Rosenheim – In den vergangenen sechs Jahren waren Besucher bei den Sitzungen des Rosenheimer Stadtrats eher selten. Umso überraschter muss der ein oder andere Politiker gewesen sein, als er am Mittwochabend im Kultur- und Kongresszentrum ankam. Schon lange vor Sitzungsbeginn hatte sich dort eine lange Schlange gebildet. Freunde, Bekannte, Familienangehörige und neugierige Bürger wollten es sich nicht nehmen lassen, einen Blick auf den neuen Rosenheimer Oberbürgermeister und die neuen Stadträte zu erhaschen und bei deren offizieller Vereidigung dabei zu sein.
Nicht mit so viel
Ansturm gerechnet
„Mit so einem Ansturm haben wir tatsächlich nicht gerechnet“, sagte Erdogan. Mit Anzug und Krawatte stand er am Rednerpult, rechts hinter ihm hatten die führenden Köpfe der Verwaltung Platz genommen. Vor ihm die neuen und alten Stadträte. CSU neben AfD, Freie Wähler/UP und Linke zwischen ÖDP und Grünen. Daneben die SPD.
Erdogan begrüßte die neuen Kollegen, erinnerte sie daran, dass sie die Verschwiegenheitserklärungen ausfüllen müssen. Eine Neuheit, die es so bislang noch nicht gegeben hat. Damit soll, so die Idee, verhindert werden, dass Informationen aus der nichtöffentlichen Sitzung an die Öffentlichkeit gelangen. Nachdem Erdogan auch die Mitglieder der Verwaltung vorgestellt hatte, übergab er das Wort an Dr. Beate Burkl.
Als dienstälteste Stadträtin war es ihre Aufgabe, den neuen Oberbürgermeister zu vereidigen. „Es ist ein besonderer Moment für unsere Stadt, die Demokratie und jeden Einzelnen von uns“, sagte Burkl. Mit dem Wechsel des Oberbürgermeisters beginne eine neue Ära in der Führung der Stadt.
„Es ist ein wirklich historischer Augenblick“, sagte sie. Die Bürger hätten dem neuen Stadtoberhaupt, aber auch den Stadträten, ihr Vertrauen geschenkt, mit der Erwartung, dass sie alle gemeinsam Rosenheim voranbringen – mit Weitsicht, Vernunft und Haltung.
Sie plädierte dafür, nie den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft aus den Augen zu verlieren. Trotz Krisen und tiefgreifender Veränderungen. „Demokratie lebt vom Respekt für das Gegenüber. Auch dann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist“, sagte sie. Ziel müsse es sein, Rosenheim zu verbinden und nicht zu trennen. Es brauche Brücken und keine Mauern. Rosenheim sei eine Stadt mit vielen Potenzialen, mit vielen engagierten Bürgern und starken Unternehmern.
„Die Bürger von Rosenheim haben bei der Kommunalwahl entschieden, Ihnen ihre Stadt anzuvertrauen“, sagte Burkl an Abuzar Erdogan gewandt. Die Menschen würden ihm etwas zumuten, ihm gleichzeitig auch viel zutrauen. „Es ist mir eine persönliche Freude und eine große Ehre, Sie als neuen Oberbürgermeister für unsere gemeinsame Heimatstadt zu vereidigen“, fuhr sie fort.
Anschließend nahm sie Erdogan den Amtseid ab. Es folgte minutenlanger Applaus, dann legte ihm Gertraud Pfaffeneder, Leiterin des Rosenheimer Hauptamts und die Frau, die „alles weiß“, die Amtskette um. Unter den Augen seiner Familie, Freunde und der Bürgermeisterkollegen aus den Nachbargemeinden trat Erdogan erneut ans Rednerpult.
Erdogan begann seine Rede mit seiner persönlichen Geschichte. Er erinnerte daran, dass seine Eltern als Einwanderer der ersten Generation nach Deutschland gekommen sind. Seine Mutter vor fast 50 Jahren als Kind eines Gastarbeiters, sein Vater einige Jahre später. Erst lebten sie in Oberfranken, später verschlug es sie nach Rosenheim. Dort bauten sie sich ein Leben auf.
