Rosenheim – Für Nil Ilic steht die Welt still. Seit dem Tag, als ihr die Polizei mitteilte, dass ihr Mann einen schweren Fahrradunfall hatte. Am Sonntag, 17. Mai, war Grujo Ilic gegen 2 Uhr nachts in der Arnulfstraße mit seinem Rad unterwegs. Er stürzte, verletzte sich schwer. Passanten informierten die Rettungskräfte. Zwei Tage später folgte die traurige Gewissheit: Der 47-Jährige hat es nicht geschafft. Noch im Krankenhaus erlag er seinen schweren Verletzungen.
31 Jahre
lang ein Paar
Seitdem weiß Nil Ilic nicht mehr, wie es weitergehen soll – für sie und ihre beiden Kinder. „Er hat eine sehr große Lücke hinterlassen“, sagt sie mit leiser Stimme. Es fällt ihr sichtlich schwer, über ihren Mann zu reden. Mit 15 Jahren haben sich die beiden kennengelernt. 31 Jahre lang waren sie ein Paar, vor acht Jahren folgte die Trennung. „Aber wir waren immer füreinander da, standen ständig in Kontakt. Auch wegen der Kinder“, erzählt sie. Die Kinder waren ihr ganzer Stolz. „Er hat sich immer gewünscht, noch mehr Zeit für seine Familie zu haben“, so Nil Ilic. Ein Wunsch, den sich der 47-Jährige nicht mehr erfüllen kann. Warum er an jenem Sonntag stürzte, ist nach wie vor Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen.
Für die Familie ändert der Grund nichts an der schmerzhaften Realität. Zwar bekommt Nil Ilic viel Unterstützung von Freunden und Verwandten, die großen Probleme aber muss sie alleine stemmen. Neben der Trauer sind das vor allem finanzielle Sorgen – und die Frage, wie es mit dem „Fruga-Getränkemarkt“ in Oberwöhr weitergeht. Den hatte Grujo Ilic vor etwas über einem Jahr übernommen. „Das war mehr durch Zufall. Der Vorbesitzer hat einen Nachfolger gesucht und ihn in Grujo gefunden“, erinnert sich seine Frau.
Ihrem Mann habe die Arbeit von Anfang an großen Spaß gemacht. Er knüpfte schnell Kontakte und belieferte zahlreiche Kunden, darunter auch lokale Arztpraxen. Seit seinem Tod ist die Zukunft des Geschäfts ungewiss. „Wir wissen derzeit nicht weiter und sind dringend auf der Suche nach einem Nachfolger“, betont Nil Ilic.
Momentan läuft der Betrieb zwar weiter, doch es braucht schnell eine dauerhafte Lösung. „Meine Kinder und ich können das Geschäft nicht betreten“, schildert sie. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an den Ort, an dem ihr Grujo in den vergangenen Monaten den Großteil seiner Zeit verbrachte. Wer Interesse hat, den Getränkemarkt zu übernehmen, kann sich unter der Telefonnummer 08031/219997 melden. Sollte sich kein Nachfolger finden, sei auch eine komplette Neuvermietung der Räume vorstellbar.
Für die Familie wäre eine Übergabe eine erste Erleichterung – ein kleiner Lichtblick in dieser dunklen Zeit. Was bleibt, ist die existenzielle Not. „Wir stehen vor riesigen organisatorischen und finanziellen Herausforderungen“, sorgt sich Nil Ilic. Ohne Hilfe drohe im schlimmsten Fall sogar der Verlust der Wohnung.
Um der Familie beizustehen, haben Freunde eine Online-Spendenaktion ins Leben gerufen. Mittlerweile sind bereits über 4.000 Euro zusammengekommen. „Wir möchten der Familie in dieser schweren Zeit etwas Halt geben“, heißt es aus dem Umfeld. Wie beliebt der 47-Jährige in Rosenheim war, zeigte sich auch nach dem Unfall: Bei der Beerdigung nahmen über 300 Menschen Abschied. Auf der Intensivstation des Krankenhauses platzte das Zimmer fast aus allen Nähten. „Das Personal sagte uns, dass sie so eine große Anteilnahme noch nie erlebt haben“, erinnert sich Nil Ilic. Auch der Fußballverein Croatia Rosenheim zeigte sofort Initiative und veranstaltete ein Benefizspiel, dessen Einnahmen der Familie zugutekamen.
Es sind diese Gesten, die Nil Ilic viel bedeuten, auch wenn sie den Schmerz nicht nehmen können. „Wo vorher Wärme, Zusammenhalt und Liebe waren, bleibt nun eine Stille, die unendlich schwer zu ertragen ist“, sagt sie. Grujo habe für jeden ein offenes Ohr gehabt und seine eigenen Probleme immer hinten angestellt. Der Fußball und das Radfahren waren seine großen Leidenschaften.
Über allem stand
die Familie
Über allem aber stand die Familie. „Grujo war mein Vertrauter und der Mensch, der mit mir gemeinsam nach Lösungen gesucht hat“, so Nil Ilic. Für die beiden Kinder sei er der beste Freund gewesen – ein Beschützer und ein sicherer Hafen. „Sie haben gemeinsam gelacht, geredet und bei ihm Rat gesucht.“ All das fehlt nun von einem Tag auf den anderen.