„Für mich ist das Kapitel abgeschlossen“

von Redaktion

Interview Robert Multrus über seinen Rückzug aus dem Stadtrat und die vergangenen 18 Jahre

Rosenheim – Freiwilliger Rückzug nach fast zwei Jahrzehnten: Der langjährige Fraktionsvorsitzende Robert Multrus (Freie Wähler/UP) hat den Rosenheimer Stadtrat verlassen. Über seine Beweggründe spricht er im OVB-Interview.

Sie waren 18 Jahre im Stadtrat. Jetzt ist Schluss. Wie geht es Ihnen damit?

Dadurch, dass ich freiwillig ausgeschieden bin, sehe ich das Ganze relativ gelassen. Ich beobachte alles noch ein wenig, für mich ist das Kapitel aber abgeschlossen.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen, nicht noch einmal zu kandidieren?

Im Sommer 2025. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch meine Fraktion informiert. Viele waren überrascht und nicht unbedingt erfreut.

Warum dieser Schritt?

Es ist immer mehr geworden, auch aufgrund meiner Funktion als Fraktionsvorsitzender. In den vergangenen sechs Jahren hat es sehr viel Austausch zwischen den Fraktionen gegeben. Das hat zum Teil viel Zeit in Anspruch genommen. Hinzu kommen die ganzen Vorbereitungen für die einzelnen Ausschüsse, die Stadträte und die Fraktionssitzungen. Auch die Besuche von öffentlichen Veranstaltungen oder diversen Eröffnungen haben zu meinen Aufgaben gehört. Dadurch ist für meinen Beruf als Rechtsanwalt weniger Zeit geblieben. Das soll sich in Zukunft wieder ändern.

Und ich dachte, Sie wollten jetzt die Jüngeren ranlassen.

Auch das ist ein Punkt. Ich halte es für wichtig, nicht am Mandat zu kleben. Es geht um die Zukunft unserer Stadt. Die sollten diejenigen bestimmen und beeinflussen, die in dieser Zukunft leben werden und die heutige Zeit ein wenig besser verstehen als ich (lacht).

Auf welche Projekte der vergangenen 18 Jahre sind Sie besonders stolz?

Ein großes Projekt war sicherlich die Landesgartenschau. Gemeinsam mit anderen Unterstützern habe ich einen Förderkreis für die Landesgartenschau gegründet. Wir haben Spenden gesammelt und damit unter anderem das Bambushaus an der Mangfall gesponsert. Ich finde es auch toll, dass sich die Landesgartenschaugesellschaft nicht aufgelöst hat, sondern daraus eine Event-GmbH geworden ist. Diese organisiert beispielsweise das Sommerfestival. Auch die Übernahme des Stadtbusses war in meinen Augen ein wichtiger Schritt.

Inwiefern?

Wir haben jetzt das Heft in der Hand und können Entscheidungen selbst treffen. Fast jeder Stadtrat ist daran interessiert, den ÖPNV zu verbessern. Umso wichtiger ist es, dass der Busverkehr jetzt in städtischer Hand ist.

Kommt der Tourismus in der Stadt zu kurz?

Es gibt sicherlich noch Luft nach oben. Unter anderem mit Blick auf den Fahrradtourismus. Rosenheim liegt an sehr interessanten Fahrradrouten, das wird bisher allerdings kaum genutzt. Es muss uns gelingen, die Radfahrer, die sonst einfach nur durch Rosenheim durchfahren, in unsere Innenstadt zu locken. Eine gute Beschilderung könnte hier schon viel bewirken. Zudem brauchen wir zusätzliche Wohnmobil-Stellplätze. Da gab es in den vergangenen Jahren immer mal wieder Anträge, die leider untergegangen sind.

Bleiben wir noch kurz beim Thema Fahrrad. Wie ist die Situation in der Stadt für die Radler?

Luft nach oben gibt es immer. Aber es ist immer auch eine Frage, wie die Verkehrsräume aufgeteilt werden. Wir haben eine sehr dicht bebaute Innenstadt mit engen Straßen und Gassen. Da ist der Platz beschränkt. Ein Einbahnstraßenkonzept, das bereits in der Schublade liegt, könnte hier helfen. Dadurch könnte es gelingen, mehr Platz für Radfahrer zu schaffen. Prinzipiell ist es so, dass unsere Stadt einfach sehr autolastig ist.

Eine autofreie Innenstadt wäre keine Alternative?

Nein, es gibt keine anderen Möglichkeiten, um in die Stadt zu kommen. Die Autofahrer werden nicht plötzlich aufs Fahrrad umsteigen, und auch der ÖPNV aus dem Umland ist keine wirkliche Alternative. Ein Park-and-Ride-System oder ein Shuttlebus könnten natürlich eine Option sein. Während der Landesgartenschau hat das auch gut funktioniert.

