Rosenheim feiert Ballett-Kunst mit Standing Ovations

von Redaktion

Seit 70 Jahren gibt es die Ballettschule Bartosch-Linke in Rosenheim. Das wurde nun im Kuko mit einem vielseitigen Bühnenprogramm gefeiert, das zahlreiche Höhepunkte und einen ganz besonderen Auftritt zu bieten hatte.

Rosenheim – Ballett sei eine „stille Kunst“, so leitete der Tänzer und Choreograf Roman Linke am vergangenen Sonntag die Jubiläumsfeier seiner eigenen Ballettschule im Kuko ein. Bereits seit 70 Jahren gibt es die Ballettschule Bartosch-Linke in der Stadt. Im Frühjahr 1956 gründete seine Mutter Doris Bartosch die Schule in einem Raum am Ludwigsplatz. Sie war ausgebildete Bühnentänzerin und ursprünglich als Erste Solistin in Regensburg vorgesehen, doch ein Treppensturz änderte ihre Karriere.

Seit 2005 ist die Schule nun im Künstlerhof untergebracht und erfreut sich eines riesigen Zuspruchs, wie das voll besetzte Kultur- und Kongresszentrum am Sonntag bewies.

Poetisch anmutende
Choreografien

Die Tanzausbilder der Schule, namentlich Roman Linke, Regina Semmler, Kristina Perl und Johanna Ruhsamer brachten durchweg eigene Choreografien auf die Bühne, stilvoll und originell illuminiert und mit Hintergrundvideos in Szene gesetzt. Für den „roten Faden“ sorgten die Clowns Emmeran Heringer und Dagmar Wagner und brachten den roten Faden auch gleich physisch mit, es gab von Beginn an einiges zu lachen.

Die ganz jungen Balletttänzerinnen machten den Anfang: „Sternenstaub“ hieß die poetisch anmutende Choreografie, zu der ein Septett schon sehr gut abgestimmte Tanzmuster zauberte. Darauf folgte „Sonne, Mars und Erde“ als Hommage an die Planeten, nicht nur tänzerisch, sondern auch farbenfroh – ein sich bewegendes Gemälde, filigran und gekonnt getanzt von einem jugendlichen Trio.

In Rosenheim darf natürlich das Element Wasser nicht fehlen. Dieses setzten wiederum fünf junge Tänzerinnen in „Blau“ um, elegant mit Tüchern umgehend, was dann viele „Frösche“ auf den Plan rief. Gequake und teich-typische Bewegungen gerieten sehr sympathisch, und wie im Märchen gesellten sich noch „Prinzessinnen“ mit dazu, im Zusammenspiel ästhetisch und dynamisch zugleich.

Regina Semmlers Choreografie „Coppelius“ tanzte Stefan Sassenrath. Die Figur aus dem „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann ist ein dämonischer Alchemist, im Ballett von Leo Delibes ein kauziger Erfinder und Werkzeugmacher. Auf der Bühne des Kuko zieht Coppelius eine Spieluhr auf, aus der tanzende Figuren entspringen, die wiederum von den „Spitze-Schwänchen“ abgelöst wurden. Mit vielen optischen und akustischen Eindrücken ging es in die Pause.

Im zweiten Teil kamen dann die älteren Kinder, die Jugendlichen und die Erwachsenen in weiteren Choreografien zur Geltung: Geister, die eigentlich Pläne schmiedeten, andere zu erschrecken, fielen selbst vor Schreck in Ohnmacht, als ein fremder Geist vorbeizog. Schläfrige Tänzerinnen begaben sich schlurfend zur Nachtruhe, um nichts weniger als ein getanztes Feuerwerk an „Traum“-Erlebnissen zu entzünden.

Aus diesen nächtlichen Situationen ging es wieder zurück in den helllichten Tag: Auf eine höchst anmutige „Blumenwiese“ folgte eine wunderbar gespielte Wartesituation an einer „Bushaltestelle“. Ein „Pas de trois“ erwies sich als kraftvoller und leidenschaftlicher Beziehungstango à la „Ménage-à-trois“, der mit Zwischenapplaus belohnt wurde, und die Tänzerinnen im „Urlaub“ versprühten sommerliche Leichtigkeit.

Eleganz und Grazie
in hohem Alter

Weiter mit diesem atemberaubenden Kaleidoskop an Themen und Ideen zum Titel des Jubiläums – „Kinder, wie die Zeit vergeht“ – ging es mit den „Erinnerungen“: Sie lieferten einen elegischen Einblick in die Entwicklungsstufen von Ballettschülerinnen und Ballettschülern von den ersten entzückenden Ballett-Tippelschritten bis zum bravourösen Spitzentanz.

Bevor es mit einem meisterlichen „Mutter-Tochter“-Quartett, einer spektakulären „Mensch-Maschine“-Vision und einem sensationellen „Aufbruch“ in ein Finale ging, das sich gewaschen hat, durften die Zuschauer noch Zeugen eines sensationellen „Leichtsinns“ in der Choreografie von Regina Semmler werden: Roman Linke höchstpersönlich geleitete galant die beiden derzeit ältesten Ballettschülerinnen seiner Schule auf die Bühne: Ingrid Jaeschke und Katrin Schwarzer. 177 Jahre alt seien die beiden zusammen. Das dürfe man gerne einmal durch zwei teilen, gab er dem Publikum noch mit auf den Weg, bevor er die Bühne für die zwei Tänzerinnen freigab. Sie entzückten und verblüfften mit Eleganz, Grazie, Ausdruck und schelmischem Hüftschwung. Das Publikum honorierte diese Ausnahmeleistung mit einem Extra-Applaus.

Strahlend standen sie im triumphalen Schlussapplaus mit Standing Ovations zwischen all ihren jüngeren Mittänzerinnen und Mittänzern, die allesamt eines ablieferten: eine Glanzleistung. Ballett. so zeigte sich, ist auf gar keinen Fall still, es ist höchst kommunikativ und gemeinschaftsbildend. Ein Glück für Rosenheim, dass es diese Kunstsparte hier gibt.

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