Rosenheim – Es gibt nur wenige Dinge, die Abuzar Erdogan aus der Ruhe bringen. Und doch gab es da diesen einen Moment, kurz vor seinem Amtsantritt, bei dem er aufgeregt war. So richtig. „So habe ich ihn tatsächlich noch nie erlebt“, sagt Lorenz Stiglauer, Geschäftsführer der Flötzinger Brauerei. Grund war ein spontaner Bieranstich beim Gasthaus Stockhammer.
Der Max-Josefs-Platz war aufgrund der zeitgleich stattfindenden Wirtshaus-Roas gut gefüllt, Zuschauer gab es einige. „Ich habe noch nie in meinem Leben ein Fass angezapft“, sagt Erdogan. Zeit zum Üben blieb nicht. Stiglauer habe ihm noch einige kurze Anweisungen mit auf den Weg gegeben, dann sei ihm bereits der Holzschlegel in die Hand gedrückt worden. „Es hat dann zum Glück auf Anhieb funktioniert“, sagt er. Vier Schläge brauchte er. Beim Herbstfest sollen es weniger sein.
Im Büro fehlt
noch der eigene Stil
Erdogan sitzt in seinem neuen Büro im Rathaus. Die Einrichtung hat er von seinem Vorgänger Andreas März übernommen. Die New-York-Bilder. Die Pflanzen. Sie haben für ihn keine Bedeutung. In den kommenden Wochen soll sich das ändern. „Das Büro wird oft genutzt, um Leute zu empfangen oder Besprechungen durchzuführen. Ich glaube, da ist es wichtig, seinen eigenen Stil reinzubringen“, sagt er. So will er auch das Amt prägen. Ein wichtiger Punkt dabei: die sozialen Medien. In den vergangenen Tagen hat er immer wieder kleine Videos gepostet. Er gibt einen Einblick in seine Arbeit, berichtet darüber, worüber derzeit im Rathaus diskutiert wird. Gelegentlich postet er auch ein privates Bild, wie kürzlich von seinem Radlausflug.
Denn Zeit für seine Hobbys will er sich auch weiterhin nehmen. „Ich bin jemand, der in der Region sehr gut entspannen und hier Ruhe finden kann“, sagt er. Gleichzeitig sei er auch jemand, der gerne verreist. Neues erlebt. Dinge entdeckt. „Das wird in Zukunft natürlich schwieriger“, sagt er. Aber auch Oberbürgermeister hätten mal Urlaub. In den Sommerferien. Zwischen den Jahren. An einem verlängerten Wochenende.
Und doch hat Erdogan sich bisher noch keine Gedanken über seinen Urlaub gemacht. Zum einen, weil er erst seit einigen Tagen im Amt ist. Zum anderen, weil er schon immer jemand war, der gerne und viel gearbeitet hat. Er braucht den Druck, das hohe Arbeitspensum, den vollen Terminkalender. „Es war mir schon immer wichtig, Ziele zu haben, diese nicht aus den Augen zu verlieren und mich daran zu messen“, sagt er.
Das Schaffen von Wohnraum sei so ein Ziel. Die Belebung der Innenstadt. Verkehrspolitische Themen. Mehr Orte für junge Menschen zu schaffen, die zum Verweilen einladen, auch zu später Stunde. In Sachen Oberbahnamt will er aktiv werden. „Da laufen bereits die Gespräche. Erste Ideen gibt es auch schon“, verrät er.
Es sind diese ersten Wochen, die er nutzen will, um zu zeigen, dass etwas vorwärtsgeht. Dass er seine Versprechen, die er während des Wahlkampfs gemacht hat, halten will. Jedenfalls dann, wenn der Stadtrat mitspielt. „Eine Anfangszeit bringt immer auch eine riesengroße Chance mit sich“, sagt er. Er will Änderungen anstoßen. Trotzdem eine Balance finden. Zwischen Innovation und Beständigkeit. Zwischen Veränderung und Verlässlichkeit.
