Rosenheim – Einen einfachen Start ins Leben hatte die kleine Florentina nicht. Sie kam deutlich zu früh auf die Welt und wurde kurz nach der Geburt für tot erklärt. Davon beeindrucken lässt sie sich nicht. Ruhig liegt sie in den Armen ihres Papas. Schläft. Nur gelegentlich öffnet sie die kleinen Augen. Über die Nase wurde ihr eine Magensonde gelegt. Hin und wieder piepst ein Monitor, der Atmung und Herzschlag überwacht und mit dem sie über mehrere Kabel verbunden ist.
„Es war keine
einfache Zeit“
„Es war keine einfache Zeit“, sagt Mutter Marlene. Um zu verstehen, was sie damit meint, muss man einen Blick auf die vergangenen Monate werfen. Sie und ihr Mann Christopher träumten immer von drei Kindern. Eine richtige Gruppe sollte es sein. Zwei Buben waren schon da. Ein drittes Kind fehlte noch. Im August 2025 dann die freudige Botschaft: Sie ist erneut schwanger.
„Die Schwangerschaft war von Anfang an schwierig“, erinnert sich Marlene. Sie erzählt von Komplikationen, zahlreichen Besuchen bei ihrem Gynäkologen. Die ersten drei Monate seien hart gewesen. „Wir haben gehofft, dass es danach einfacher wird“, sagt sie. Stattdessen wird es schlimmer. Im Oktober wacht sie mit starken Bauchschmerzen auf. Sie trinkt ihren Kaffee. Frühstückt. Hofft, dass die Schmerzen von allein wieder weggehen. Schließlich schreibt sie ihrer Hebamme. Als Blutungen und Wehen einsetzen, macht sie sich auf den Weg ins RomedKlinikum. Zu diesem Zeitpunkt ist die junge Frau in der 19. Schwangerschaftswoche. „Die Gynäkologin hat uns dann gesagt, dass es dem Kind gut geht, aber die Rahmenbedingungen schlecht sind“, erinnert sich Marlene. Man habe ihr geraten, sich stationär aufnehmen zu lassen, sich ins Bett zu legen und zu hoffen, dass die Wehen wieder aufhören. „Zu dieser Zeit können die Ärzte noch nichts für das Kind tun. Sie schützen die Mutter. Wäre also Gefahr in Verzug, müsste die Schwangerschaft schlimmstenfalls beendet werden“, sagt Christopher. Für die beiden Eltern bricht eine Welt zusammen. Auch, weil sie sich ihre dritte Schwangerschaft eigentlich anders vorgestellt hatten. Sie machen einander Mut. Hoffen auf ein Wunder.
„Uns wurde gesagt, dass wir fünf Wochen durchhalten müssen, bis man das Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringen könnte“, sagt Marlene. Jeden Tag bekommt sie Besuch von Freunden, Familie, ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Trotzdem ist der Kummer groß. Sie weint viel. „Es war wirklich schwierig für mich“, sagt sie.
Und trotzdem sind da auch die kleinen Lichtmomente. Die Ärzte und die Pflegefachkräfte, die sich rund um die Uhr um sie kümmern. Die Familienlotsen, die sie von Anfang an begleiten. Ihr zuhören. Versuchen, sie zu unterstützen, wo es nur geht. In den zahlreichen Untersuchungen wird ihr immer wieder bestätigt, dass ihr Baby weiterhin gesund ist und sich normal entwickelt. „Das hat uns viel Hoffnung gegeben“, sagt Christopher.
Ziel sei es gewesen, bis zur 23. Schwangerschaftswoche durchzuhalten. „Ab dann ist ein Kind lebensfähig“, sagt Marlene. Mit Mühe und Not schafft sie es. Am selben Tag stehen Oberärzte der Gynäkologie und Neonatologen bei ihr im Zimmer und klären sie über das weitere Vorgehen auf. Eben für den Fall, dass sich die Situation weiter verschlechtern sollte. „Sie ist dann immer weiter ins Becken gerutscht“, erinnert sich Marlene. Kortison wird gespritzt, um die Entwicklung der Lungen ihres Babys zu beschleunigen. Dadurch, so die Hoffnung, soll das Frühchen nach der Geburt besser atmen können. Am darauffolgenden Freitag setzen abends die Wehen ein. Spätestens dann sei klar gewesen, dass eine Geburt nicht länger hinausgezögert werden kann. Marlene wird in den OP-Saal geschoben. Dort sei bereits alles für den Kaiserschnitt vorbereitet gewesen. „Im Kreißsaal war es dann sehr dramatisch“, sagt Christopher. Alles sei sehr schnell gegangen. Zum Kaiserschnitt sei es gar nicht mehr gekommen. „Ihr Kopf war zu diesem Zeitpunkt schon rausgerutscht“, sagt Marlene. Ab diesem Moment beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. „Das Herz hat nicht geschlagen“, sagt Marlene. Sie habe gebangt, auf einmal habe sie die Nachricht erhalten, dass es ihr Baby nicht geschafft hat. „Niemand im OP-Saal konnte es fassen“, sagte Christopher. Er sei am Boden zerstört gewesen. Fassungslos.