Wie wichtig ist eine Entwicklung im Rosenheimer Norden?

Sehr wichtig. Über das Thema wird schon diskutiert, seitdem ich im Stadtrat bin. Es gibt einen Bedarf an studentischem Wohnen. Zudem wäre es für die Hochschule wichtig, wenn sich dort gewerbliche Einrichtungen ansiedeln. Es ist kein Industriegebiet geplant, es geht mehr um Institute oder Forschungseinrichtungen. Auch ein Nahversorger an dieser Stelle ist in meinen Augen sinnvoll.

Bei den Planungen für den Rosenheimer Norden gibt es viele Proteste. Auch die Pläne für den Happinger See gefallen nicht allen Bürgern.

Ich verstehe die Aufregung der Bürgerinitiative nicht. Alle im Stadtrat sind sich einig, dass der Happinger See ein Naherholungsgebiet bleiben muss. Allerdings für alle Rosenheimer und nicht nur für die Happinger. Der Happinger See muss gut erreichbar sein, es braucht ausreichend Parkmöglichkeiten, ordentliche Toiletten und eine gewisse Grundversorgung – also beispielsweise einen Kiosk.

Im Gespräch war aber auch ein Beherbergungsbetrieb.

Das wird sich nicht halten können. Dafür ist das Gebäude viel zu klein. Dort kann man nicht mal einen Bus unterbringen. Inzwischen gibt es die Idee, den Trauungssaal der Stadt Rosenheim an diese Stelle zu verlegen. Bisher befindet sich der in Westerndorf St. Peter. Am Happinger See hätte man eine deutlich bessere Kulisse, zudem würde die Nutzung weder den Badebetrieb noch den Freizeitbetrieb beeinträchtigen. Und das Brautpaar hat gleich noch einen schönen Hintergrund für Hochzeitsfotos (lacht).

Fallen Ihnen spontan weitere Aufregerthemen ein?

Für Aufregung sorgt immer der Verkehr. Gerade um den Ludwigsplatz rund um den Grünen Markt. Es kommt immer wieder die Frage auf, wie gefährlich der Parkverkehr ist.

Eine Fußgängerzone am Ludwigsplatz wurde immer wieder diskutiert.

Dagegen sprechen aber die Interessen von Polizei und Rettungsdienst.

Und auch die Einzelhändler wären nicht begeistert.

Natürlich kann ich verstehen, dass da eine gewisse Angst da ist. Andererseits reicht ein Blick auf den Max-Josefs-Platz. Da gab es eine ähnliche Diskussion. Es gab Befürchtungen, dass alle Geschäfte zumachen müssen, weil niemand mehr dort einkaufen wird. Das hat sich nicht bestätigt.

Nicht bewährt hat sich die Fußgängerzone in der Münchener Straße.

Ich finde nicht, dass der Versuch so schnell hätte abgebrochen werden dürfen. Bei einem Versuch probiert man etwas aus. Das Ergebnis erfordert aber eben eine gewisse Zeit und sollte auch unter unterschiedlichen Bedingungen angeschaut werden. Leider hat man sich nicht getraut, den Versuch länger durchzuziehen. Ich glaube, dass eine Fußgängerzone mit einem Busverkehr hätte funktionieren können. Eine Umleitung der Busse wäre mit einem großen Aufwand verbunden. Hier würden sicherlich auch Parkplätze wegfallen, die in der Innenstadt ohnehin knapp sind.

Wie bewerten Sie die Rolle der Freien Wähler/UP in Rosenheim?

Als sehr schwierig. Das ist vielleicht ein weiterer Grund, warum ich aufhöre. Die parteifreie Wählervereinigung (UP) hat sich bereits in den Nachkriegsjahren mit der ersten Stadtratswahl in Rosenheim gegründet. Die Mitglieder waren unabhängig von dem, was in der großen Politik passierte, und haben sich nur um die Geschicke der Stadt gekümmert. Das war ein Grund dafür, warum ich 2002 zur UP gegangen bin. Die UP war schon damals im Landesverband der Freien Wähler. Anfangs war das kein Problem für mich, aber irgendwann hat die politische Ausrichtung der Freien Wähler eine andere Richtung genommen.

Inwiefern?

Die Differenzen zwischen den Freien Wählern in Stadt und Landkreis haben sich immer weiter aufgeschaukelt. Auch das Auftreten von Hubert Aiwanger hat mir nicht gefallen. All das hat unserer Stellung auf jeden Fall geschadet.

Interview: Anna Heise

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