Rosenheim – Prellungen, Kopfverletzungen und Knochen, die sich durch die Haut bohren: Dr. Michael Riffelmacher hat schon alles gesehen. Zwölf Jahre lang leitete er als Chefarzt die Anästhesie in der Schön-Klinik Bad Aibling. Seit 2021 ist er im Ruhestand, ist aber immer noch in der Notfallmedizin tätig. Zudem kümmert er sich um die Ausbildung von Notarzt- und Rettungsdienstmitarbeitern. Ruhiger ist es für ihn in den vergangenen Jahren also nicht geworden. Stören tut das den Mediziner nicht. „Ich mache das, was ich mag, und nicht, was ich muss“, sagt er.
1.500 Schwerverletzte
und 27 Todesopfer
Und doch gibt es da ein Thema, das Riffelmacher umtreibt. „Die Zahl der Toten und Verletzten durch Unfälle auf E-Scootern ist im vergangenen Jahr gestiegen“, sagt er. Die Polizei registrierte 2024 knapp 12.000 Unfälle mit Elektrorollern, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden. Im Vergleich zum Jahr davor waren es rund 27 Prozent mehr registrierte Unfälle. 27 Menschen kamen dabei ums Leben. Im Jahr 2023 waren es noch 22 Todesopfer gewesen. Insgesamt wurden rund 1.500 Menschen 2024 bei E-Scooter-Unfällen schwer und rund 11.400 leicht verletzt.
Nicht ganz so dramatisch ist der Blick auf die Zahlen in und um Rosenheim. Im Dienstbereich der Polizeiinspektion Rosenheim gab es bisher elf Unfälle, bei denen E-Scooter beteiligt waren. 2025 waren es acht Unfälle, 2024 nur vier. „Auch wir verzeichnen bei uns eine leichte Steigung“, sagt Hauptkommissar Robert Maurer. Erst Anfang Juni gab es in der Kufsteiner Straße einen Unfall, bei dem ein E-Scooter-Fahrer verletzt wurde.
Nach Angaben der Polizei war ein 16-Jähriger mit einem E-Scooter unterwegs. Ein gleichaltriger Jugendlicher stand während der Fahrt hinten auf dem Fahrzeug. Während der Fahrt touchierte der E-Scooter einen Pfosten. Beide Jugendlichen stürzten auf die Fahrbahn, verletzten sich und mussten ins Klinikum gebracht werden.
Unfallopfer sind
oft sehr jung
Dass nicht alle Unfälle so glimpflich ausgehen, zeigt ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus. In Mönchengladbach ist ein 14-jähriger E-Scooter-Fahrer nach einem Unfall gestorben. Anfang Juni kollidierte ein 14-jähriges Mädchen in Fockbek mit einem Taxi. Das Mädchen wurde lebensgefährlich verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Wie es ihr derzeit geht, scheint nicht bekannt zu sein.
Auch Michael Riffelmacher hat als Notarzt viele schlimme Verletzungen gesehen. Er zeigt Bilder von blutenden Kopfverletzungen, riesigen blauen Flecken und gebrochenen Knochen. „Die Fahrer sind oft sehr jung“, sagt der Mediziner. 80 Prozent seien unter 45 Jahre alt, die Hälfte sei jünger als 25. „In fast allen Fällen sind die E-Scooter-Fahrer verletzt, nicht aber die Unfallgegner“, fügt er hinzu.
Gründe, warum es immer wieder zu E-Scooter-Unfällen kommt, gebe es einige. Sie seien oft auf dem Gehweg und nicht auf der Straße unterwegs. Viele fahren einhändig, hätten oft ein Handy in der Hand und Kopfhörer in den Ohren. Auch stünden viele zu zweit oder zu dritt auf dem Roller. Meist deutlich zu schnell und nicht selten unter Alkoholeinfluss. „Die Vorfahrtsregeln werden immer wieder missachtet“, sagt Riffelmacher.
„Fast ein Drittel sind Alleinunfälle“, sagt der Mediziner. Also beispielsweise dann, wenn die Fahrer aufs Handy schauen und dadurch etwa eine Bordsteinkante übersehen. Bei zwei Dritteln seien andere Teilnehmer involviert, beispielsweise Autofahrer. Bei zahlreichen Unfällen würde es zu Kopf- und Gesichtsverletzungen kommen, zu Schädel-Hirn-Traumen, Gehirnerschütterungen, Zahnschäden oder Kieferbrüchen. Wirbelsäule, Brustkorb, Bauch und Becken werden in Mitleidenschaft gezogen. Hinzu kommen die Frakturen. An Handgelenken, Ellenbogen oder am Sprunggelenk.
Forderung nach Einführung
einer Helmpflicht
Michael Riffelmacher ist davon überzeugt, dass schwere Verletzungen dieser Art vermieden werden können, wenn beispielsweise eine Helmpflicht eingeführt wird. So wie es unter anderem in Österreich, Italien und Spanien schon lange der Fall ist. Auch über eine Führerscheinpflicht sollte nachgedacht werden. Zudem sollte prinzipiell darauf geachtet werden, dass nur eine Person auf dem Roller steht. „Ratsam wäre meiner Meinung nach auch, öfter Polizeikontrollen durchzuführen“, sagt Riffelmacher.
Aufklärung und
Austausch mit Eltern
Ihm geht es jetzt vor allem um Aufklärung. Die Rosenheimer Verkehrswacht habe ihn bereits zu einem Vortrag eingeladen, weitere sollen folgen. An Schulen, aber auch im direkten Austausch mit Erziehungsberechtigten.
„Sie sind diejenigen, die die E-Scooter kaufen“, sagt der Arzt. Er hofft, dass sich die Situation in den kommenden Monaten verbessert. „Es braucht ein Umdenken“, sagt er.