Was zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Während die Eltern trauern, versucht ein Team mit drei Ärzten, Chefarzt und Intensivkrankenpflege, das kleine Mädchen wiederzubeleben. Zwei Minuten vergehen, dann drei. Plötzlich die ersten Lebenszeichen. Florentina wird beatmet, direkt auf die Intensivstation gebracht. „Auf einmal hieß es, dass es doch einen Herzschlag gibt und sie offensichtlich wieder lebt“, sagt Christopher. Innerhalb von Sekunden habe sich die Stimmung im OP-Saal gedreht. „Von weiter unten kann man in so einem Moment gar nicht hochkommen“, fügt er hinzu.
Florentina passt zu diesem Zeitpunkt genau in eine Hand. Sie wiegt 400 Gramm, ist gerade einmal 26 Zentimeter groß. Zurück auf ihrem Zimmer werden den frisch gebackenen Eltern die nächsten Schritte erklärt. Fast stündlich werden sie auf den neusten Stand gebracht. In der Nacht dürfen sie ihr Kind zum ersten Mal besuchen. „Ich hab sie am Anfang gar nicht gesehen, weil sie in so viele Tücher eingepackt war“, sagt Marlene. Sie habe in einem Inkubator gelegen, mit zahlreichen Zugängen und einer Plastikfolie um den gesamten Körper. „Sie sah aus wie ein kleiner Vogel, der aus dem Nest gefallen ist“, sagt Christopher.
Nach einigen Tagen wird Marlene entlassen. Nach mehreren Wochen Aufenthalt eine Erleichterung. Und doch muss sie ihre Florentina zurücklassen. Ab diesem Zeitpunkt beginnt für die fünfköpfige Familie ein neues Leben.
In der Früh bringt Marlene ihre beiden Söhne in die Kita, im Anschluss besucht sie ihr Neugeborenes im Krankenhaus. Eine Haushaltshilfe hält ihr den Rücken frei, Freunde und Familie unterstützen sie, so gut es nur geht. Die Erzieherinnen in Kita und Kindergarten geben den beiden Brüdern halt. „Von Anfang an war es eine Gemeinschaftsleistung“, sagt Marlene. Mittlerweile wurde auch die kleine Florentina entlassen. Nach 20 Wochen im Krankenhaus. Lunge und Augen machten den Ärzten zu Beginn noch Sorgen, ansonsten gab es keinerlei Komplikationen. „Stand jetzt ist sie kerngesund“, sagt die junge Mutter. Auch von der Größe und vom Gewicht her erinnert nichts mehr an den schwierigen Start in die Welt, den Florentina hatte.
„Wir hatten mit den Ärzten am Romed-Klinikum und den gesamten Pflegekräften und Physiotherapeutinnen ein riesiges Glück“, sagt Marlene. Rund um die Uhr seien alle für ihre Familie da gewesen, Oberärzte hätten sie zum Teil aus dem Urlaub angerufen, der Augenarzt kam in seinem Urlaub zur Kontrolle vorbei. Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen habe hervorragend funktioniert. Auch psychologisch sei die junge Mutter betreut worden.
Sozialmedizinische
Versorgung
Noch immer erhalte die Familie viel Unterstützung. Sie wird sozialmedizinisch versorgt. Eine Kinderkrankenschwester besucht sie regelmäßig zu Hause, um zu schauen, wie sich Florentina entwickelt. „Der Abschied vom Krankenhaus und den ganzen Mitarbeitern war schon sehr tränenreich“, sagt Marlene. Eben weil man sich so gut um sie gekümmert habe. Für jeden Meilenstein gab es einen Ballon. Immer sei jemand da gewesen. Zum Reden. Umarmen. Oder beraten.
Und trotzdem sind Marlene und Christopher froh, dass jetzt die Normalität beginnt. Von ihren beiden Brüdern sei Florentina gut aufgenommen worden. Das neue Leben als fünfköpfige Familie werde immer mehr zum Alltag. „Man schätzt es, weil es eben ganz anders hätte ausgehen können“, sagt Christopher. Liebevoll schaut er auf Florentina, die in seinen Armen liegt. Seine kleine Kämpferin.
Ein Interview mit Dr. Hendrik Jünger, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin finden Sie unter ovb-online.de