Rosenheim – Die Geschichte der Ballettschule Bartosch-Linke beginnt 1956 mit der Balletttänzerin Doris Bartosch, die nach einer vielversprechenden Solokarriere – unterbrochen durch einen schweren Treppensturz – der Bühne den Rücken kehrt und sich der pädagogischen Arbeit zuwendet. Unterstützung erhält sie früh von Konrad Linke, der zunächst als Schüler in die Schule kommt, später als Tänzer und Lehrer zu einer ihrer zentralen Figuren wird. Auch privat verbindet beide bald ein enges Verhältnis und aus Kollegen werden Partner. 1967 erblickt ihr Sohn, Roman Linke, die Welt. Dieser übernimmt 1993 nach einer eigenen erfolgreichen Karriere als Tänzer die Leitung der Ballettschule.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich die Ballettschule zu einem Ort, an dem künstlerische Ausbildung und persönliche Entfaltung eng ineinandergreifen. Generationen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen lernen hier nicht nur die Technik des Tanzes, sondern auch Werte wie Disziplin, Respekt und Teamgeist. Im Vordergrund steht dabei immer eines: die Liebe zur Kunst.
Das Jubiläum zum 70-jährigen Bestehen wird nun mit einem besonderen Höhepunkt gefeiert: einem festlichen Ballettabend im Kultur- und Kongresszentrum Rosenheim am Sonntag, 17. Mai. Im Mittelpunkt steht dabei das Thema „Zeit“. Dass dabei Menschen unterschiedlichster Generationen gemeinsam auf der Bühne stehen, ist mehr als ein künstlerisches Konzept – es ist Ausdruck einer gelebten Haltung. Kinder, Jugendliche und Erwachsene tanzen nebeneinander, die älteste Mitwirkende ist 90 Jahre alt.
Im OVB-Gespräch gibt Roman Linke Einblicke in eine gewachsene Geschichte, die Werte hinter seiner Arbeit und seine anhaltende Leidenschaft für den Tanz.
Die Ballettschule Bartosch-Linke besteht seit 1956 – was ist aus Ihrer Sicht der Kern, der sie bis heute getragen hat?
Der Kern ist die tiefe Liebe und Leidenschaft für das Ballett sowie für den klassischen und modernen Bühnentanz. Diese Begeisterung wurde bereits von meinen Eltern, den Gründern der Schule, gelebt und hat sich ebenso in mir fortgesetzt, als ich die Ballettschule Bartosch-Linke 1993 übernommen habe. Dabei ist uns besonders wichtig, Tradition mit zeitgemäßen Unterrichtsmethoden zu verbinden und uns durch kontinuierliche Fortbildung stets weiterzuentwickeln. Ebenso zentral ist für uns ein familiäres Umfeld, in dem nicht nur der Tanz, sondern vor allem der Mensch im Mittelpunkt steht. Ergänzt wird das durch die Vermittlung von Werten wie Achtsamkeit, Pünktlichkeit und Respekt – gegenüber dem eigenen Tun ebenso wie gegenüber Mitschülerinnen, Mitschülern und Lehrenden.
Sie verstehen Ballettunterricht als Berufung: Was bedeutet dieser Begriff konkret für Ihre tägliche Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen?
Man findet in seinem Tun die Erfüllung! Bereits meine Mutter war Balletttänzerin und ich war Balletttänzer in der Schweiz und beim Bayerischen Staatsballett in München. Es ist stets ein großes Vergnügen, meine Schülerinnen und Schüler in die Welt des Balletts und des Tanzens eintauchen zu lassen, ihnen die Technik zu vermitteln und das Bewusstsein für ihren Körper zu schärfen. Den Wert von künstlerischen Prozessen und Prinzipien wie Genauigkeit, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin, Teamgeist und Achtsamkeit für sich und ein Gegenüber zu erlernen, im Ballettunterricht und im Leben anzuwenden.
Welche pädagogische Philosophie steckt hinter dem Unterricht – was möchten Sie den Schülern über den Tanz hinaus vermitteln?
Die Kleinsten werden spielerisch an die Kunstform Tanz herangeführt. In den als Spiel empfundenen Übungen entdecken sie neue Bewegungsmuster, das Zusammenspiel von Musik, Tanz und Rhythmik. Wir sorgen dem Alter entsprechend für die Lust an harmonischen Bewegungen, fördern körperliche Kraft, Koordination und somit Gesundheit. Mit jeder neuen Jahrgangsstufe fordern wir von Schülerinnen und Schülern ein wenig mehr, zeigen ihnen, an die körperlichen Grenzen zu gehen, diese dabei aber zu respektieren, um sich nicht zu verletzen. Anstrengung lohnt sich! Achtsamkeit, Pünktlichkeit und Respekt sind wichtig. Resilienz bedeutet zu verstehen, dass Korrekturen kein Angriff, sondern Tipps zur Verbesserung sind.
