Ihre Stimme hörte er auch im Koma

von Redaktion

Ursula und Albert Wieser aus Rosenheim feiern eiserne Hochzeit. Seit 65 Jahren sind sie verheiratet und haben gemeinsam viele Krisen gemeistert. Eine der schwersten war, als Albert Wieser im Koma lag. Wie das Paar mit Streit umgeht und welche Tipps es für eine glückliche Liebe hat.

Rosenheim – „Manchmal liege ich abends im Bett und frage mich: Womit habe ich das alles verdient?“ Albert Wieser legt den Arm um seine Frau Ursula und sieht sie an. Er ist inzwischen 86 Jahre alt und 65 davon mit seiner Frau verheiratet. An den kleinen Gesten wie einem liebevollen Blick oder einer Hand auf dem Bein merkt man, dass sich das Rosenheimer Ehepaar immer noch liebt.

„Ich habe erst ein Jahr in Rosenheim gelebt, als wir uns kennengelernt haben“, erinnert sich Ursula Wieser, die neben ihrem Mann auf der Eckbank sitzt. Sie kommt ursprünglich aus Oberschlesien, ist in Ratibor geboren. Ihr Vater sei Kriegsgefangener in Rijeka (Kroatien) gewesen und die Mutter habe mit ihren Kindern anfangs nicht ausreisen dürfen. „Damals nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebiet ja schon polnisch“, sagt Wieser. Und man habe die Kinder dort behalten wollen.

Erster gemeinsamer Tanz
auf dem Feuerwehrfest

Doch eines Tages schaffte es ihr Vater mithilfe des Roten Kreuzes, die Familie wieder zu sich zu holen. So landete die junge Ursula in Rosenheim.

Auf einem Feuerwehrfest anlässlich der Herbstfest-Eröffnung traf sie dann auf Albert Wieser. Inmitten der anderen Feiernden entdeckte er sie. „Sie stand einfach da und dann habe ich sie gefragt, ob sie mit mir tanzen will“, erinnert sich der gebürtige Rosenheimer. „Und er ist ein guter Tänzer gewesen“, fügt Ursula Wieser hinzu. Es passte sofort zwischen ihnen und sie verabredeten sich für ein zweites Treffen.

Auch beim zweiten Treffen verstanden sie sich gut. Und so dauerte es nicht lange, da merkten beide, dass sie heiraten wollten. „Damals habe ich mir schon gedacht, das geht alles so schnell“, sagt die heute 87-Jährige. Am 19. Mai 1961 heiratete das Paar standesamtlich. Einen Tag später, an Ursula Wiesers 22. Geburtstag, gaben sie sich in der Kirche das Jawort. „Es war eine Doppelhochzeit mit meinem Bruder“, erzählt ihr Ehemann. Schon ein Jahr danach kam der gemeinsame Sohn zur Welt, ein paar Jahre später folgte ihre Tochter. Die Wiesers haben inzwischen sogar Enkelkinder. „Auf die sind wir besonders stolz, weil sie beide studieren“, betont Albert Wieser.

„Wir haben gute und schlechte Zeiten gehabt“, erinnert sich seine Frau. Selten hätten sie sich gestritten, doch wenn, versöhnten sie sich abends wieder. „Wir gehen nie zerstritten ins Bett“, sagt Ursula Wieser. Sonst können sie nicht schlafen, da sind sich beide einig.

„Er ist einfach
ein guter Kerl“

Richtig Streit habe es allerdings nie gegeben. „Er ist einfach ein guter Kerl“, sagt sie und legt ihrem Mann die Hand aufs Bein.

Viel mehr noch erinnern sich die Wiesers aber an die guten Zeiten. Sie engagieren sich beide schon lange in einem Rosenheimer Trachten- und einem Theaterverein. Gerade mit dem Trachtenverein ist das Paar viel herumgekommen. „Wir waren in Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland, sogar in Amerika“, zählt Albert Wieser auf. Im Verein feierten sie viele Feste, lernten neue Menschen kennen.

