Wie Seelenprügel Kinder verletzen

von Redaktion

Interview Psychologin Ballmann erklärt die Folgen verbaler Gewalt und gibt Eltern Tipps für den Alltag

Rosenheim – Seit drei Jahrzehnten setzt sich die Psychologin, Pädagogin und Autorin Dr. Anke Elisabeth Ballmann für kindgerechtes Lernen und gewaltfreie Pädagogik ein. Mit ihrem Institut „Lernmeer“ hat sie tausende Fachkräfte und Eltern begleitet. Am heutigen Donnerstag hält sie unter dem Thema „Seelenprügel“ einen Vortrag im Rosenheimer Bildungswerk zum Mottotag „Gewaltfreie Erziehung von Anfang an!“ Im Interview erklärt Anke Ballmann, warum gewaltfreie Erziehung weit über den Verzicht auf körperliche Strafen hinausgeht und wie Worte Kinder langfristig prägen.

Wenn Menschen den Begriff „gewaltfreie Erziehung“ hören, denken sie oft zuerst an den Verzicht auf körperliche Bestrafung. Warum greift das zu kurz?

Gewaltfreie Erziehung beginnt damit, dass Kinder körperlich unversehrt bleiben. Aber wenn wir Gewaltfreiheit darauf reduzieren, greifen wir viel zu kurz. Ein Kind kann körperlich völlig unversehrt bleiben und seelisch trotzdem jeden Tag verletzt werden. Durch Beschämung, Liebesentzug, Spott, Drohungen und ständige Kritik. Sätze wie: „Jetzt stell dich nicht so an“, „Du bist aber anstrengend“, „Wegen dir sind alle genervt“. Gewaltfreie Erziehung bedeutet für mich, die Würde des Kindes zu achten. Ein Kind ist kein unfertiger Erwachsener, den man zurechtbiegen muss. Es ist ein Mensch in Entwicklung. Und unsere Aufgabe ist es, diese Entwicklung zu schützen.

Gewaltfreiheit heißt deshalb nicht Grenzenlosigkeit. Im Gegenteil. Kinder brauchen Grenzen, Orientierung und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und führen. Aber Führung ohne Erniedrigung und Härte. Kinder brauchen Beziehung ohne Machtmissbrauch.

Ihr Vortrag trägt den Titel „Seelenprügel“. Was verstehen Sie darunter?

Mit „Seelenprügel“ meine ich psychische Verletzungen. Prügel auf der Seele hinterlassen keine blauen Flecken, sind aber dennoch sehr schädlich. Das Heimtückische daran: Viele dieser Verletzungen passieren nicht aus Bosheit, sondern aus Stress, Überforderung, Erschöpfung, alten Erziehungsmustern oder weil Erwachsene selbst nie gelernt haben, mit starken Gefühlen gut umzugehen.

Seelenprügel sind Worte, Blicke, Gesten und Haltungen, die einem Kind vermitteln: Mit dir stimmt etwas nicht. Du bist falsch. Deine Gefühle sind lächerlich. Deine Bedürfnisse stören. Dein Weinen ist peinlich. Kinder glauben uns. Ein kleines Kind kann innerlich noch nicht sagen: „Meine Mutter ist gerade überfordert“ oder „Die Erzieherin hatte heute einen schlechten Tag.“ Ein Kind bezieht das auf sich. Es denkt: Ich bin schuld und ich bin nicht liebenswert.

In Ihrem Vortrag beleuchten Sie „subtile Formen seelischer Verletzungen im Alltag“. Können Sie uns Beispiele dafür nennen, wie unsere alltägliche Kommunikation oder unbedachte Äußerungen Kinder stark treffen können?

Das sind oft Sätze, die viele Menschen gar nicht als gewaltvoll empfinden, weil sie so normal geworden sind. Zum Beispiel: „Hör sofort auf zu weinen.“ „Da ist doch nichts passiert.“ „Immer machst du Ärger.“ „Jetzt sei nicht so ein Baby.“ „Wenn du nicht lieb bist, gehe ich ohne dich.“ „Die anderen Kinder können das auch.“ „Wegen dir kommen wir zu spät.“ „Du machst mich krank.“ Sehr verletzend ist auch das Lächerlichmachen von Gefühlen.

Das heißt?

Wenn ein Kind Angst hat, traurig ist oder wütend wird, braucht es zuerst einen Erwachsenen, der innerlich übersetzt: Was ist hier los? Was braucht dieses Kind gerade? Stattdessen bewerten wir oft vorschnell: Drama. Trotz. Manipulation. Absicht. Ein weiteres großes Thema ist Liebesentzug. Also Schweigen, Ignorieren, Wegdrehen, „Dann habe ich dich nicht mehr lieb“. Wenn Erwachsene Beziehung als Druckmittel einsetzen, trifft das ein Kind mitten in die Seele.

Welche Auswirkungen haben diese unbewussten Verletzungen langfristig auf Kinder?

Kinder lernen über Beziehung, wer sie sind. Wenn ein Kind immer wieder erlebt: Meine Gefühle sind falsch, meine Bedürfnisse sind lästig, meine Lebendigkeit ist zu viel, dann bildet sich daraus ein inneres Selbstbild. Solche Kinder werden später nicht automatisch „schwierig“, viele werden besonders angepasst. Sie versuchen, niemandem zur Last zu fallen und schaden sich dabei selbst. Langfristig können seelische Verletzungen dazu führen, dass Menschen sich selbst wenig vertrauen, ihre Grenzen schlecht wahrnehmen, Schuldgefühle entwickeln oder Beziehungen unsicher erleben.

