Rosenheim – Karl-Heinz Brauner scheidet nach 24 Jahren aus dem Rosenheimer Stadtrat aus. Warum er sich mit der Entscheidung mittlerweile abgefunden hat und wie es für ihn persönlich weitergeht, erzählt er im OVB-Interview.
Wie groß ist die Enttäuschung darüber, dass Sie nicht mehr im Stadtrat sitzen?
Karl-Heinz Brauner: Bei der Aufstellungsversammlung im Gasthaus Johann Auer habe ich mich über meinen Platz auf der Liste geärgert. Ich wollte auf Platz 10 antreten, am Ende war ich auf Platz 16. Über die Monate haben sich jedoch meine Prioritäten verschoben, sodass ich am Ende sogar erleichtert war, dass ich es nicht in den Stadtrat geschafft habe und jetzt mehr Zeit habe, um mich um mein Privatleben zu kümmern.
Fällt Ihnen der Abschied trotz allem schwer?
Natürlich. Es war eine lange, intensive und prägende Zeit. Ich habe diese Aufgabe nie nur als politisches Mandat verstanden, sondern als persönliche Verpflichtung. Ob in den Bereichen Soziales, Kultur oder Sport, in der Stadtentwicklung oder rund um das Romed-Klinikum – überall ging es darum, Verantwortung zu übernehmen, zuzuhören, abzuwägen, Lösungen zu finden.
Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Aufeinandertreffen mit dem neuen Oberbürgermeister Abuzar Erdogan?
Natürlich. Er war damals Schüler der elften Klasse am Karolinengymnasium. Er war Sprecher der Alpenkonvention und schon damals bei den Jusos. Trotzdem habe ich ein wenig gehofft, dass es mir gelingt, ihn zu den Grünen zu holen. Daraus ist leider nichts geworden (lacht). Auch in den folgenden Jahren hatten wir immer wieder miteinander zu tun, nicht nur in den Gremien, sondern auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Stadtjugendrings oder im Vorstand des Historischen Vereins.
Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit im Gremium?
In den vergangenen Jahren waren für mich Dinge wie Solidarität, Empathie, Kooperation und Vertrauen nicht mehr in dem Maß spürbar, wie ich es mir für eine konstruktive Zusammenarbeit gewünscht hätte. Politik lebt vom Streit in der Sache – aber sie braucht auch den Willen, Brücken zu bauen und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Wenn dieser Geist verloren geht, wird die Arbeit schwerer und verliert an dem, was sie auszeichnen sollte.
Hört sich an, als ob Sie einen Groll hegen.
Nein, überhaupt nicht. Bei mir überwiegt die Dankbarkeit für die vielen Begegnungen, für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, und für die Möglichkeit, über so viele Jahre aktiv an der Entwicklung der Stadt mitzuwirken.
Haben Sie mit dem Ergebnis der Wahl gerechnet?
Nein. Wobei man im Nachgang natürlich sagen muss, dass Abuzar Erdogan bereits vor dem Herbstfest 2025 damit begonnen hat, einen intensiven Wahlkampf zu führen. Der Wahlkampf war sehr strukturiert, zielorientiert und hat sich mit inhaltlichen Themen beschäftigt. Der Wahlkampf von Andreas März war meiner Meinung nach sehr inhaltslos. Ich habe weder das Plakat mit dem Huhn verstanden, noch, warum gemeinsam mit Ministerpräsident Markus Söder Döner verkauft wurde.
Seit 65 Jahren stellt die CSU damit erstmals keinen Rathauschef. Freut Sie das?
Ein bisschen Schadenfreude ist schon dabei. Die Rosenheimer CSU war sich immer sehr sicher. Sie sah sich immer als die Fraktion, ohne die in der Stadt überhaupt nichts vorwärtsgeht. Das ist jetzt vorbei.
War für Sie eigentlich immer klar, dass Sie zu den Grünen gehen?
Ich habe mal kurz in die SPD reingeschnuppert, musste aber recht schnell feststellen, dass das keine Partei für mich ist. Also bin ich bei den Grünen gelandet. Nicht, weil ich ein großer Naturschützer bin, sondern weil mir Toleranz, Solidarität und Menschenrechte sehr wichtig sind. Ich war nie ein Hardcore-Grüner und hatte auch keine Scheuklappen auf. Wenn ich eine Idee habe, versuche ich auch immer gleich, die Gegenargumente abzuwägen.
Was waren die größten Herausforderungen während Ihrer Tätigkeit im Stadtrat?
Während der Sitzungen zu reden, zumindest zu Beginn meiner Amtszeit. Ich war noch nie der große Redenschwinger und hätte mich am liebsten verkrochen. Ich war wahnsinnig aufgeregt, wenn ich damals etwas sagen musste. Was gar nicht so selten war, da wir vor 24 Jahren nur zu dritt im Gremium saßen. Das hat sich über die Jahre zum Glück gebessert.
Von drei Sitzen zur zweitstärksten Kraft. Keine schlechte Entwicklung, oder?
Das stimmt. Ich habe immer gehofft, dass in Rosenheim eine solche Entwicklung möglich ist. Ich denke, es ist kein Geheimnis, dass es in der Stadt noch nazistische Seilschaften gibt. Gleichzeitig gibt es bei uns aber auch viele engagierte Bürger – ganz egal, ob der Bund Naturschutz, die Radinitiative, das Forum für Städtebau und Umweltfragen, Rosenheim ist bunt oder das Bündnis gegen rechte Hetze – Gesicht zeigen.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Ich habe mich ab 2008 mit einigen anderen Politikern und Freunden zusammengetan. Gemeinsam mit der Sozialen Stadt haben wir uns dafür eingesetzt, dass in Rosenheim eine Bürgerstiftung auf die Beine gestellt wird. Dass wir das geschafft haben und dass die Bürgerstiftung dank vieler Sponsoren und engagierter Stifter so kreativ und segensbringend für die Stadt funktioniert – darauf bin ich schon ein wenig stolz.
Und in Sachen Politik?
Ich hatte leider sehr oft das Gefühl, dass uns als Stadtrat insgesamt der Mut fehlt. Als Grüner hatte man da schon oft den Eindruck, dass zu wenig vorwärtsgeht. Die wunderbare Idee von vor 15 Jahren, ein städtebauliches Konzept „Rosenheim 2025“ zu entwickeln, ist leider im Sande verlaufen.
Für die Ergebnisse aus ISEK befürchte ich leider dasselbe.
Was würden Sie sich wünschen?
Ein professionelles Theater, wie in Wasserburg. Da müsste die Stadt Geld in die Hand nehmen, aber es ist absolut notwendig.
Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Ich habe mich aus der Fraktion der Grünen verabschiedet und werde mich auch nicht mehr im Ortsverband einbringen. Nicht aus Trotz, sondern vielmehr, weil meine Prioritäten woanders liegen. Ich habe mich jetzt 30 Jahre lang in der Politik engagiert, jetzt beginnt für mich ein neues Kapitel. Ich engagiere mich seit vier Jahren bei der Nachbarschaftshilfe als Vorsitzender. Das beinhaltet viele Kontakte mit engagierten Menschen, ob jung oder alt. Aber auch der Vorsitz im Historischen Verein, mein Engagement bei Gesicht zeigen und im Förderverein von FitZ und meine Aufgaben als Kirchenpfleger der evangelischen Kirche gestalten meinen Alltag bunt und abwechslungsreich.
Interview: Anna Heise