Rosenheim – 30 Jahre lang prägte er die Rosenheimer Stadtpolitik, nun ist überraschend Schluss: CSU-Urgestein Herbert Borrmann hat den Einzug in den Stadtrat verpasst. Im Interview spricht der langjährige Fraktionschef über seinen Listenplatz, die Stimmung in der CSU und die Zukunft.
Anfang März haben Sie erfahren, dass Sie nicht mehr Teil des Stadtrats sind. Wie waren die ersten Wochen seit der Entscheidung?
Nicht anders als vorher (lacht).
Sie sind auf Listenplatz 11 gestartet. Recht weit hinten, oder nicht?
Das war die Entscheidung der Verantwortlichen. Für mich war es selbstverständlich, dass ich nicht auf Platz 2 kandidiere, Platz 11 fand ich dann aber doch recht weit hinten. Begründet wurde die Entscheidung damit, jüngeren Stadträten den Vortritt zu geben. Wenn man sich anschaut, wer jetzt alles im neuen Gremium sitzt, ist der Plan nicht ganz aufgegangen. Dass ich es mit Listenplatz 11 aber nicht reinschaffen könnte, war mir von Anfang an klar.
Also gab es keine Enttäuschung über das Ergebnis?
Beim Wahlergebnis nicht, nein. Aber als mein Listenplatz bekannt wurde, habe ich mich schon ein wenig geärgert.
Hat Sie das Wahlergebnis ansonsten überrascht?
Ich lag mit fast all meinen Vermutungen richtig. Ich habe beispielsweise befürchtet, dass die CSU zwei Sitze verliert und die AfD stärker wird. Dass die Linken drei Sitze bekommen, hat mich aber überrascht.
Und der Oberbürgermeister-Posten?
Das habe ich nicht kommen sehen. Ich hatte natürlich gehofft, dass es Andreas März noch einmal schafft, zumal mein persönliches Verhältnis, auch als Fraktionsvorsitzender, gut war. Jedenfalls wünsche ich Abuzar Erdogan alles Gute. Wir waren beide Vorsitzende beim Stadtjugendring und kennen uns daher nicht nur aus der Politik sehr gut.
In Ihrer Zeit als Stadtrat haben Sie sich immer wieder für Verkehrsthemen stark gemacht. Unter anderem für zusätzliche Parkplätze.
Dann sind wir gleich bei einem Thema, mit dessen Entwicklung, ich nicht ganz zufrieden bin. Ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass es in Rosenheim mehr Parkhäuser braucht. Das würde dazu führen, dass Parksuchverkehr wegfällt. Dadurch wären weniger Autos auf der Straße, was sicherlich auch den Grünen gefallen dürfte (lacht). Die Priorität muss sein, dass Menschen schnell in unsere Innenstadt gelangen und ihr Auto ohne großen Aufwand dort abstellen können.
Wo könnten neue Parkhäuser entstehen?
Das Parkhaus Am Hammer soll aufgestockt werden. Hier entstehen also zusätzliche Parkplätze. Auch an einem neuen Parkhaus an der Reichenbachstraße nach Umzug des Verwaltungsgebäudes sollten meiner Meinung nach neue Stellplätze entstehen. Beim alten Gesundheitsamt gibt es weitere Möglichkeiten, die besonders für Eishockeyspiele oder Besuche des Landesgartenschaugeländes hervorragend wären.
Kam Ihnen das Thema Verkehr im Wahlkampf zu kurz?
Ja, definitiv. Mit der Westumgehung ist es uns beispielsweise gelungen, die Hubertusstraße deutlich zu entlasten. Lärm- und Umweltbelastung sind weniger geworden. Aber wir brauchen auch unbedingt ein Lkw-Durchfahrtsverbot für die Stadt. Da sind wir, soweit ich weiß, auf einem guten Weg.
Wenn wir schon beim Thema Verkehr sind: Wie ist es denn um die Radfahrer bestellt?
Da gibt es an der ein oder anderen Stelle noch Luft nach oben. Ich bin davon überzeugt, dass nicht die Breite der Radwege das Problem ist, sondern, dass die Radwege plötzlich enden oder nicht auf einer Ebene geführt werden.
