Rosenheim – Bedrohte Alpenpflanzen als Bühnenfiguren: Mit ihrem Projekt „Archiv seltener Arten“ schaffen die Schriftstellerin und Klangkünstlerin Elisabeth R. Hager und der Botaniker und Zithervirtuose Martin Mallaun eine einzigartige Performance. Begleitet werden sie dabei vom Linzer Elektronikmusiker und Schlagzeuger Richard Eigner. In humorvollen, skurrilen und zugleich berührenden Mini-Monologen kommen seltene Pflanzen selbst zu Wort und erzählen vom Überleben am Rand des Verschwindens.
Am Samstag, 30. Mai, ist die multimediale Hörspiel-Liveperformance um 11 Uhr am Salzstadel zu erleben. Im OVB-Interview spricht Elisabeth R. Hager über die Idee hinter dem Projekt, ihre Verbindung zur Natur und darüber, warum Humor manchmal mehr bewirken kann als reine Kritik.
Wie entstand die Idee zum „Archiv seltener Arten“?
Mich beschäftigt der Klimawandel wie eigentlich alle Menschen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass viele künstlerische Arbeiten zu diesem Thema sehr schwer und bedrückend sind. Das Artensterben macht sofort betroffen – und oft auch hilflos. Ich wollte deshalb einen anderen Zugang finden: einen, der die Menschen nicht abschreckt, sondern neugierig macht. Darum habe ich den Fokus direkt auf die Pflanzen gelegt. Ich wollte erzählen, welche Arten bedroht sind, wodurch sie bedroht werden und wie spannend sie eigentlich sind. Die Dramolette sprechen gewissermaßen aus der Perspektive der Pflanzen heraus. So entsteht Empathie – aber ohne moralischen Zeigefinger. Mir war wichtig, mit Humor und einer positiven Grundhaltung zu arbeiten. Denn ich habe gemerkt: Reine Kritik bringt Menschen oft nicht ins Handeln.
Woher kommt Ihre Verbindung zum Thema Natur- und Artenschutz?
Ich bin auf einem Bergbauernhof in Tirol aufgewachsen – mit steilen Hängen und unglaublicher Blütenvielfalt. Über die Jahre habe ich beobachtet, wie sich diese Landschaft verändert hat. Ich habe lange in Berlin gelebt und wohne inzwischen in Stephanskirchen, aber diese Kindheit in den Bergen hat mich stark geprägt.
In Ihrem Projekt arbeiten Sie unter anderem mit Martin Mallaun zusammen. Was schätzen Sie an dieser Kollaboration?
Martin Mallaun ist nicht nur einer der besten Zitherspieler der Welt, sondern auch Botaniker. Bei unseren Treffen ging es immer wieder um Kunst – aber auch um das Artensterben, mit dem er sich wissenschaftlich beschäftigt.
Er war für das Projekt unglaublich wichtig, weil er mir die Pflanzen und ihre Besonderheiten erklärt hat – wie sie leben, wie sie sich vermehren und warum sie bedroht sind. Jede Pflanze hatte plötzlich ihre eigene, wissenschaftlich fundierte Geschichte.
Zum Beispiel das Sauters Felsenblümchen: Es duldet keine Konkurrenzpflanzen und zieht sich deshalb immer weiter in höhere Lagen zurück. Durch den Klimawandel wachsen andere Pflanzen jedoch hinterher – das Felsenblümchen flieht gewissermaßen in sein eigenes Aussterben hinein.
Daraus entstand dann die Idee, die Pflanze als Figur auf die Bühne zu bringen. In meinem Dramolett liegt das Felsenblümchen beim Psychologen und spricht darüber, warum es ständig davonläuft. So entstehen humorvolle Szenen, die gleichzeitig etwas Trauriges und Berührendes haben.
Zudem unterstützt mich mit Richard Eigner ein weiterer toller Musiker, was mich wirklich sehr freut.
Was wünschen Sie sich, dass das Publikum aus der Aufführung mitnehmen soll?
Ich wünsche mir vor allem Aufmerksamkeit und Neugier für die Pflanzenwelt. Für mich war selbst überraschend, wie spannend Pflanzen eigentlich sind.
Die Aufführung soll Menschen nicht lähmen, sondern aktivieren. Es geht darum zu zeigen, wie viel Handlungsspielraum wir noch haben und dass wir uns um das, was noch existiert, mit mehr Energie kümmern müssen. Vielleicht beginnt das mit einer Kräuterwanderung, vielleicht mit politischem Engagement oder einfach damit, die Natur bewusster wahrzunehmen.
Und natürlich wünsche ich mir auch, dass die Menschen das Kunstwerk als Erlebnis mitnehmen – etwas, das sie bewegt, überrascht und im Kopf bleibt.
Mir ist es zudem wichtig zu erwähnen, dass es sich bei unserer Performance nicht um ein klassisches Konzert handelt, sondern eher um eine Hörspiel-Liveperformance mit kabarettistischen Momenten. Das Publikum erlebt also ein sehr umfassendes, multimediales Format.Ilaria Heindrich