Rosenheim – Man muss weit zurückgehen, wenn man die Anfänge der Stadt finden will. Bereits die Römer ließen sich in der Gegend nieder und überquerten hier den Inn. Was noch alles über die Geschichte von Rosenheim bekannt ist, damit beschäftigt sich in der Stadt eine Gruppe von Menschen: der Historische Verein Rosenheim. Diesen gibt es bereits seit 125 Jahren.
Zum Jubiläum verrät der Vorsitzende Karl-Heinz Brauner, warum der Verein so früh gegründet wurde, warum es auch schwierige Zeiten gab und wieso es immer noch ein Problem gibt.
Ein historischer Verein feiert Jubiläum – klingt ziemlich altbacken, oder nicht?
Altbacken ist schon berechtigt, unser Verein wird 125 Jahre alt (lacht). Aber ja, historischer Verein, klingt erstmal schnarchig. Es ist aber richtig spannend, sich mit der Geschichte zu befassen. Denn: Ich kann in einer Region eigentlich nur dann verantwortungsbewusst leben, wenn ich mich auch mit der Vergangenheit beschäftige. Man muss sich kritisch mit ihr beschäftigen. Man kann aber auch viel Aufbauendes, viel Positives, viel Kreatives aus dieser Vergangenheit herausziehen. Und insofern hat ein Historischer Verein nach wie vor eine Berechtigung.
Warum braucht Rosenheim einen Historischen Verein?
Vor allem, um eine gewisse Orientierung zu finden. Wenn ich hier lebe, dann möchte ich doch wissen, wo ich genau lebe. Wer weiß, woher wir kommen, versteht besser, wo wir heute stehen. Das hängt alles mit der Vergangenheit zusammen: Ob das jetzt die Römer sind, die hier am Inn waren, oder das lange, dunkle Mittelalter.
Oder auch das Rosenheim im 14. Jahrhundert, das Stück für Stück an Bedeutung als Markt gewann. Dann das 19. Jahrhundert, als Rosenheim seine Saline bekam und 1864 zur Stadt erhoben wurde. Seit der Zeit spielte Rosenheim im südostoberbayerischen Raum eine bedeutsame Rolle, und die spielen wir immer noch. Diese Zusammenhänge wollen wir bewusst machen.
Und wie macht der Verein das?
Wir veranstalten Vorträge, Exkursionen und Führungen. Zudem haben wir seit der Gründung 1901 eine Vereinszeitschrift „Das bayerische Inn-Oberland“. Die soll weniger das Vereinsleben darstellen, sondern von Anfang an wissenschaftlich fundierte Beiträge zu unserer Heimat- und Lokalgeschichte präsentieren. Wir erforschen und vermitteln Geschichte und Kultur von Stadt und Landkreis Rosenheim. Unser Verein setzt sich mit Vergangenheit, Tradition und Überlieferung auseinander.
Wie kommen Sie an die Informationen? Die Ereignisse liegen ja doch etwas zurück.
Das ist ganz unterschiedlich. Wenn es eine konkrete Frage zu einem Thema ist, führt der erste Weg in ein Archiv. Das kann das Stadtarchiv, aber auch ein Archiv außerhalb von Rosenheim sein. Schließlich sind wir auch der Historische Verein für den Landkreis. Natürlich kann man versuchen, Zeitzeugen zu finden. Das wird bei einigen Bereichen natürlich schwer. Dann wird man auf Archive und Zeitungen zurückgreifen müssen. Manchmal sind es aber auch einfach Gespräche. Wir haben zum Beispiel einen Stammtisch.
Worum geht es da?
Da tauschen wir uns zu verschiedenen Themen aus: zum Beispiel über die Zukunft des alten Leichenhauses auf dem Friedhof, oder das seit Jahren leer stehende, denkmalgeschützte ehemalige Oberbahnamt am Bahnhof, oder über die Zukunft unseres Stadtteils Kastenau. Es ist ja nicht so, dass historische Arbeit ausschließlich in abgedunkelten Kellerräumen in irgendwelchen muffigen Archiven stattfindet, sondern die findet in der Begegnung mit Menschen statt.
Wie kam es, dass der Verein schon 1901 gegründet wurde?
Im 19. Jahrhundert haben sich aus dem Bürgertum Initiativen entwickelt, Kulturvereine zu schaffen. Das waren vor allem Vereine zum geselligen Beisammensein. Und irgendwann kam auch spezielles, geschichtliches Interesse dazu. Zwischen 1890 und 1910 hatten wir zwei sehr dynamische Jahrzehnte in Rosenheim. Es gab die Initiative für die Gründung eines Museums und eines Archivs. Bis dahin gammelten die Unterlagen in einer städtischen Einrichtung. Es gab aber auch den Wunsch nach einem historischen Verein. Es brauchte nur noch den 36-jährigen Präparandenlehrer Ludwig Eid, der aus der Pfalz nach Rosenheim versetzt wurde. Der war historisch gebildet, hat schnell Mitstreiter gefunden und den Verein ins Leben gerufen.