Bessere Radwege, mehr Parkplätze. Fehlt noch was?
Wir brauchen ein einheitliches Ampelsystem. Derzeit haben wir drei verschiedene. Eins für Staatliche Straßen, eins für Bundesstraßen und eins für alle anderen Straßen. Die Systeme sind aber nicht optimal aufeinander abgestimmt. Das führt zu Staus. Mit einer zusätzlichen Echtzeitsteuerung über das Navigationssystem hätte man rund 30 Prozent weniger Verkehr. Das würde auch Rosenheim guttun.
Sie sammeln historische Bilder, haben tausende Fotos im Archiv. Hand aufs Herz: War früher alles besser?
Wenn ich Bilder in den sozialen Medien poste, kommentieren Menschen häufig, dass Rosenheim damals so idyllisch war. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. In den 60er-Jahren waren die Straßen zum Teil zugeparkt oder Plätze komplett kahl. Viele Menschen idealisieren die Vergangenheit. Und natürlich gibt es Kritikpunkte, aber Rosenheim ist eine tolle Stadt mit sehr vielen schönen Ecken.
Sie haben beschlossen, sich für den Seniorenbeirat aufstellen zu lassen. Wie kam es dazu?
Ich wurde angefragt. Eigentlich hatte ich gesagt, dass ich kein neues Ehrenamt annehmen möchte. Aber ich habe einige negative Erfahrungen gemacht. Ein bekanntes Ehepaar hat mir beispielsweise davon erzählt, dass sie für ihr Doppelzimmer im Altenheim 8.000 Euro im Monat bezahlen müssen. Das kann einfach nicht sein. Deshalb will ich mich dafür einsetzen, dass preiswerter untergebracht werden kann. Es geht nicht, dass man sich im Alter ein Zimmer mit einem wildfremden Menschen teilen muss. Hier müssen dringend Lösungen gefunden werden. Es braucht Einzelzimmer und vernünftige Tarife.
Worauf sind Sie stolz?
Ich mag das Wort ‚stolz‘ nicht und ich bin auch kein Fan davon, auf der großen Bühne gelobt zu werden. Ich sitze gerne mit einer Tasse Kaffee im Liegestuhl und schaue mir zum Beispiel das von mir mitkonzipierte Freizeitgelände an. Das macht mich glücklich. Das Schauerhaus oder die veränderte Ampelschaltung in der Kufsteiner Straße sind Erfolge der vergangenen Jahre. Auch die Westumgehung habe ich mit anschieben dürfen.
Harter Themenwechsel: Wie stehen Sie zur AfD?
Die AfD ist für mich nicht wählbar. Allerdings finde ich es schwierig, gegen jeden Antrag zu stimmen, nur weil er von der AfD kommt. Wenn die Sache gut ist, warum sollte ich dann dagegen sein? Es sollte unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass weniger Leute die AfD wählen. Da ist bisher noch nicht so viel passiert.
Wie bewerten Sie die Rolle der CSU in Rosenheim?
Dazu kann ich nichts mehr sagen, da ich nicht mehr Teil der Fraktion bin. Aber ich vermute, dass die Stimmung nicht die beste ist, da man sich von den Mehrheitsverhältnissen her noch einmal verschlechtert hat. Andererseits ist die CSU immer noch die stärkste Kraft im Stadtrat. Nur Entscheidungen im Alleingang zu treffen, ist eben schon lange keine Option mehr.
Wird Ihnen jetzt die Decke auf den Kopf fallen? So ganz ohne Sitzungen?
Auf keinen Fall. Ich bin gerade mit der Digitalisierung aller Bilder beschäftigt und fotografiere auch weiterhin leidenschaftlich gerne.
Außerdem will ich weiter reisen, da gibt es noch etliche Orte, die ich gerne sehen würde. Zudem bin ich ja auch weiterhin in zahlreichen Ehrenämtern aktiv und nach wie vor der Vorsitzende von 1860 Rosenheim.
Interview: Anna Heise