Rosenheim – Am ersten Tag seiner Amtszeit als Oberbürgermeister, dem 1. Mai, der von Arbeitern als „Tag der Arbeit“ gefeiert wird, war Abuzar Erdogan zu seinem ersten Auftritt in der neuen Funktion zur Maifeier des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) gekommen.
Bereits vor seiner Rede, in der er sich mit aktuellen sozialen Problemen beschäftigte, hatten sich die 400 Besucher in Stimmung gesungen. „Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen, der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand“ aus „Auf, auf zum Kampf“ und andere Lieder der Arbeiterbewegung waren zu hören.
Der aus einer immigrierten Arbeiterfamilie stammende Erdogan, der selbst Gewerkschaftsmitglied ist, betonte zum Auftakt seiner Rede die Bedeutung des „Tag der Arbeit“, der seit fast 140 Jahren Zeichen der internationalen Solidarität sei. Das diesjährige Motto „Erst unsere Jobs, dann euere Profite“ würde deutlich Prioritäten setzen: „Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen – und nicht umgekehrt.“ Angesichts des technischen Fortschritts müsse man sich fragen: „Wem dient der Fortschritt – und wem sollte er dienen?“ Raubtierkapitalismus sei das Gegenteil von sozialer Marktwirtschaft, der Gegensatz von Kapital und Arbeit müsse überwunden werden, so seine Forderung. In der Konzentration des Kapitals in den Händen weniger Menschen sieht Erdogan eine Gefahr für die Gesellschaft.
Aufgrund zu geringer Löhne und zu hoher Lebenshaltungskosten könnten sich immer mehr Arbeiter keine Familie mehr leisten. Dies führe zwangsläufig zum Verfall der Gesellschaft und fördere gleichzeitig radikale Kräfte. Dagegen müssten sich die Bürger zur Wehr setzen.
Erdogan fordert, über Verteilungsgerechtigkeit nachzudenken. Lasten und Vermögen müssten fair verteilt werden. Dazu müssten auch Steuerschlupflöcher geschlossen werden, im Land wie international. Wenn internationale Giganten nur drei, vier Prozent ihrer Gewinne als Steuer zahlen würden, während deutsche Mittelständler das Zehnfache entrichten müssten, so sei dies kein fairer Wettbewerb. Das steuerpolitische Versagen der Regierung sei ein Skandal.
Der neue Oberbürgermeister betonte, dass er durchaus befürworte, dass sich „Leistung lohnen muss“. Dies müsse aber auch für Arbeitsleistung, die Quelle des Wohlstands, gelten. So wie sich seine Eltern als Gastarbeiter etwas aufgebaut hätten, müssten auch heute Arbeiter die Möglichkeit haben, sich etwas aufzubauen. Dies sei aber nur möglich, wenn sie sichere Arbeitsplätze hätten und fair bezahlt würden. Um dies zu erreichen, brauche es starke Gewerkschaften, die unter anderem für den Erhalt des Achtstundentags, gerechte Mindestlöhne und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kämpften. „Vielen Dank, dass ich einer von Ihnen sein darf“, so Erdogan zum Schluss seiner Rede, die mehrfach von Applaus unterbrochen wurde. Anschließend besuchte der neue Oberbürgermeister einen Bewohner des „Caritas Altenheim St. Martin“, um sich bei einem Betroffenen über die Probleme alter Menschen in Rosenheim zu informieren. als