Waren die Aufgaben des Vereins damals schon die gleichen wie heute?
Wir hatten zwar in den vergangenen 125 Jahren verschiedene Satzungen, inhaltlich hat sich aber nie etwas an unserem Auftrag geändert. Sinn und Zweck sind identisch mit der Gründungszeit.
Was waren das für Menschen, die damals dem Historischen Verein beigetreten sind?
Die waren aus dem Bürgertum, Theologen, Geschäftsleute, aus der Rosenheimer Mittelschicht. Es stand nicht nur das historische Interesse im Vordergrund, sondern auch gesellschaftliche Aspekte.
Ein Beispiel: Ludwig Eid hatte auch eine Nikolausfeier ins Leben gerufen. Da haben sich alle zum Singen, Trinken und Essen getroffen. Die Veranstaltung war sehr beliebt in Rosenheim.
Gab es auch schwere Zeiten – schließlich gab es während der 125 Jahre zwei Weltkriege und die NS-Zeit?
Die gab es zweifelsohne. Der Gründer, Ludwig Eid, wurde bereits 1903 nach Eichstätt versetzt.
Man hat ihn zwar gebeten, den Vereinsvorsitz fortzuführen, aber 1908 hat er sich endgültig verabschiedet, ist zwar mit wissenschaftlichen Arbeiten Rosenheim weiterhin treu geblieben, aber die Vereinsarbeit selbst war doch stark von seinem Engagement abhängig. Aber: Die Vereinszeitung ist regelmäßig erschienen.
Wie sieht es jetzt mit den Mitgliedern aus?
Es wechselt immer so ein bisschen mit der Mitgliederzahl. Aktuell sind wir bei rund 330. Das ist eigentlich eine ganz ordentliche Zahl und relativ stabil über die vergangenen zehn Jahre. Ein bisschen mehr wären mir aber auch ganz recht (lacht).
Wer ist das „klassische“ Mitglied eines Historischen Vereins?
Gesellschaftlich ist alles dabei. Das ist eine wirklich kunterbunte Mischung. Das „klassische“ Mitglied ist allerdings im beginnenden oder aktiven Rentenalter. Geschätzt sind 70 Prozent unserer Mitglieder Ü60. Deshalb bin ich sehr froh, dass mein Stellvertreter Mitte 30 ist. Ich wünsche mir einfach, dass sich mehr jüngere Menschen auch für unsere aktive Tätigkeit interessieren.
Wie kann das gelingen?
Durch attraktive inhaltliche Angebote, durch unterschiedliche Angebote. Wir haben da schon ein paar Ideen im Kopf. Vielleicht schaffen wir es auch, uns in Richtung Podcast zu entwickeln. Außerdem gibt es einen Blog im Internet, den wir gemeinsam mit dem Stadtarchiv betreiben: die „Rosenheimer Miszellen“. Für alle, die sich für unsere Arbeit interessieren, empfehle ich, einen Blick in unsere Festschrift zu wagen. Dort finden Sie alles Wissenswerte aus 125 Jahren und auch darüber, wie die Zukunft aussehen sollte.
Haben Sie die Sorge, dass der Verein sonst „ausstirbt“?
Wenn man’s jetzt mal rein biologisch sieht, bekommen wir immer wieder natürlich auch Abmeldungen und die Nachricht, dass der Vater, die Mutter verstorben ist und deswegen kein Mitgliedsbeitrag mehr gezahlt wird. Von dem her: Ja klar, darüber muss man sich Gedanken machen. Aber zurzeit halten wir noch ganz gut die Waage mit Abgängen, ganz egal welcher Art, und Zugängen.
Dann machen Sie mal den jungen Menschen Lust auf die Geschichte von Rosenheim – was ist das Spannende daran?
Dass man sieht, wie wandlungsfähig Rosenheim ist. Das fasziniert mich am meisten. Vom Altertum bis heute ist in Rosenheim sehr viel passiert. Vor allem im 19. Jahrhundert: die Entscheidung, eine Saline zu bauen, oder der Bau der Bahnlinie. Die sollte ja ursprünglich weiter östlich verlaufen. Eine Diskussion, die uns heute mit dem ganzen Drumherum zum Brenner-Nordzulauf wieder beschäftigt. Geschichte ist also nichts, was sich nur mit Vergangenem beschäftigt. Wir sollten aber aus ihr lernen, damit wir eine Zukunft haben. Eines muss klar sein: Geschichte geht weiter.
Interview: Julian Baumeister