Rosenheim – Die Städtischen Sammlungen Rosenheim – Stadtarchiv, Städtisches Museum, Holztechnisches Museum und Städtische Galerie – gestalten und bewahren mit ihren spezifischen Sammlungsschwerpunkten das kulturelle Gedächtnis der Stadt. In dieser Serie wird regelmäßig ein ausgewähltes Objekt aus den Sammlungen im Detail vorgestellt und ein Einblick in die Arbeitsfelder der unterschiedlichen Einrichtungen gegeben.
Peter Casagrande
wirkt in Maitenbeth
Peter Casagrande, der Maler des Bildes, ist 1946 in Weilheim geboren worden, seine Mutter stammt aus Berlin, der Vater aus Italien. Casagrande hat von 1970 bis 1972 an der Akademie der Bildenden Künste bei Rudi Tröger in München studiert, von 1972 bis 1975 an der Hochschule für Bildende Künste Berlin, und machte schließlich von 1979 bis 1980 seinen Abschluss an der Akademie in München.
Bereits 1979 gründete er das Künstlerkollektiv Maitenbeth, dem neben Casagrande die Malerin Stefanie Höllering und der Bildhauer Peter Schwenk angehörten. 1983 erhielt der Maler ein Stipendium der Stadt München und den Staatlichen Förderpreis des Landes Bayern. Nach dem Studium lebte und arbeitete er mehrere Jahre in Italien. Seit vielen Jahren ist er national und international mit seinen Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen und in renommierten Häusern erfolgreich vertreten. Er lebt seit mehreren Jahrzehnten in der oberbayerischen Gegend, in Maitenbeth, sowie in seiner zweiten Heimat Italien.
Ohne Titel für
größtmögliche Offenheit
Das abgebildete abstrakte Bild von 1993 trägt, wie alle Arbeiten Casagrandes, keinen Titel, um den Betrachtern größtmögliche Offenheit der Interpretation zu geben. Abgedunkeltes und ochsenblutfarbenes Rot dominiert die Bildfläche, überlagert von Schwarz und pastos aufgetragenen Verkrustungen in Schwarz und Grauschwarz, aufscheinendem Hellrot und wenigem, sattem Gelb. Ein spannungsreicher, äußerst vielschichtiger Farbauftrag.
Im Malprozess wieder und wieder überlagernd aufgetragen, sind die untersten Schichten teils nur noch zu erahnen, dann wiederum überraschend freiliegend. Die zweidimensionale Leinwand erhält so eine ungeheure Raumtiefe. Mit den mannigfachen Farbüberlagerungen und der Wucht der tonigen Farbwahl entsteht ein ganz eigener, raumgreifender Bildkosmos, der die Bildgrenzen scheinbar über den eigentlichen Bildrand hinaus sprengt und in den realen Raum einzugreifen scheint.
Gemalt wird bei Casagrande mit vollem Körpereinsatz und von allen Seiten: Da wird geschüttet, gespachtelt und bei noch nassem Farbauftrag die Leinwand gedreht, um mit laufenden Farbnasen die Bildfläche noch mehr in Spannung zu setzen. Informelle Malerei, intuitiv, gestisch und spontan auf die Leinwand gebracht. Dabei gilt das Rosenheimer Bild mit seinen beiden gleich großen, vertikal aneinanderstoßenden Leinwänden in den Gesamtmaßen zwei auf 1,20 Meter in Casagrandes Werk geradezu als „kleineres Format“. Viele seiner Arbeiten haben wahrhaft riesige Ausmaße.
Gewaltige Maße
überwältigen Betrachter
In der ersten Einzelausstellung des Malers 1995 in der Städtischen Galerie Rosenheim empfing die Besucher ein überwiegend in Rottönen gehaltenes Bild im Ausmaß von 4,70 mal 5,70 Metern. Es nahm die gesamte Längswand des ersten Saales ein, der Raumeindruck war überwältigend. „Das große Format“ – so waren einige Ausstellungen Casagrandes betitelt, etwa 2017 in der Kunsthalle Schweinfurt, der ehemaligen Schwimmhalle des Ernst-Sachs-Bades. Casagrande verwandelte das Haus in ein riesiges Atelier, ließ das Publikum an einer Art „Work in Progress“ teilhaben und so die Entstehung einer monumentalen Leinwandarbeit geradezu miterleben.
Entstehungsprozess
soll spürbar werden
Nicht lediglich das fertige Bild steht bei Casagrande im Vordergrund, wichtig ist ihm ebenso der Entstehungsprozess. Der erfordert bewusste und unbewusste, physische und psychische Kräfte, die für jeden Betrachter auf eigene Weise ablesbar und spürbar sind. Teile des in schwarz-weiß gehaltenen Schweinfurter Bildes waren in der Städtischen Galerie 2018 in der Ausstellung „Rosenheim – Mantova“ zu sehen, wo der Maler sechs Künstlerkollegen aus der Gegend um Mantua einlud, mit ihm gemeinsam ihre Arbeiten in Rosenheim zu präsentieren.
Zum 80. Geburtstag Casagrandes zeigt die Städtische Galerie vom Freitag, 25. September, bis Sonntag, 8. November, in einer großen Einzelausstellung eine umfängliche Retrospektive seines künstlerischen Werks.