rosenheimer Feuerwehr keinen offiziellen Auftrag erhält, messen die Feuerwehrler auf eigene Faust. Mit erschreckenden Ergebnissen: eine bis zu 25-fache Strahlung am Boden. Auf Tennisplätzen und dem Rasen des TV 1860 Rosenheim werden bis zu 10.000 Becquerel gemessen, noch höhere Werte finden sich im Salingarten und Freibad.
Die Kritik wächst. Am Katastrophenschutz, an widersprüchlichen Grenzwerten, an politischer Kommunikation. „Besteht aus einer Sammlung von Telefonnummern“, heißt es spöttisch über den Katastrophenschutz.
Die Katastrophe
wirkt bis heute nach
Zwei Wochen nach der Explosion kann der Brand in Tschernobyl gelöscht werden. Doch die Katastrophe beginnt eigentlich erst danach. Die Folgen zeigen sich schnell – etwa im 40-prozentigen Einbruch des Milchabsatzes in Bayern. Der Verkauf von Freiland-Spinat und Feldsalat wird verboten. Kinder sollen aufgrund hoher Strahlenwerte weder in Sandkästen spielen noch ins Freibad gehen.
Auch politische Konsequenzen hat Tschernobyl für Bayern. „Damit ist das geplante Atomkraftwerk Marienberg ad acta gelegt worden“, erinnert sich Borrmann. Der Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf verschärft sich. Der Freistaat baut die Überwachung aus – und gleichzeitig am Reaktor Isar II weiter. Es solle sichergestellt werden, dass sich ein solches Unglück kein zweites Mal ereignet. 37 Jahre später werden in Deutschland die letzten Reaktoren abgeschaltet.
Und die persönlichen Folgen? Sie lassen sich nicht in Tagen oder Wochen messen. Prychodko arbeitet noch bis 2010 in der Onkologie. „Die Zahl der an Krebs erkrankten Menschen ist angestiegen“, sagt sie. In Krankenakten liest sie immer wieder von Patienten, die als Liquidatoren im Einsatz waren. Ein ehemaliger Klassenkamerad stirbt an Magenkrebs, ein Verwandter war ebenfalls im Einsatz – dessen Sohn kämpft heute im Krieg gegen Russland.
Ängste sind verblasst,
aber nicht verschwunden
Radioaktive Stoffe im Boden wie Cäsium-137 zerfallen langsam. Manche Werte sind noch immer erhöht, etwa in Wildfleisch oder Pilzen. 40 Jahre nach der Explosion sind viele Erinnerungen und Ängste verblasst – aber nicht verschwunden.