Einfach wird das nicht. Auch das weiß Abuzar Erdogan. Eben weil er jemand ist, der am liebsten alles sofort umsetzen möchte. Der für jedes Problem sofort eine Lösung finden will. Der auch manchmal ungeduldig wird, wenn nicht alles so klappt, wie er sich das vorstellt. Es sei keine Schwäche, vielmehr etwas, an dem er arbeiten kann und will. „Ich habe gelernt, dass es manchmal hilft, Themen liegen zu lassen und später darüber zu entscheiden“, sagt er.
In den vergangenen Tagen habe er viele Gespräche geführt. Er hat zugehört. Sich einen Überblick über den Ist-Zustand verschafft. Er hat Hände geschüttelt. Für Fotos posiert. Er war auf dem Maibaum-Fest in Aising, hat eine Rede vor etlichen Leuten beim Deutschen Gewerkschaftsbund in Rosenheim gehalten. Er war im Altenheim, hat mit Kindern aus dem Kinderheim Eis gegessen und hat seine Rede für die konstituierende Sitzung vorbereitet.
Er hat viel telefoniert, noch mehr E-Mails geschrieben und einige Interviews geführt. Er hat sich mit Stadträten ausgetauscht, mit Dezernenten und Mitarbeitern der Verwaltung. Und er hat den neuen Skatepark im E-Garten eingeweiht. Der Terminkalender ist voll, an manchen Tagen sitzt er bis 22 Uhr im Büro, an anderen nimmt er sich Arbeit mit nach Hause. „Es war ein guter Start“, sagt er. Auch wegen seiner neuen Kollegen. Die ihn unterstützen, wo sie nur können. Das schätzt er.
Viele Themen, die in den vergangenen Tagen in seinem Büro diskutiert wurden, kennt er. Sein Jura-Studium und seine Erfahrungen als Anwalt und in einer Genossenschaftsbank erleichtern ihm vieles. „Es gibt kaum Verträge, die ich im Rahmen meiner Banktätigkeit nicht geprüft habe, oder Immobilienfragen, mit denen ich mich nicht beschäftigt habe“, sagt Erdogan. Seine langjährige Stadtratserfahrung helfe ihm dabei, Dinge einzuordnen. Es läuft gut. Er fühlt sich wohl. Beides betont er immer wieder im Gespräch.
„Meine Mama schimpft
mich immer noch …“
Freunde, Familie und Bekannte würden ihn nicht anders behandeln als vor der Wahl. „Meine Mama schimpft immer noch mit mir, wenn ich nicht pünktlich bin oder Termine versäume“, sagt Erdogan und lacht. Ein kurzer Blick aufs Handy. Ein Stück Schokolade. Dann erzählt er weiter. Davon, dass sein Alter bisher überhaupt keine Rolle gespielt hat. Und das, obwohl er mit seinen 33 Jahren ein sehr junger Oberbürgermeister ist. „Ich habe mein Alter bisher noch nicht als Hindernis empfunden. Es ist vielmehr eine Chance.“
Und diese Chance will er nutzen. In den kommenden sechs Jahren. Vielleicht auch länger. Auch darüber macht sich Erdogan bislang noch keine Gedanken. Er lebt im Hier und Jetzt. Viele feiern ihn dafür. Aber es gibt auch Kritik. In den sozialen Medien wird er beispielsweise dafür kritisiert, wie er seinen eigenen Nachnamen ausspricht. Er nimmt es gelassen.
Es ist das vielleicht einzige Negative, was Abuzar Erdogan über seinen Amtsantritt bislang sagen kann. Er genießt es, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Neue Kontakte zu knüpfen und sich in Themen einzuarbeiten. Der neue Oberbürgermeister der Stadt Rosenheim zu sein. Aus der Ruhe bringt ihn all das nicht.