„Diese Geschichte zeigt, dass man es mit harter Arbeit, Fleiß und vielleicht auch ein bisschen Glück schaffen kann, Oberbürgermeister einer Stadt zu werden“, sagte Erdogan. Es sei ein schönes Signal und etwas, das Mut mache. Vor allem jungen Menschen, die möglicherweise das Gefühl haben, dass sie ausgegrenzt sind oder diskriminiert werden. „Wenn man ein starkes Umfeld und eine Zivilgesellschaft hat, die funktioniert, gibt es keine Barrieren. Das erkennt man an meiner Geschichte“, ergänzte Erdogan.
Es folgte eine Erinnerung daran, was es bedeutet, in einer Demokratie zu leben. „Demokraten demütigen nicht. Demokraten haben den Mut, zu dienen. Sie würdigen einander trotz unterschiedlicher Positionen und Meinungen“, sagte er. Er nutzte die Gelegenheit, sich bei seinem Vorgänger Andreas März und allen ausgeschiedenen Stadträten zu bedanken.
Anschließend folgte eine Rede, in der neben dem deutschen Ökonomen Otto Scharmer auch der Philosoph Jürgen Habermas, der Soziologe Max Weber, der Theologe Hans-Joachim Sander sowie die politische Publizistin Hannah Arendt zitiert wurden. Es ging um Kommunikation, Respekt und Wertschätzung untereinander und um den Appell, sich nicht von der Bürokratie beherrschen zu lassen und die Bürger der Stadt aus den Augen zu verlieren. Etwas, wovon man in Rosenheim „Gott sei Dank weit entfernt ist“.
In den kommenden sechs Jahren werde es viele Herausforderungen geben. Viele Bretter, die es zu bohren gilt. Es sei in Ordnung, ungeduldig zu sein. Auch mal miteinander zu streiten. Wichtig sei es, das Ziel und die Vision nicht aus den Augen zu verlieren. Trotz der Hürden, trotz der Schwierigkeiten. Den Auswirkungen des Klimawandels, den immer geringer werdenden finanziellen Mitteln, dem demografischen Wandel und der gesellschaftlichen Schere zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, die immer weiter auseinanderklafft.
Mehrheiten müssen gefunden werden. Es brauche eine transparente Kommunikation. Ein Miteinander der jungen und erfahrenen Stadträte. Über die Parteigrenzen hinweg. Immer mit Blick in die Zukunft. Darauf, dass Rosenheim ein Ort bleibt, an dem ältere Menschen in Würde leben und alt werden dürfen. An dem junge Menschen und Familien bezahlbaren Wohnraum und eine berufliche Zukunft finden.
Rosenheim sei der Ort, an dem junge Menschen an Schule und Hochschule bestmögliche Bildung erhalten. An dem politische Funktionsträger Solidarität vorleben und ermöglichen, dass bürgerschaftliches Engagement gelebt werden kann.
Es gehe ihm nicht darum, utopische Vorstellungen zu entwickeln, sondern wirkliche Möglichkeiten zu sehen und zu ergreifen. Technologie, Bildung, Dienstleistung und Tourismus müssten auch weiterhin gefördert werden. Firmen und Unternehmen dazu gebracht werden, in der Stadt zu bleiben oder sich dort anzusiedeln. „Rosenheim liegt in mehrfacher Hinsicht nicht nur geografisch günstig, sondern ist auch mit der Ressource Bildung, Forschung und Entwicklung ausgestattet: Es gilt, diese Gunst zu nutzen und beim Schopf zu packen“, so Erdogan.
Gemeinsam
Amtseid geleistet
Damit endete seine fast 15-minütige Rede. Im Anschluss holte Erdogan die neuen Stadträte nach vorn. Bernhard Boneberg, Christopher Ehrenböck, Thomas Frank, Johann Hechtenthaler, Florian Hofmann, Brigitte Klein-Weigel, Martina Kranich, Maximilian Leucht, Madlen Löffler, Matthias Menold, Andrea Michael, Benedikt Mirwald, Marcus Moga, Reka Molnar, Hannah Rohs und Jonah Werner versammelten sich vor der Bühne. Gemeinsam sprachen sie den Amtseid, bevor auch sie offiziell ihr neues Amt antraten.
Damit beginnt jetzt ganz offiziell die neue Legislaturperiode des neuen Rosenheimer Stadtrats und des neuen Oberbürgermeisters. Herausforderungen gibt es einige. Die ersten sollen in der Sitzung des Stadtrats am Dienstag, 12. Mai, im großen Sitzungssaal des Rathauses angegangen werden.