Rosenheim – Birgit Gottwald kann nur den Kopf schütteln. Über die Presse hat sie von einem Vorfall in Bad Endorf erfahren. Zeugen hatten die Polizei darüber informiert, dass sich eine 60-jährige chinesische Staatsangehörige ein Apartment gemietet und innerhalb weniger Stunden mehrere Männerbesuche erhalten habe. Der Verdacht: verbotene Prostitution. Vor Ort konnte die 60-Jährige von der Polizei jedoch nicht mehr angetroffen werden. Wie sich später herausstellte, war sie bereits abgereist.
Was Birgit Gottwald an der Situation stört: Oft sind es die Frauen, die bestraft werden. Zu Unrecht, wie sie findet. Gottwald engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich bei dem Verein „Hagar Ministry“, den sie selbst gegründet hat. Sie und ihre Mitstreiterinnen kümmern sich um Frauen, die in der Prostitution tätig sind. Zu dem Fall in Bad Endorf kann sie nicht viel sagen, da sie die Einzelheiten nicht kennt. Eine Einordnung kann sie aufgrund ihrer Erfahrung trotzdem geben. „In den meisten Fällen sprechen diese Frauen weder Deutsch noch Englisch. Wie soll es einer Frau ohne Sprachkenntnisse gelingen, eine Wohnung zu mieten, Werbung zu schalten und innerhalb von zwei Stunden vor der Polizei zu flüchten?“, hinterfragt Gottwald. Sie vermutet, dass jemand im Hintergrund die Organisation übernommen hat. Wie es so oft der Fall ist. „Oft steckt ein kriminelles Netzwerk dahinter. Meiner Meinung nach war das ein klarer Fall von Menschenhandel und Zuhälterei“, sagt sie.
Genau nachvollziehen lässt sich das natürlich nicht. Aber es sind Erfahrungen und Eindrücke, die Birgit Gottwald in den vergangenen Jahren gesammelt hat. „Viel verändert hat sich nicht“, sagt sie. Nach wie vor gebe es zahlreiche Frauen, die sich prostituieren. Wenige davon prostituieren sich ausschließlich freiwillig. „Zwang, Armut und verschiedenste vulnerable Umstände bringen diese Frauen zur Prostitution“, sagt Birgit Gottwald. In Rosenheim handele es sich – wie nahezu in ganz Deutschland – zu 98 Prozent um Ausländerinnen. Allen voran Rumäninnen, Frauen aus anderen osteuropäischen Ländern und Lateinamerika.
Birgit Gottwald und ihre Mitstreiterinnen haben überwiegend Kontakt zu den Frauen, die in angemeldeten Betrieben arbeiten. Sie besuchen die Frauen, hören zu, bringen kleine Geschenke mit und bieten unterschiedlichste Hilfe an. „Ich glaube, dass es den Frauen, zumindest was die äußeren Umstände betrifft, in den meisten Bordellen besser geht, als in unangemeldeten Wohnungen und Hotelzimmern, besonders was die Sicherheit betrifft“, sagt sie.
Für Gottwald spielt es jedoch erst einmal keine Rolle, ob sich eine Person illegal prostituiert oder offiziell angemeldet ist. „Legalität oder Illegalität sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, unter welchen Umständen eine Person in der Prostitution ist“, ergänzt auch Caroline Sander. Sie arbeitet beim deutschlandweiten Netzwerk „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ mit Sitz in Berlin.
Ein Großteil der Frauen in der Prostitution stehe unter verschiedenen Formen von Zwang. „Zwangsprostitution ist sexuelle Ausbeutung, die meist mit Menschenhandel in Verbindung steht“, erklärt Sander. Gründe gebe es einige. Da wäre zum einen der Profit für Menschenhändler und Zuhälter. Aber eben die hohe Nachfrage an Prostitution in Ländern wie Deutschland, die kaum mit freiwilliger Prostitution zu decken ist.
„Ein Großteil der Frauen ist – so die Erfahrung von Caroline Sander – nicht angemeldet. „In jedem Bordell besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass es neben denjenigen, die sich ‚freiwillig‘ prostituieren, auch Frauen gibt, die gezwungen werden“, sagt sie. Um das zu unterbinden, finden vonseiten des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd immer wieder Kontrollen statt – regelmäßig und ohne Vorankündigung. „Mindestens zweimal pro Quartal, sonst nach Bedarf und aufgrund aktueller Lageerkenntnisse“, sagt Erster Polizeihauptkommissar Stefan Sonntag.
Gemeinsame Rotlichtkontrollen zur Überwachung der Einhaltung gesetzlicher Vorgaben zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen werden in Zusammenarbeit mit der Stadt Rosenheim umgesetzt, die primär für die Bordellbetriebe zuständig ist. Kontrolliert wird etwa, ob die erforderlichen Bescheinigungen vorhanden sind, ob es die Sicherheitseinrichtungen gibt, und ob alle baulichen Vorgaben erfüllt sind.
„Aus polizeilicher Sicht geht es schwerpunktmäßig um Aufklärungs- und Beratungsmaßnahmen und um die Bekämpfung der Zwangsprostitution, des Menschenhandels und der Zuhälterei sowie der damit im Zusammenhang stehenden Straftaten und Sicherheitsstörungen“, erklärt Sonntag. Bei den Kontrollen werden ihm zufolge überwiegend fehlende oder abgelaufene Bescheinigungen festgestellt, aber auch ausländerrechtliche Verstöße sowie Verstöße gegen das Gaststättengesetz.
Wie häufig es im vergangenen Jahr Fälle von illegaler Prostitution in Stadt und Landkreis Rosenheim gegeben hat, lasse sich mit Blick auf die polizeiliche Kriminalstatistik nur schwer recherchieren. „Behelfsweise Recherchen in anderen Systemen ergeben, dass es in den zurückliegenden Jahren insgesamt eine niedrige einstellige Anzahl von Fällen gab“, sagt Sonntag. Bei den meisten Verstößen lagen Ordnungswidrigkeiten vor.
Was hingegen auffällig ist: Die Polizei erreichen Sonntag zufolge häufig Hinweise aus der Bevölkerung zu illegaler Prostitution, zusätzlich zu ihren eigenen Recherchen, insbesondere auf entsprechenden Erotik-Portalen. „Hier ist ein Anstieg der Mitteilungen und polizeilichen Einsätze im Landkreis festzustellen“, sagt der Polizeihauptkommissar.
Grundsätzlich sei das Dunkelfeld der Prostitution in Hotelzimmern und Ferienwohnungen jedoch sehr groß. Eben auch deshalb, weil die Zimmer online und im Self-Check-in angemietet werden können. „Daher ist diese Art von Prostitution sehr schwer kontrollierbar. Hinweise ergeben sich über anonyme Mitteilungen oder aufgrund regelmäßiger polizeilicher Überprüfung der einschlägigen Plattformen“, sagt Sonntag.
Lauter Ruf nach dem
„Nordischen Modell“
Um die Zwangsprostitution zu unterbinden, bedarf es laut Caroline Sander eine bessere Anwendung und Durchsetzung des Strafrechts. „Außerdem muss in Deutschland unserer Auffassung nach endlich etwas Wirksameres gegen die Nachfrage getan werden“, sagt sie. Die einzige Lösung hierfür ist in ihren Augen die Umsetzung des Nordischen Modells, das bereits in Schweden, Frankreich und einer Reihe anderer Länder in Kraft getreten ist. Dabei handelt es sich um eine Art Sexkaufverbot. Es bestraft Freier, entkriminalisiert jedoch die in der Prostitution tätigen Menschen.