Die Brücken der Mangfall

von Redaktion

Rosenheimer Zeitsprünge Wunder der Baukunst unter ständiger Bedrohung durch Hochwasser

Rosenheim – „Rosenheimer Zeitsprünge“ heißt die einmal wöchentlich erscheinende Serie der OVB-Heimatzeitungen, von OVB online und der 24er-Portale. Was darf der Leser beziehungsweise User von der Serie erwarten? Auf alle Fälle tolle Bilder aus den letzten Jahrzehnten, die sich mit einem Vorher/Nachher-Schieberegler in die Gegenwart verwandeln und mit einem Klick auch vergrößern lassen.

Die „Mangfallkurve“ ist in ganz Eishockey-Deutschland berühmt. Die „Grüne Wand” steht für eine Top-Stimmung, für Begeisterung und bedingungslose Unterstützung des StarbullsTeams. Aber warum Mangfallkurve? Der Name stammt von der Mangfall, dem Fluss, der unweit vom Stadion vorbeifließt und nach ein paar hundert Metern in den Inn mündet. Die Mangfall prägte die Stadtgeschichte von Rosenheim, die industrielle Entwicklung und den Hochwasserschutz der Stadt.

58 Kilometer vom
Tegernsee bis zum Inn

Die Mangfall entspringt am Tegernsee und mündet nach rund 58 Kilometern in den Inn. Der Name leitet sich historisch von „die Mannigfaltige“ ab, was auf den gewundenen Flusslauf und die vielen Gesichter des Gewässers zurückgeht. Die Mangfall wurde früher zum Holztransport und als Energiequelle genutzt – besonders für die Saline und spätere Fabriken entlang der Kanäle.

In Rosenheim selbst gibt es mehrere markante Übergänge über die Mangfall – manche eher unscheinbar, andere mit spannender Geschichte. Vor wenigen Jahren kam die Aicherparkbrücke dazu, die während des Baus der Westtangente/B15 entstand. Sie überspannt die Mangfall, den Mangfallkanal, Straßen, Parkflächen und Bahnlinien mit einer Gesamtlänge von etwa 670 Metern. Die Aicherparkbrücke gilt als längste Brücke im bayerischen Staats- und Bundesstraßennetz.

Für den Autoverkehr gibt es in Rosenheim noch fünf weitere Brücken (Äußere Münchener Straße, Mangfallstraße, Kufsteiner Straße, Rathausstraße und Innstraße). Dazu kommt eine Eisenbahnbrücke und außerdem gibt es vier Brücken für Fußgänger und Radfahrer. Eine davon ist eine ehemalige Eisenbahnbrücke bei der Innstraße.

Besonders geschichtsträchtig ist die frühere Brücke an der heutigen Innstraße. Dort stand ursprünglich eine schmale Holzbrücke, die immer wieder Probleme verursachte: Hochwasser staute sich auf, Kies sammelte sich an den Pfeilern, und der Verkehr wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts einfach zu viel. Deshalb wurde sie 1899 durch eine moderne eiserne Bogenbrücke ohne Mittelpfeiler ersetzt. Das war damals technisch ziemlich fortschrittlich.

Heute erinnert man sich daran auch deshalb gern, weil sich dort das alte Rosenheim mit Brauereien, Fuhrwerken und den frühen Handelswegen konzentrierte. Hinter der damaligen Brücke lag der historische „Pruttinger Hof“. 1975 wurde die Bogenbrücke abgerissen und durch eine neue, viel breitere Brücke ersetzt.

Die Mangfall
als Industriefluss

Viele vergessen heute, wie industrialisiert die Mangfall früher war. Über Kanäle und Ausleitungen wurden Mühlen, Papierfabriken und später Elektrizitätswerke betrieben. Besonders der Mangfallkanal war für die wirtschaftliche Entwicklung Rosenheims wichtig. Ohne die Wasserkraft der Mangfall wäre Rosenheim vermutlich viel kleiner geblieben. Interessant ist auch, wie stark die Mangfall heute als Freizeitort wahrgenommen wird. Durch die Landesgartenschau 2010 wurden viele Zugänge zum Wasser geschaffen, neue Fuß- und Radwegbrücken gebaut und Uferbereiche geöffnet. Rosenheim hat den Fluss dadurch gewissermaßen „zurückbekommen“.