Wie zeigt sich das?

Manche werden sehr hart gegen sich selbst. Andere geben die Härte weiter. Das ist der Kreislauf, den ich mit meiner Arbeit unterbrechen möchte. Denn Gewaltfreiheit beginnt nicht erst beim Kind. Sie beginnt beim Erwachsenen. Bei der Frage: Was passiert in mir, wenn ein Kind mich triggert? Warum schaffe ich es in bestimmten Situationen nicht, mich zu regulieren und brülle mein Kind an? Genau da setze ich in meinen Fortbildungen und Vorträgen an: Wissen allein reicht nicht. Wir müssen lernen, unter Stress anders zu handeln.

Wie sehr hängen Belastung und der Stresslevel von Eltern oder pädagogischen Fachkräften damit zusammen, wie sie mit Kindern kommunizieren?

Sehr stark. Das heißt nicht, dass Stress verletzendes Verhalten entschuldigt. Aber er erklärt vieles. Wenn Erwachsene dauerhaft überlastet sind, wird die Zündschnur kürzer. Dann sinkt die Fähigkeit, feinfühlig zu reagieren. Man wird schneller laut, schärfer, ungerechter, kontrollierender. Viele Erwachsene wissen theoretisch sehr genau, wie sie mit Kindern sprechen möchten. Aber im entscheidenden Moment, wenn es laut ist, wenn Zeitdruck herrscht, wenn drei Kinder gleichzeitig etwas brauchen, kommt nicht das Fachwissen aus ihnen heraus, sondern ihr Zustand. Deshalb sage ich oft: Der Zustand des Erwachsenen ist ein pädagogischer Wirkfaktor. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen, sondern Erwachsene, die Verantwortung für ihren Zustand übernehmen. Wer mit Kindern arbeitet, braucht Selbstregulation, Reflexion und Unterstützung. Sonst wird aus Überforderung sehr schnell Härte.

Wie können Eltern eine wertschätzende Haltung bewahren? Was ist der erste Schritt?

Der erste Schritt ist nicht, noch perfekter zu werden. Der erste Schritt ist Ehrlichkeit. Ich muss merken: Ich bin gerade nicht mehr in Verbindung. Ich reagiere nicht mehr auf das Kind, sondern auf meinen eigenen Stress. Kurz stoppen. Atmen. Die Stimme senken. Einen Schritt zurücktreten. Nicht sofort handeln. Nicht sofort reden. Denn viele Verletzungen passieren in den ersten Sekunden der Überforderung. Ein hilfreicher innerer Satz kann sein: „Mein Kind ist nicht mein Gegner.“ Diese Unterscheidung verändert sehr viel. Und dann brauchen Eltern und Fachkräfte Entlastung. Wir dürfen nicht so tun, als sei Gewaltfreiheit nur eine Frage der richtigen Haltung. Natürlich braucht es Haltung. Aber es braucht auch Schlaf, Pausen, Unterstützung und Wissen über kindliche Entwicklung. Ich arbeite deshalb nicht mit Schuld, sondern mit Verantwortung. Schuld lähmt. Verantwortung macht handlungsfähig.

Wo sehen Sie in unserer Gesellschaft den größten Nachholbedarf, um Kinder besser zu schützen?

Wir müssen Kinder konsequent als Menschen sehen – nicht als kleine Wesen, die erst dann ernst genommen werden, wenn sie funktionieren. Der größte Nachholbedarf liegt für mich in der Erwachsenenbildung. Wir sprechen viel über Kinderrechte, und das ist wichtig. Aber wir müssen viel stärker mit den Erwachsenen arbeiten, die täglich mit Kindern leben und arbeiten. Eltern, pädagogische Fachkräfte, Leitungen, Träger, Politik.

Was müsste sich denn konkret in Kitas, Schulen und in der Ausbildung von Fachkräften ändern?

Gerade in Kitas brauchen wir mehr als Konzepte auf geduldigem Papier. Wir brauchen Teams, die verstehen, was Stress, Trauma, Bindung, Entwicklung und Überforderung im Alltag bedeuten. Wir brauchen Fachkräfte, die Verhalten nicht nur bewerten, sondern lesen können. Und wir brauchen Erwachsene, die ihre eigene Geschichte nicht unbewusst an Kinder weitergeben. Mein großer Wunsch ist, dass Gewaltfreiheit nicht als Ideal verstanden, sondern gelebt wird. Gewaltfreiheit braucht Wissen, Selbstführung, Sprache, Mut und die Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren. Denn Kindheit bleibt. Was Kinder früh erleben, verschwindet nicht einfach. Es schreibt sich in ihr Körpergefühl, ihr Selbstbild, ihre Beziehungen und ihre Art ein, später mit der Welt umzugehen. Darum ist jeder Erwachsene, der mit Kindern lebt oder arbeitet, bedeutsam. Und jeder Schritt weg von Beschämung, Drohung und Druck hin zu Klarheit, Würde und Beziehung ist ein Schritt in eine friedlichere Gesellschaft.

Jasmin Eiglmeier

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