Rosenheim – Das helle Haus mit den braunen Fensterläden in der Königstraße wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Und doch soll sich genau hier 1967 Unerklärliches abgespielt haben: Leuchtstoffröhren, die sich wie von Geisterhand aus ihren Fassungen schraubten. Bilder, die sich um 180 Grad drehten. Telefonanrufe, obwohl niemand den Hörer berührte. „Das hat nicht nur ein Einzelner gesehen“, sagt die Rosenheimer Gästeführerin Dagmar Deisenberger. Rund 40 Zeugen berichteten von den Vorfällen. Polizei, Techniker, sogar Parapsychologen – sie alle suchten nach einer Erklärung. Gefunden wurde keine. „Es ist die Hausnummer 13“, sagt Deisenberger. „Das ist schon wieder lustig, oder?“
Neue Perspektiven
auf eine bekannte Stadt
Solche Geschichten sind es, die Rosenheim plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Seit 2019 führt Dagmar Deisenberger Touristen durch die historische Altstadt. Bald erzählt sie auch in einer eigenen Stadtführung von den scheinbar verborgenen Geheimnissen der Stadt an Inn und Mangfall.
Die Idee dazu kam ihr, als sie am Buch „Rosenheimer Geheimnisse“ von Stefan Regniet mitwirkte. Der Autor hatte sich für die Hintergründe der jeweiligen Geheimnisse Paten aus Rosenheim gesucht. „Die haben sich ihr ganzes Leben damit beschäftigt und wollen das weitergeben“, sagt Regniet. „Das gibt noch einmal einen persönlichen Touch.“
In Dagmar Deisenberger reifte die Idee, einige der Geheimnisse auch bei einer Führung vorzustellen. Stefan Regniet war sofort begeistert, denn Deisenberger ist die perfekte Besetzung dafür: „Sie hat die Erfahrung, sie lebt das.“ Seither steckt sie viel Zeit in das Konzept der neuen Stadtführung.
Etwa zwei Stunden soll die Tour dauern – vom Max-Josefs-Platz, vorbei am Mittertor, zur Nikolauskirche, zum Rathaus und ins Gillitzer-Viertel. „Gerade für Rosenheimer ist das spannend“, sagt Deisenberger, „weil sie ihre Stadt noch einmal aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen.“ Für Stefan Regniet wird Geschichte erlebbar, zum Ansehen und Anfassen.
Ein weiteres – und Deisenbergers persönliches Lieblingsgeheimnis – verbirgt sich in der Nikolauskirche. Auf den ersten Blick fällt nur das Licht durch die bunten Fenster ins Auge. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt Gegensätze: warme Farben auf der einen, dunklere Töne auf der anderen Seite. „Das sind die guten Zeiten im Leben – und eben auch die anderen“, sagt Deisenberger.
Diese Gegensätze setzen sich im Altar fort, dessen Geschichte mit der Kirchenrenovierung beginnt und mit viel Überzeugungsarbeit in einem Salzburger Steinbruch endet. Für Dagmar Deisenberger eine Erinnerung, dass auch im Unperfekten großes Potenzial liegt.
Ein paar Stationen weiter wird es grüner: Der Riedergarten wirkt heute wie eine ruhige Oase – und erzählt doch Geschichte. Im 18. Jahrhundert ließ ein Apotheker der Familie Rieder hier Heilpflanzen anbauen. Minze, Lavendel, Johanniskraut – alles fein säuberlich nach Wirkung geordnet. Aus den Kräutern entstanden Arzneien, darunter sogenannte „Minzetteln“, die es bis heute gibt.
Ein Garten mit
besonderer Geschichte
Dass dieser Ort noch existiert, ist keine Selbstverständlichkeit. 1925 verkaufte ein Nachfahre den Garten an die Stadt – unter der Bedingung, dass er für immer ein Garten bleiben sollte. „Das finde ich schon bemerkenswert“, sagt Deisenberger, „vor allem, wenn man bedenkt, dass man damals noch gar kein Problem mit Flächenversiegelung hatte.“
Für die Landesgartenschau 2010 wurde das Gelände neu gestaltet, heller und offener, aber mit klaren Bezügen zur Vergangenheit. Heute dürfen Besucher sogar selbst Blätter abzupfen, daran riechen, die Pflanzen erleben – ganz im Sinne des alten Apothekers.
Dagmar Deisenberger lüftet bei dem Rundgang durch die Stadt am Freitag, 29. Mai, das ein oder andere Geheimnis Rosenheims. Alle 50 Geheimnisse – manche unheimlich, manche still, manche nachdenklich – sind in Stefan Regniets Buch „Rosenheimer Geheimnisse“ nachzulesen. Auch der Autor wird an der Stadtführung mit Dagmar Deisenberger teilnehmen und Bücher signieren.
Zur Stadtführung anmelden können sich Interessierte per E-Mail unter dagmar.deisenberger@gmail. com. Dabei soll auch die Telefonnummer mitgeteilt werden. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Für OVB-Abonnenten gibt es mit der Abocard 20 Prozent Rabatt auf die Führung.