Wenn plötzlich alles anders ist: Kafka als emotionale Achterbahnfahrt

von Redaktion

Junges Theater bringt mit „Meine Verwandlung“ eine intensive Solo-Reise über Identität und Selbstentfremdung auf die Bühne

Rosenheim – „Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fühlte ich mich …“ – ja, wie eigentlich? Anders. Fremd im eigenen Körper. Genau hier setzt das Junge Theater Rosenheim mit seiner Inszenierung „Meine Verwandlung“ an – und trifft einen Nerv, der weit über Franz Kafkas berühmte Erzählung hinausgeht.

Ein Gregor Samsa,
der berührt und irritiert

Regisseurin Anna Grude verdichtet den Stoff zu einem 90-minütigen Solostück (inklusive Nachgespräch), das weniger vom literarischen „Ungeziefer“ erzählt als vielmehr von einem Zustand, den viele kennen: der Moment, in dem man sich selbst nicht mehr versteht. Wenn die Stimme plötzlich nicht mehr die eigene ist, der Körper ein Eigenleben führt und die Welt draußen immer lauter, aber nicht verständlicher wird.

Schauspieler Andreas Schwankl trägt diesen Abend nahezu allein – und wie. Mit einer Mischung aus feiner Beobachtung, körperlicher Präsenz und einem Hauch von kontrollierter Verrücktheit gelingt ihm ein Gregor Samsa, der berührt, irritiert und erstaunlich nahbar bleibt.

Man folgt diesem Gregor Samsa durch diese Verunsicherung, dieses tastende Neu-Erfinden – und erkennt sich dabei öfter wieder, als einem lieb ist.

Die Inszenierung arbeitet mit tänzerischen und performativen Elementen, lässt Bewegungen sprechen, wo Worte nicht mehr greifen. Besonders stark: die immer wiederkehrenden Albtraumsequenzen, in denen verschiedene Lebensrealitäten aufscheinen.

Klassiker
ins Heute geholt

Pubertät, Identitätssuche, familiärer Druck – das Stück denkt Kafka weiter, holt ihn ins Heute und macht ihn für ein junges Publikum (ab 14 Jahren) greifbar. Dass auch Schüler aus Rosenheim an der Entwicklung beteiligt waren, verleiht dem Abend zusätzliche Authentizität. Hier wird nicht über junge Menschen gesprochen – hier sprechen sie mit.

„Meine Verwandlung“ ist keine leichte Kost, aber eine lohnende. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu geben. Und die am Ende genau das offenlässt, was vielleicht offenbleiben muss: Wer bin ich – und wer möchte ich sein? Susanne Grun

Letzte Termine:

Artikel 10 von 11