Ihr Angebot reicht von Kinderballett über klassisches Ballett bis zu Jazzdance und zeitgenössischem Tanz – wie unterscheiden sich diese Bereiche und für wen sind sie gedacht?
Wir sind eine private Ballettschule. Wir Lehrenden sind Profis, manchmal besuchen uns Ehemalige, die in Theatern Europas Fuß gefasst haben, und trainieren mit sehr fortgeschrittenen Schülerinnen und Schülern.
Unser Unterricht beginnt für Kinder ab vier Jahren mit der Ballettvorbereitung. Viele Kinder kommen erst im Schulalter, um die „Sprache“ des Balletts zu erlernen. Jugendliche finden Jazzdance oft cooler – dafür gibt es Klassen bei Regina. Auch modernen und zeitgenössischen Tanz unterrichten wir. Ballett ist wie eine Sprache: unterschiedlich zu Jazz oder Modern Dance. Auch in der Profiwelt werden klassische und moderne Formen kombiniert. Wir bieten für alle Altersstufen Einsteigerklassen an. Auch Sie sind eingeladen: Seien Sie mutig und kommen Sie zu einer kostenlosen Probestunde.
Welche Rolle spielen Ihre Aufführungen und Bühnenprojekte für die Entwicklung der Schüler, das kulturelle Leben in Rosenheim und warum sind Ihnen Kooperationen mit Schulen und Projekten wie FitZ so wichtig?
Eine wesentliche Projektarbeit, die in Regelschulen zu wenig angewandt wird, sind Bühnen- und Aufführungsprojekte. Diese benötigen einen langen Zeitraum von mindestens sechs bis neun Monaten und sind für die Schülerinnen und Schüler ein unbeschreibliches Erlebnis. In dieser Zeit lernen sie, in einem Team aufeinander angewiesen zu sein, sich aufeinander verlassen zu können und gemeinsam etwas Großes zu schaffen. Dadurch werden nicht nur künstlerische Fähigkeiten entwickelt, sondern auch wichtige soziale Kompetenzen wie Verantwortung, Disziplin und Teamgeist gestärkt. Gleichzeitig erweitern wir mit unseren Aufführungen das kulturelle Leben in Rosenheim nachhaltig und machen Tanz für ein breiteres Publikum erlebbar. Kooperationen mit Schulen, Projekten wie FitZ und weiteren Partnern sind uns dabei besonders wichtig, weil Ballett häufig fälschlicherweise als elitär angesehen wird – dabei ist Tanz für alle da. Ein gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit der Musikschule Rosenheim im Rahmen eines EU-geförderten Projekts in der ehemaligen Hauptschule Mitte. Der Prozess zeigte eindrucksvoll die Entwicklung: zunächst Ablehnung, dann Neugier, anschließend intensive Arbeit und schließlich ein begeisternder gemeinsamer Abschluss. Solche Projekte beweisen, wie Tanz Menschen unabhängig von Herkunft oder Erfahrung erreichen, verbinden und nachhaltig prägen kann.
Wie erkennen Sie besondere Talente und wie begleiten Sie Schüler, die eine professionelle Tanzlaufbahn anstreben?
Es brennt ein Feuer in ihnen, sie kommen fröhlich und regelmäßig zum Unterricht und gehen glücklich nach Hause. Körperliche Voraussetzungen sind lange, starke Muskulatur, Beweglichkeit, gutes Bewegungsgefühl und Koordination.
Wenn Sie auf die 70 Jahre zurückblicken: Was hat sich verändert? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Die Gesellschaft ist offener geworden. Früher galt Ballett sogar als „Sünde“. Trotzdem wird es oft unterschätzt. Ballett ist eine Kunstform mit starkem sportlichem Aspekt. Professionelle Tänzer leisten höchste körperliche und geistige Leistungen. So hebt ein Tänzer in zwei Stunden zum Beispiel etwa zwei Tonnen Gewicht, durch Hebefiguren mit Partnerinnen. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Bewegung für Kinder sowie Zugang zu Kunst, Musik und Sport. Besonders freue ich mich natürlich, wenn viele den Weg zu uns finden.
Interview: Ilaria Heindrich