Nicht nur Waffen trugen Legionäre mit sich, sondern auch ein Tragekreuz mit weiterem Gepäck.
Rosenheim/Aschau – Wenn Simon Riepertinger über römische Legionäre spricht, klingt das nicht nach Schulbuchwissen, sondern nach eigener Erfahrung. Der 19-Jährige, Abiturient am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim, hat für seine W-Seminararbeit keinen klassischen Vergleich gezogen – er ist gegangen.
15,2 Kilometer weit, mit 30 Kilogramm Ausrüstung, über alpine Wege zwischen Sachrang und Aschau. Geplant waren mehr. Geblieben ist eine Erkenntnis. „Mein Ziel waren 22,5 Kilometer“, sagt er nüchtern. „Aber bei 15,2 musste ich abbrechen. Der obere Rücken hat nicht mehr mitgemacht.“
Waren Legionäre
trainierte „Maschinen“?
Die Idee zu dem Experiment entstand aus der Frage nach der Realität, die hinter dem Mythos römischer Soldaten steckt. Waren Legionäre wirklich die dauertrainierten „Maschinen“, als die sie oft dargestellt werden?
Simon Riepertinger hat sich dafür tief in historische Quellen und Forschung eingearbeitet – unter anderem in die Arbeiten des Althistorikers Markus Junkelmann, der selbst Rekonstruktionsmärsche durchgeführt hat. „Die klassischen Angaben von 30 Kilometern pro Tag wirken übertrieben“, sagt der Schüler. Realistischer seien eher 15 bis 25 Kilometer – unter voller Last. Und diese Last war erheblich.
„Ich habe insgesamt etwa 30 Kilogramm getragen: Kettenhemd, Helm, Schild-Attrappen-Gewicht, Tragekreuz mit Gepäck. Nur die Schuhe waren nicht historisch – die habe ich ersetzt, weil die antiken Modelle für meine Füße nicht tragbar gewesen wären.“
Rückenprobleme schon
nach sechs Kilometern
Was sich in der Theorie noch kontrollierbar anhört, wurde in der Praxis schnell zu einer körperlichen Grenzerfahrung. „Die Beine waren überraschend stabil. Das Problem war der obere Rücken – der Trapezmuskel. Schon nach sechs Kilometern habe ich gemerkt, dass das Tragekreuz ein echtes Problem wird.“ Besonders dieses Detail interessiert ihn heute: nicht der Kampf, nicht die Disziplin, sondern die schlichte Mechanik des Tragens. „Dieses ständige Verschieben des Gewichts, das Wechseln der Schultern – ich glaube, genau das war damals Alltag.“
Historische Rekonstruktionen bestätigen solche Belastungen indirekt: Legionäre trugen nicht nur Waffen, sondern auch Kochgeschirr, Werkzeug und persönliche Ausrüstung. Die Versorgung lief getrennt über den Tross – die kämpfenden Einheiten waren tatsächlich reine Marsch- und Kampfkörper.
Das Bild des übermenschlich leistungsfähigen Legionärs sieht Simon Riepertinger nach seinem Selbstversuch differenzierter. „Ich glaube, das Bild ist teilweise Mythos. Die waren extrem gut trainiert, ja. Aber sie waren auch Menschen unter Dauerbelastung – nicht nur im Kampf, sondern jeden Tag.“ Vor allem die Kombination aus Marsch, Lagerarbeit und möglichen Gefechten werde in modernen Vorstellungen oft unterschätzt. „Du kommst an und bist nicht fertig. Du arbeitest weiter. Du wirst vielleicht sogar angegriffen.“
Interessant ist für ihn weniger die einzelne Leistung als das System dahinter: Ausbildung, Dauertraining, Organisation. „Legionär war kein kurzfristiger Job. Man musste römisches Bürgerrecht haben, es gab Ausbildung, und selbst Veteranen haben weiter trainiert.“
Das Bild einer perfekt funktionierenden Militärmaschine relativiert er damit – ohne sie zu entzaubern. Eher entsteht ein komplexeres Bild: Disziplin ja, aber auf Basis permanenter körperlicher Belastung.
Diese Märsche
waren nie flach
Die Route selbst – durch das Voralpenland, mit Anstiegen und unebenem Gelände – hat den theoretischen Vergleich zusätzlich verschärft. „Flach war da gar nichts. Und genau das ist der Punkt: Diese Märsche waren nie flach.“ Am Ende bleibt bei dem Schüler weniger die sportliche Leistung hängen als die Verschiebung der Perspektive. „Ich habe verstanden, wie gnadenlos dieser Alltag gewesen sein muss.“
Und vielleicht ist genau das der Kern seines Experiments: Geschichte wird nicht leichter, wenn man sie selbst trägt.