Wenn man der Mangfall durch Rosenheim folgt, merkt man schnell: Jede Brücke gehört zu einem anderen „Kapitel“ der Stadt. Die Innstraßen-Brücke ist historisch die bedeutendste Stelle. Hier verlief früher eine wichtige Verbindung Richtung Inn und Tirol. Die alte Holzbrücke war ständig vom Hochwasser bedroht. Die Brücke war nicht nur Verkehrsweg, sondern auch ein sozialer Treffpunkt. Händler, Salzfuhrwerke, Bauern und später Radfahrer und Spaziergänger begegneten sich dort.

Die Brücken beim Mangfallpark sind heute eher ruhig und grün – früher war das ein Arbeitsgebiet mit Kanälen, Gewerbe und Wassertechnik. Viele kleinere Übergänge dort dienten ursprünglich nicht dem Stadtverkehr, sondern führten zu Fabriken und Mühlen. Anlässlich der Landesgartenschau entstanden moderne Fuß- und Radwegbrücken. Die Eisenbahnbrücke hinter dem Fußballplatz des TSV 1860 Rosenheim wirkte eher unspektakulär, war aber historisch enorm wichtig. Ohne die Bahn durch das Mangfalltal hätte Rosenheim nie diese Bedeutung als Verkehrsknoten entwickelt.

Die Mangfall war für Rosenheim immer auch Bedrohung. Hochwasser war früher der „Brückenfeind“ schlechthin. Die Mangfall war jahrhundertelang unberechenbar. Damals waren Hochwasser nicht selten, sondern eher ein wiederkehrender Teil des Lebens.

Besonders problematisch waren angeschwemmtes Holz, Kiesbänke, Eisstöße im Winter und plötzliches Schmelzwasser aus den Alpen. Viele ältere Holzbrücken hielten deshalb nicht lange. Es wird erzählt, dass Bürger bei starkem Hochwasser nachts hinausliefen, um verkeilte Baumstämme von Brückenpfeilern zu lösen, damit die Brücke nicht weggerissen wurde. Nach schweren Überschwemmungen hieß es: „Die Mangfall holt sich zurück, was ihr gehört.“

Holzbrücken dem Wasser
nicht mehr gewachsen

Das Hochwasser von 1899 war der Wendepunkt für die Brücken. Ende des 19. Jahrhunderts wurde klar: Die alten Holzbrücken waren der Mangfall nicht mehr gewachsen. Das Hochwasser von 1899 war nicht das größte der Stadtgeschichte, aber eines der folgenreichsten.

Kurz darauf entstand die neue eiserne Bogenbrücke an der Innstraße – ohne störende Pfeiler im Fluss. Für Rosenheim war das ein Symbol von Fortschritt und technischer Moderne.

Erst im 20. Jahrhundert wurde die Mangfall stärker reguliert. Die Ufer wurden befestigt, Kanäle wurden gebaut und die Brücken wurden höher konstruiert. Trotzdem kam es zum Hochwasser 2013, das sich eingeprägt hat: Rosenheim und Kolbermoor wurden massiv getroffen, Schäden in Höhe von rund 200 Millionen Euro entstanden.

Im Winter oder bei Hochwasser hat die Mangfall eine vollkommen andere Atmosphäre: laut, schnell, dunkelgrün, manchmal fast wild. Viele Rosenheimer gehen gerade dann bewusst zu den Brücken, um den Wasserstand zu beobachten – das hat fast schon Tradition. Beim Hochwasser von 1954 standen die Menschen auf den Brücken und beobachteten das Wasser, obwohl Polizei und Feuerwehr versuchten, die Bereiche zu sperren. Damals war Hochwasserbeobachtung fast ein gesellschaftliches Ereignis: Man ging „zur Mangfall schauen“.

Ältere Rosenheimer vergleichen dann oft mit früheren Hochwassern: „2013 war höher.“ „1954 war schlimmer.“ „So braun war das Wasser damals auch.“

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