Trotz der schönen Momente war es nicht immer leicht für Ursula und Albert Wieser. Vor allem während der Corona-Zeit. Denn eines Tages passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Albert Wieser saß zu Hause am Tisch, als er plötzlich zusammensackte. „Gott sei Dank war ich daheim“, sagt seine Frau. Denn ihrem Gatten war die Gallenblase geplatzt. So schnell es ging, wurde er ins Krankenhaus gebracht.

Drei Wochen
im Koma

Insgesamt drei Wochen lag er dort im künstlichen Koma. „Das war schlimm“, sagt Ursula Wieser nachdenklich. Die ganze Familie habe sich schon darauf vorbereitet, dass Albert Wieser vielleicht stirbt. Doch mit der Zeit kam er wieder auf die Beine. Die Familie besuchte ihn regelmäßig im Krankenhaus und sprach mit ihm. Zwar konnte er nicht reagieren. „Aber ich habe mitbekommen, dass sie da waren“, erinnert er sich. In dieser Zeit hätten alle zusammen geholfen. Auch die Nachbarn griffen Ursula Wieser unter die Arme und waren eine große Hilfe.

Dass gute Nachbarschaft wichtig ist, betont auch Rosenheims neuer Oberbürgermeister Abuzar Erdogan. Er besucht an diesem Nachmittag das erste Mal in seiner Amtszeit ein Ehepaar zum Hochzeitsjubiläum. „Man kriegt immer das zurück, was man gibt“, sagt er zu Ursula Wieser. Sie habe in ihrem Leben offensichtlich viel gegeben und deshalb viel wieder zurückbekommen.

„Wir haben
geschuftet“

„Ja“, sagt die 87-Jährige, „wir haben früher nicht viel gehabt. Aber manches hast du trotzdem gegeben.“ Es sei eine arme Zeit gewesen. Wieser arbeitete als Verkäuferin in einem Blumenladen, nahm aber auch andere Jobs an. Damals war es schwierig, überhaupt Arbeit zu finden. Ihr Mann arbeitete 18 Jahre in einer Strickwarenfabrik. Angefangen als Lehrling, verließ er sie danach als innerbetrieblicher Meister. „Ich habe mich hochgearbeitet“, sagt Albert Wieser. Die letzten zehn Jahre vor der Rente sei er als Leiter des medizinischen Lagers im Rosenheimer Krankenhaus tätig gewesen. „Wir haben geschuftet“, sagt Wieser. Teilweise sogar 56 Stunden die Woche. Es sei hart gewesen damals.

Doch auch diese Zeit überstand die Liebe der Wiesers unbeschadet. So feiern sie nun ihre eiserne Hochzeit. Oberbürgermeister Abuzar Erdogan bringt zur Feier des Tages einen Blumenstrauß und einen Umschlag von der Stadt vorbei. Für ihn fühlt sich der Besuch bei den Wiesers sehr positiv an: „Es ist sehr viel Wärme, die einem entgegenschwappt“, sagt er.

Nach so vielen Jahren
noch so viel Liebe

Vorbereitet habe er sich auf den Besuch nicht. Aus gutem Grund: „In solchen Situationen muss man sich immer auf die Gegenüber einstellen und offen sein“, so Erdogan. Besonders berührt hat ihn, dass das Ehepaar Wieser nach so vielen gemeinsamen Jahren noch so viel Liebe und Zuneigung an den Tag legt – „ohne, dass man das ständig noch mal betont und ausspricht“.

Für alle, die genau das eines Tages erreichen wollen, haben Ursula und Albert Wieser noch einen Tipp. „Liebe, Verständnis und Aussprache“, das zähle in einer Beziehung wirklich. Wenn es mal kracht, nehmen sich die beiden einen Moment für sich. Albert Wieser setzt sich zum Beispiel mit einem Buch in den Garten. Aber auch dann dauert es nicht lange, bis sich die Wiesers wieder vertragen – spätestens vor dem Schlafengehen.

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